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Rendsburg: Wirbel um Entscheidung über öffentlichen Muezzin-Ruf. Von Sabine Kleyboldt, Rendsburg

„Untergang des Abendlandes“?

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(KNA). An sich ist Rendsburg eine beschauliche Kreisstadt im Norden der Republik. Doch seit einigen Monaten tobt in dem holsteinischen Ort ein Streit. Stein des Anstoßes: Die Moscheegemeinde hatte beantragt, an ihren beiden Minaretten Lautsprecher anbringen zu dürfen, damit der Ruf des Muezzin weithin zu hören ist.

„Für manche ist das hier der Lackmustest für den Untergang des christlichen Abendlandes“, sagt Bürgermeister Andreas Breitner (SPD). Der 42-Jährige versteht inzwischen die Welt nicht mehr. Erst am 9. Oktober war die Moschee mit ihren beiden 26 Meter hohen Türmen nach zehnjähriger Bauzeit feierlich eröffnet worden. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) bescheinigte dem größtenteils aus Spenden finanzierten Bauwerk eine „wunderbare Ausstrahlung von Sanftmut und Offenheit“.

Inzwischen spüren manche eher das Gegenteil. Nach dem Antrag auf Nutzungsänderung der Moschee durch die Mitglieder des Islamischen Zentrums Rendsburg bildete sich eilends eine Bürgerinitiative „Kein öffentlicher Gebetsruf“. Die von einigen Anwohnern und anderen Interessierten gegründete Gruppe will verhindern, dass der Gebetsruf ein- bis fünfmal am Tag oder gar in der Nacht ertönt. „Im Gegensatz zu Kirchenglocken vermittelt der Gebetsruf einen Inhalt“, geben die Gegner zu bedenken. „Der Muezzin verbreitet grundlegende islamische Dogmatik.“ Im Herbst übergab die Initiative im Rathaus knapp 800 Unterschriften.

Entscheidungshilfe soll nun ein Schallgutachten bringen, das die Stadt von der Moscheegemeinde gefordert hatte. Im Sinne der Religionsfreiheit dürfen Muslime zum Gebet auffordern; fraglich ist nur, wann und wie laut der Ruf ertönen darf, so das Bauamt. Im Gutachten muss nachgewiesen werden, dass der Gebetsruf tagsüber 60 Dezibel und nachts 45 Dezibel nicht überschreitet. Kurzzeitige „Spitzen“ wie etwa durch die nahe gelegene Bahntrasse sind gestattet. Grundlage ist die „Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm“. Die an den Minaretten geplanten Lautsprecher sollen nach Angaben der Moscheegemeinde etwa 65 Dezibel verursachen.

Inzwischen ist das Gutachten da, doch hält die Stadt noch Nachbesserungen für erforderlich, so Bürgermeister Breitner. „Bei der vorliegenden politischen Brisanz müssen wir unsere Entscheidung, die ja auf dem Gutachten basiert, ausgesprochen sorgfältig formulieren.“ Er geht davon aus, dass dem Antrag der Muslime stattgegeben wird, und zwar noch im Januar. Ebenfalls rechnet Breitner damit, dass die Gegner postwendend gerichtlich Widerspruch einlegen werden. Bedenken und selbst ein gewisses Unwohlsein der Anwohner hält der Rathauschef für nachvollziehbar. Dass sich aber auch kritische Stimmen aus Köln, Hamburg und selbst aus der Schweiz einmischen, geht ihm zu weit. „Natürlich kamen wir auch ins Fahrwasser des Schweizer Volksentscheids zum Minarett-Verbot“, bedauert er.

Wie heikel das Thema Islam allgemein in der Gesellschaft wird, zeigte sich auch, als die evangelische Bischöfin Maria Jepsen im Dezember sagte, der öffentliche Muezzin-Ruf sei für sie grundsätzlich vorstellbar. Die Argumente, die in der anschließenden Diskussion aufgefahren wurden, kennt Breitner nur zu gut. „Es riefen mich Leute an, die sagten ‘Wissen Sie nicht, dass im Irak Christen hingerichtet werden?’ Das sind für uns hier völlig sachfremde Argumente“, hält der Bürgermeister dem entgegen.

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