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Rolle der Imame – Umfassende Fähigkeiten

Hintergrund: Die Rolle der Imame in den Moscheen ist einer der wichtigen Punkte für Muslime in Deutschland , meint Yasin Alder

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(iz) Kürzlich fand sich im Internet eine Meldung, die den Eindruck erweckte, der deutsche Staat wolle aktiv Einfluss auf die inneren Strukturen der muslimischen Vereine nehmen. Besagter Meldung nach bemühe sich das deutsche Innenministerium um die „Einschleusung bestellter Prediger“ aus Algerien nach Deutschland. Der Referent in der Abteilung Grundsatzfragen des BMI, Johannes Urban, der auch die Islamkonferenz vorbereitet hat, habe bei einem Besuch in Algier entsprechende Verhandlungen mit dem algerischen Ministerium für religiöse Angelegenheiten geführt. Ziel dieses Transfers von Imamen sei es, „von den algerischen Erfahrungen bei der Überwachung muslimischer Gotteshäuser“ zu profitieren und dafür „algerische Prediger“ zu benutzen, „die in deutsche Moscheen eingeschleust werden“, so die Seite „german-foreign-policy.com“. Angeblich bestünden laut Urban in Deutschland „terroristische Zellen“, in denen gerade junge Muslime tätig seien.

Auf Anfrage der Islamischen Zeitung dementierte das BMI diese Meldung allerdings mit dem folgenden Wortlaut: „Der Bericht entbehrt einer seriösen Grundlage. Der erwähnte Referent war nicht in Algerien und hat keine Verhandlungen mit Vertretern des ‘Ministeriums für Religiöse Angelegenheiten’ geführt. Die Thesen über Aktivitäten des BMI sind schlicht unwahr.“

Die dementierte Meldung bietet jedoch Anlass, einmal auf das Thema der Imame in deutschen Moscheen einzugehen. Der Inhalt der vermeintlichen Nachricht, die unter Muslimen Verwunderung hervorrief, erschien ohnehin nur schwerlich glaubwürdig. Denn algerische Imame sind bisher in Deutschland nur sehr spärlich zu finden, nicht zuletzt auch deshalb, weil es hierzulande anders als in Frankreich keine nennenswerte algerischstämmige Community gibt. Das Gros der Imame in Deutschland stammt aus der Türkei, in den arabischsprachigen Moscheen zum großen Teil aus Marokko und an zweiter Stelle aus Ägypten, hinzu kommen in den Moscheen der jeweiligen ethnischen Gruppen Imame aus Bosnien, den albanischsprachigen Regionen und Pakistan. Selbst wenn die besagte Meldung gestimmt hätte, wäre es sicher äußerst schwierig gewesen, algerische Imame selbst in den arabischsprachigen Moscheen zu „platzieren“. Denn zum Einen dürften die Kontakte des algerischen Religionsministeriums zu den Moscheen, die mit Algerien nichts zu tun haben, gelinde gesagt schwierig aufzubauen sein, zum anderen würden die Moscheegemeinden einen Imam, der auch nur von dem Ruch umgeben ist, gewissermaßen ein von einem Staat geschickter Kundschafter zu sein, wohl kaum akzeptiert werden, zumindest nicht freiwillig. Wie man Imame in deutschen Moscheen auswählt, integriert und bezahlt, wird immer mehr zu einem wichtigen innenpolitischen Thema. Während etwa bei den türkischen und bosnischen Moscheen, die fast ausschließlich Verbänden angehören, die Imame von den Verbänden geschickt werden, mit Zustimmung der Moscheevereine vor Ort, wählen die arabischsprachigen Moscheen ihre Imame in der Regel selbst aus. Es sind so gut wie immer Imame, die dem Vorstand oder Einzelnen davon schon bekannt sind. Bei den marokkanischen Moscheevereinen gibt es unterschiedliche Intensitätsgrade der Bindung an den marokkanischen Staat, die Botschaft und die Konsulate. Das marokkanische Ministerium für religiöse Angelegenheiten entsendet bisher noch nicht in strukturierter Weise Imame nach Deutschland.

Eine solche, eher informelle Auswahl der Imame hat nicht nur Vorteile. Oft sind die Vorstände nicht in der Lage, die tatsächliche Qualifikation der Imame zu beurteilen und welche Positionen und Ausrichtung sie vertreten. Stattdessen zählen oft eher persönliche Sympathie und Bekanntschaft oder wie schön der Imam beim Gebet den Qur’an rezitieren kann. Daher ist es in der Vergangenheit in einigen Fällen wissentlich, in einigen Fällen unwissentlich vereinzelt auch dazu gekommen, dass Imame in Moscheen angestellt wurden, die auch extremes Gedankengut vertreten haben, das vom islamischen Konsens abweicht.

Was die Finanzierung der Imame betrifft, so wird diese zum Beispiel bei der Organisation DITIB, die eng mit dem türkischen Ministerium für religiöse Angelegenheiten verbunden ist, zentral von der Organisation übernommen und liegt nicht beim Moscheeverein vor Ort. Die meisten anderen Moscheen müssen über Mitgliedsbeiträge und Spenden nicht nur für das genutzte Gebäude und die laufenden Kosten, sondern auch für den Unterhalt des Imams aufkommen. Dieser fällt dann in aller Regel recht knapp aus. Nun sollten Imame nach bestimmten klassischen Rechtsmeinungen für ihre Imamstätigkeit als solche gar nicht bezahlt werden. Viele hatten daher früher noch andere Einkommensquellen, etwa als Händler oder Handwerker, später kamen Stiftungen dafür auf. Die Gefahr einer finanziellen Abhängigkeit – in Deutschland von den Moscheevorständen – liegt auf der Hand: Die Unabhängigkeit der islamischen Lehre kann dadurch einer Einflussnahme unterworfen und letztlich korrumpiert werden. Aus Angst, den Job zu verlieren, verzichtet man auf wahre, aber unpopuläre Aussagen oder auf Kritik am Verhalten der Moscheegemeinde. Im schlimmsten Fall wird nur noch das erzählt, was die Gemeinde hören will. Beispiele dafür gibt es durchaus. Man hört von Imamen immer wieder die Klage, dass in der Gemeinde an einer wirklichen Lehre kaum Interesse bestehe und die Aufgaben des Imams sich auf das Vorbeten, die Freitagsansprache und eine schöne Rezitation beschränken, aber nicht darüber hinaus gehen sollen. Der Respekt gegenüber dem Imam als Autorität in islamischen Fragen und seine Möglichkeiten, positiv Einfluss auf das Gemeindeleben zu nehmen, haben darunter in vielen Moscheen stark gelitten. Zwar ist es richtig, dass die Moscheevorsitzenden als „Amire“ die politische Autorität innerhalb der Vereine innehaben. De facto ist in vielen Moscheen in Deutschland aber weniger das Problem zu finden, dass die Imame zu viel zu sagen hätten und die Vorsitzenden zu wenig, sondern eher der umgekehrte Fall.

Der Verband IGD ist hierzulande im arabischsprachigen Spektrum der einzige Verband neben den vielen unabhängigen Moscheen. Man lege Wert auf eine Ausbildung der Imame in Europa, sagt Ibrahim El-Zayat von der IGD, etwa an Instituten wie dem im französischen Château-Chinon, in England oder Albanien. Man habe mittlerweile auch schon einzelne Imame, die der zweiten Generation angehören und in Deutschland aufgewachsen sind. Außerdem habe man einen Rat der Imame gegründet, so El-Zayat. Auch die die Deutschsprachigkeit spiele eine Rolle. „Vor allem aber geht es um das Gedankengut, das ist der Schlüssel. Wir möchten ein islamisches Mainstreamverständnis haben und keine Imame, die Extremismus unterstützen oder ein eng gefasstes Islamverständnis haben, das nicht hier her passt. Die Deutschsprachigkeit zur Bedingung zu machen, ist noch nicht möglich, weil es noch zu wenig deutschsprachige Imame gibt“, so El-Zayat gegenüber der IZ.

Bei DITIB werden nach wie vor die Imame vom Amt für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) des türkischen Staates für vier Jahre aus der Türkei nach Deutschland entsandt. Die Problematik dabei liegt auf der Hand: Selbst wenn die Imame Deutsch lernen und sich bemühen, werden sie spätestens dann, wenn sie sich tatsächlich eingelebt, mit der hiesigen Situation vertraut gemacht und Kontakte zum gesellschaftlichen Umfeld aufgebaut haben, wieder abberufen und aus dem, was sie eventuell aufgebaut haben, herausgerissen. Wenn von vornherein klar ist, dass man nur für begrenzte Zeit in Deutschland sein wird, ist die Motivation, sich entsprechend in den hiesigen Kontext einzuarbeiten, für die Imame verständlicherweise gering. Man bleibt dann eben Gast auf Zeit. Immerhin denkt DITIB über eine Änderung dieses Verfahrens bereits nach: „Es wird über weitere Modelle nachgedacht, und auf der Grundlage der bilateralen Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei sind mögliche Änderungen durchaus denkbar“, heißt es vom Verband auf eine entsprechende Anfrage der IZ. Auch lege man bei DITIB großen Wert auf die Deutschkenntnisse der Imame sowie auf ihre Kenntnisse über die deutsche Gesellschaft. Es gebe mittlerweile in Ankara eine Fortbildung für Imame in deutscher Landeskunde, die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft, dem Goethe-Institut, der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Diyanet angeboten wird. „Die Imame erhalten somit Unterricht in deutscher Landeskunde und mittlerweile 630 Stunden Deutschunterricht“, so DITIB.

Ein Vorteil ist, dass die Imame bei DITIB „ein theologisches Hochschulstudium abgeschlossen haben und Erfahrung von mindestens fünf Jahren in der Tätigkeit des Imams nachweisen können“, wie es vom Verband heißt. So sind die Imame recht gut ausgebildet und oft jünger als in den Moscheen anderer Verbände, wo bisher nicht selten pensionierte Imame aus der Türkei tätig sind und erst allmählich verstärkt jüngere Imame zu finden sind. DITIB plant zudem, Abiturienten aus Deutschland die Möglichkeit zu bieten, in der Türkei Islamische Theologie an der Universität Ankara zu studieren, in Kooperation mit der Diyanet und dem deutschen Staat. „Darüber hinaus wird seit etwa vier Jahren an der Frankfurter Goethe-Universität Islamische Theologie im Rahmen der Evangelischen Fakultät als Studienfach angeboten, um in Deutschland kompetente Theologen auszubilden“, heißt es weiter von DITIB.

Es gibt einige grundsätzliche Fragen, die sich stellen, wenn man das Thema Imame in Deutschland betrachtet. Zum einen ist dies die Frage, ob aus anderen Ländern „importierte“ Imame ohne deutsche Sprachkenntnisse und Kenntnisse des Ortes wirklich eine gute Lösung sind. Sicherlich gibt es unter ihnen einige, die eine sehr gute Ausbildung und authentisches Wissen haben.

Man muss sie intensiv an die Hand nehmen, einen Sprachkurs machen lassen und ihnen eine gute Kenntnis der deutschen Gesellschaft und der aktuellen Lage und auch der Probleme vermitteln. Hier sind die Moscheegemeinden gefordert. Auf eine Ausbildung von Imamen in Deutschland kann dennoch nicht länger verzichtet werden – allerdings unter muslimischer Leitung. Eine eventuelle Einflussnahme des Staates kann nicht hingenommen werden. Was würde beispielsweise die katholische Kirche sagen, wenn der deutsche Staat Priester ausbilden würde? Auch eine Einflussnahme des Staates auf die Auswahl der Imame würde zu sehr in die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit eingreifen. Dann stellte sich die Frage, inwieweit eine Trennung von Staat und Religion noch gewährleistet ist. In Frankreich, das ja über einen staatlich eingesetzten Rat der muslimischen Organisationen verfügt, besteht bereits die paradoxe Lage, dass ein eigentlich streng laizistischer Staat im Falle des Islam massiv versucht, Einfluss auf die innermuslimischen Strukturen zu nehmen.

Fakt ist: Die Ausbildung von Imamen ist eines der Kernanliegen der Muslime. Nur, wer soll sie übernehmen? Es wäre sicherlich sinnvoll, eine solche Ausbildung in neu zu schaffenden Strukturen über die Verbandsgrenzen hinweg zu regeln.

Man sollte dabei nicht vergessen, dass grundsätzlich selbstverständlich jede Moscheegemeinde das (sozusagen basisdemokratische) Recht hat, sich ihren Imam selbst auszusuchen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass ein Imam nicht mit einem Priester im Christentum zu vergleichen ist. Zwar ist es üblich, in Moscheen eine Person zu haben, die gewöhnlich das Gebet leitet und sich dadurch auszeichnet, besonders viel vom Qur'an auswendig zu kennen, gut rezitieren zu können, gute Kenntnisse des islamischen Wissens, insbesondere natürlich auch der Regeln der Verrichtung der Gebete, zu besitzen und von den Moscheebesuchern mehrheitlich respektiert zu werden. Allerdings kann im Prinzip jeder Muslim, der die Regeln des Gebetes kennt und etwas vom Qur'an rezitieren kann, auch Vorbeter sein. Ist in einer Moschee der Imam nicht anwesend, bestimmt die Gemeinde spontan jemanden, der das Gebet leitet. Es sind in manchen Verbänden Tendenzen zu erkennen, dass möglichst nur ein vom Verband bestellter Imam das Gebet leiten darf und man diese natürliche Flexibilität kaum noch zuzulassen bereit ist. Dies würde aber zu einer „Verkirchlichung“ des Islam führen. Jeder Muslim (und natürlich auch jede Muslimin) sollte grundlegende Kenntnisse des Islam, der Glaubensinhalte und der wichtigsten Regelungen des Fiqh haben und sich diese aneignen. Dies kann nicht den Imamen allein überlassen bleiben. Der Status des Freitagspredigers hingegen ist noch ein anderer; hier ist im Vergleich zum Vorbeten bei den täglichen Pflichtgebeten doch etwas mehr erforderlich. Es ist eine Aufgabe, mit der man nicht leichtfertig umgehen sollte, und ein „jeder kann es machen“ ist hier nicht angebracht. Nicht umsonst gibt es in vielen Moscheen in der muslimischen Welt einen oder mehrere Imame, die die täglichen Gebete leiten, und einen anderen, der die Freitagskhutba hält. In Deutschland gibt es diese Trennung, abgesehen von gelegentlichen Gastrednern bei den Freitagsansprachen, in der Regel nicht.

Was heute fehlt, ist eine offene Debatte unter Muslimen zu Themen wie Islam und Nationalismus, Islam und Terrorismus und eine saubere Unterscheidung von Kultur und Islam. Um solche Debatten unter Beteiligung der Imame und Gelehrten, denen bislang in der hiesigen Debatte fast ausnahmslos gar keine Stimme gegeben wird und die auch in den Verbänden eine viel zu geringe Rolle spielen, zu ermöglichen, braucht es eine freie Lehre und unabhängige Gelehrte, die sich frei zu Themen äußern können, ohne als lohnabhängige Angestellte eines Verbandes oder eines Moscheevereins durch finanzielle Abhängigkeit daran gehindert zu sein. Es braucht auch mutige Imame, die nicht aus – womöglich ganz unbegründeter – Angst, politisch inkorrekt zu sein, Dinge offen ansprechen, auch wenn diese bei Funktionären unpopulär sind – um die Reinheit der islamischen Lehre zu schützen, die nicht politischer Opportunität geopfert werden darf. Das schließt nicht aus, ein Gespür für das Angemessene zu haben und für eine Prioritätensetzung. Die Reinheit der Lehre zu schützen heißt eben nicht, mit dem Vorschlaghammer vorzugehen und die Realität der Lage zu verkennen. Das heißt gleichzeitig jedoch nicht, dass Imame nun zu Politikern werden sollen – während manche Politiker sich heute nicht scheuen, sich wie Gelehrte zu verhalten und den Eindruck zu erwecken, dass sie deren Wissen und Weisheit gar nicht mehr nötig hätten. Die Auswahl der Imame bleibt also für Muslime und Nicht-Muslime eine entscheidende Frage.

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