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Religionswissenschaftlerin kritisiert Islam-Bild in Schulbüchern. Von Annedore Beelte

«Nach dem 11. September 2001 ist alles schiefgelaufen»

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(KNA). Die Darstellung des Islams in europäischen Schulbüchern ist nach Einschätzung der Religionswissenschaftlerin Gerdien Jonker oft klischeehaft. Jonker, geboren 1951 in Amsterdam, leitet am Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig das Projekt „1001 Idee. Muslimische Kulturen und Geschichte“ (www.1001-idee.eu). Im Interview plädierte sie für ein anderes Bild der islamischen Religion.

Frage: Frau Jonker, wie sieht es aus, wenn europäische Schulbücher den Islam beschreiben?

Gerdien Jonker: Es ist eine Erzählung, die sich im Wesentlichen im Mittelalter abspielt und deren Subtext besagt: Die Muslime eroberten Europa, also mussten „wir“ uns verteidigen. Von Anfang an haben christliche Autoren im Westen Europas muslimische Nachbarn durch die Brille der Religion betrachtet. Seit dem Fall von Konstantinopel wurde die „Ketzerei“, die religiöse „Verirrung“ in Verbindung mit der Aggression gebracht. Die „Mohammed-Erzählung“ ruht auf vier Säulen. Sie beginnt mit der Person Muhammds, dann kommt die Ausbreitung des Islam: Die Landkarte färbt sich auf einmal grün.

Es folgen die Kreuzzüge. In deutschen Schulbüchern sind sie allerdings derzeit auf dem Schleudersitz: Das Saarland hat sie bereits durch das Thema „China“ ersetzt. Zum Schluss kommen die Gastarbeiter, und fest mit ihnen verbunden ist das Dreigestirn Fundamentalismus, Islamismus und Terrorismus. Die Bücher für die Oberstufe gehen seit 2004 ausführlich auf den „Clash of Cultures“ ein. Aber diese Erzählung ist ebenso ein Klischee, wie wenn britische Medien die Deutschen als unverbesserliche Nazis zeichnen.

Frage: Wo liegt der Fehler?

Gerdien Jonker: Das fragen die Lehrer auch. Sie sagen: „Das ist doch so, wo ist das Problem?“ Es ist alles wahr, aber es ist nicht „die Wahrheit“. Es reicht nicht aus, um Schülern den Blick auf eine plurale Welt zu öffnen. Allgegenwärtig in Schulbüchern sind zum Beispiel Fotos von den Hintern Tausender Männer beim Gebet. Das sind verstohlene Blicke von hinten. Wenn man unbedingt den religiösen Aspekt des Lebens von Muslimen darstellen will, kann man auch die Jugendarbeit oder die Predigt in einer Moscheegemeinde zeigen. Oder den Moment nach der Predigt, wenn die Leute dem Imam Fragen stellen. Das würde ein ganz anderes Bild der Religion zeichnen.

Frage: Wie kommt es, dass die Stereotype aus dem Mittelalter bis heute überlebt haben?

Gerdien Jonker: Die Funktion der Muhammad-Erzählung ist die Abgrenzung nach außen. Geschichte wird als Kausalkette erzählt, von der Steinzeit bis heute: Wie sind wir geworden, was wir sind? Um zu formulieren, wer man ist, muss man aber auch andeuten, wo die Grenze ist, wer wir nicht sind. Dafür stand in der Vergangenheit die islamische Welt. Es war eine Grenze, die sehr, sehr weit weg war. Man brauchte dazu nichts über die Realität des anderen zu wissen.

Frage: Und das hat sich nicht geändert, als die Europäer in engeren Kontakt mit dem Islam kamen?

Gerdien Jonker: Um 1800 erschienen einige Reiseberichte aus der islamischen Welt. Aber aus den Schulbüchern sind diese Eindrücke schnell wieder verschwunden, denn der Nationalismus schlich sich herein. Geschichte wurde als Schulfach eingeführt, um den Kindern Ehre und Treue zum Vaterland beizubringen. Ein abstrakter Feind ist da nützlich. Das Bild war erst dann nicht mehr zu vermitteln, als muslimische Kinder in europäische Schulen kamen.

Frage: Sind die bundesdeutschen Schulbücher auf die Einwanderer­kinder eingegangen?

Gerdien Jonker: Nein, sie haben weiterhin die deutschen Kinder angesprochen. Die wurden zu „ethnografischen Expeditionen“ aufgefordert: Sie sollten muslimische Kinder befragen, wie sie beten. Die wiederum mussten oft erst ihre Eltern fragen, weil sie säkular erzogen waren und gar nicht wussten, wie Muslime beten.

Nach dem 11. September 2001 ist alles schiefgelaufen. Noch nie haben Schulbücher so schnell reagiert. Die Schreckensbilder wurden massiv hereingeholt. Muhammad, die Gastarbeiter und der Terrorismus – alles auf einer Seite. Man hätte die brennenden Türme auch in einen anderen Themenkomplex einordnen können, Kriege in der globalisierten Welt etwa. Aber man hat es dem Islam zugeordnet. Jetzt, nach neun Jahren, ändert sich das wieder, aber eine ganze Generation muslimischer Kinder ist damit konfrontiert worden.

Frage: Ist es nicht ein grundsätzliches Problem von Schulbüchern, dass sie vereinfachen müssen?

Gerdien Jonker: Ja, das ist der Fallstrick. Alles muss in hundert Wörtern erklärt werden. Selten werden Schulbücher neu geschrieben. Das kanonisierte Wissen voriger Generationen lagert sich darin ab wie geologische Schichten. Jemand hat sie einmal die „kollektive Biografie eines Staates“ genannt. Das werden wir loswerden müssen. Wir brauchen eine Weltgeschichte. Aber es wird noch einige Generationen brauchen, bevor sich eine globale Erzählung herausgeschält hat.

Frage: Wie kann man Geschichte anders vermitteln?

Gerdien Jonker: Indem man die kausale Kette durchbricht. Man kann biografisch vorgehen, einzelne Momentaufnahmen zeigen. Die Schüler können ihre Eltern und Großeltern befragen: Wie war das früher? Was habt ihr gegessen, was hattet ihr an? Die Schüler werden merken: Geschichte ist größer als das, was ich erlebt habe. Mit dem Projekt „1001 Idee“ wollen wir genau das erreichen. Bisher haben wir im Internet Unterrichtseinheiten über Muslime angeboten, aus einer säkularen Perspektive betrachtet: von „Deutsch-türkischem Hip-Hop“ bis „Christen und Muslime im Nahen Osten“.

Jetzt wollen wir den Schritt zur „Diversity Education“ machen, also Vielfalt nicht nur sichtbar, sondern auch zum Thema des Unterrichts machen. Da geht es nicht nur um die religiöse Vielfalt, sondern auch und vor allem um Essensgewohnheiten, die Auffassungen von Gastfreundlichkeit, die Jugendkulturen, die Herkunftsgeschichten und die kollektiven Erinnerungen. Einen Kanon gibt es nicht. Wir wollen so viele Fenster wie möglich in eine unbekannte Welt aufstoßen. Auswählen müssen die Lehrer selbst. (KNA)

Das Interview führte die KNA-Autorin Annedore Beelte.

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