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Richtig Streiten lernen

Der Beitrag: Es besteht Hoffnung, dass die Diskussion weitergeht. Von Martin Wittner

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Foto: A. Bas, Twitter

(iz). Am 28. November veröffentlichte die „Süddeutsche Zeitung“ einen Artikel unter dem Titel „Ein Ort zum Streiten“, geschrieben von Matthias Drobinksi. Der Text widmet sich der Frage, was die Deutsche ­Islamkonferenz (DIK) für einen Wandel erfahren hat und welchen Aufgaben sie sich heute mit Horst Seehofer (CSU) ­stellen muss, der Muslime, aber nicht ­Islam als Teil Deutschlands sieht.

Wie kann es sein, dass die Meinungen hier zwischen dem Statement des da­maligen Innenministers Schäuble (CDU) und Seehofer nun so weit auseinanderliegen? 2006 gehörte der Islam zu Deutschland, 2018 nicht mehr und demnächst vielleicht noch zur Hälfte oder zwei Dritteln. Dieses Pendeln verwirrt auf den ersten Blick, ist aber zugleich ein Zeichen gelungener Beteiligung durch Muslime an der deutschen Gesellschaft.

Wie kann man darin jetzt etwas Gutes sehen, fragen immer wieder Menschen. Diese Haltung, dass ein so komplexes Themengebiet in einer Demokratie nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden kann, zeigt, dass sich auch Deutschland weiterhin in einem Lernprozess befindet, was seine eigene Haltung zu dieser Staatsform bedeutet.

Denn eine Religion, ein Begriff für ­etwas nicht Greifbares, zeichnet sich durch die Fülle ihrer Bekenner und deren Gedanken aus. Bei einem Alter von rund 1.400 Jahren und einer Anzahl von ­geschätzt 2,2 Milliarden Anhängern ­alleine zum jetzigen Zeitpunkt, macht das unzählige Islam-Verständnisse, von denen wiederum jedes seinen Einfluss auf die nächste Generation ausübt.

Was bedeutet das konkret für Deutschland? Muslime können 2018 stolz ­behaupten, dass sie in Deutschland noch nie so eine gespaltene Gemeinschaft ­waren wie heute. Es gibt im Internet zu jeder Sekunde Kommentare in sozialen Netzwerken. Der Büchermarkt weist ­jedes Jahr neue Publikationen aus allen Lagern auf. Filme wie „Alles Koscher“ oder „Sheikh Jackson“ sind auch für ein „westliches“ Publikum ausgelegt und werden von der Kritik gefeiert. In Deutschland sind es die Datteltäter, die bereits 2017 den Grimme Online Award erhielten für ihre komödiantische Aufarbeitung von gesellschaftlichen Missständen und Alltagsproblemen.

Islam ist mittlerweile mitten in der Mitte des Westens angekommen. Daher erübrigt sich eigentlich die Frage, ob „der Islam“ zu Deutschland dazugehört. ­Arabisch-islamische Beziehungen mit Normannen lassen sich sogar bereits im 12. Jahrhundert unserer Zeitrechnung ausmachen.

Die Frage ist also nicht, ob „der Islam“ zu Deutschland gehört, sondern welcher Islam so aufgebaut ist, dass er mit der deutschen Politik interagieren kann. Durch die Tatsache, dass Muslime hier geboren und aufgewachsen sind, macht sie das zu genauso deutschen Bürgern wie Horst Seehofer, Angela Merkel (CDU) oder eben halt auch Alexander Gauland (AfD). Sie fordern Teilhabe, aber es hat noch keine Organisation ­geschafft, sich als kompetenter Ansprechpartner zu etablieren. „Liberale“ kämpfen mit dem fehlenden Rückhalt aus den Gemeinden, „Konservative“ haben wiederum der fordernden Jugend nicht viel außer Regeln und Struktur zu bieten, während einige andere sich bereits komplett aus dem Diesseits verabschiedet haben.

Horst Seehofer hat also Recht, wenn er sagt, Islam gehöre nicht zu Deutschland, weil seine Idee von Deutschland genauso wenig auf den rein territorialen Grenzen beruht, wie Pierre Vogels ­Islamverständnis auf dem Qur’an. Wir befinden in uns in einer wichtigen Phase unserer jungen demokratischen Geschichte. Denn wir müssen herausfinden, was es bedeutet „deutsch“ zu sein und wie wir es bewältigen können, gegen­sätzliche Positionen zu tolerieren, ohne dass es zu einer Meinungshoheit von ­Extremisten kommt.

Die große Hoffnung ist hier, dass die Auseinandersetzungen weitergehen und gestritten wird, bis wir irgendwann einen Kompromiss gefunden haben, damit sich die Demokratie nicht wieder selber im Wege steht, wie etwa zu Zeiten der Weimarer Republik.

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Martin Wittner

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