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Round Table zu Integration und Medien machte unterschiedliche Standpunkte deutlich. Von Yasin Alder

Nur unverbindlicher Dialog?

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(iz). Der erste von der neuen niedersächsischen Integrationsministerin Aygül Özkan einberufene Runde Tisch zur Integration, auch Round Table genannt, hat am 16. August stattgefunden, mit dem Thema Migration und Medien. Unter regem Medieninteresse nahmen daran 60 Vertreter der Medien und damit verbundener Verbände und Stiftungen teil, darunter auch mehrere türkischsprachige Medien und die Islamische Zeitung, sowie Vertreter aus dem Bereich verschiedener Migrantenorganisationen. Muslimische Verbände oder Organisationen waren allerdings nicht vertreten. Auch der niedersächsische Ministerpräsident McAllister, der eigentlich ein Grußwort halten sollte, war doch nicht gekommen; er zog einen anderen Termin vor.

Dem etwa zweieinhalbstündigen Treffen war eine Kontroverse um die ursprünglich von Özkan geplante „Mediencharta für Niedersachsen“ vorausgegangen, welche eigentlich beim Runden Tisch unterzeichnet werden sollte. In der Charta sollten sich Journalisten zu einer „kultursensiblen“ Sprache, der „nachhaltigen Unterstützung“ des Integrationsprozesses in Niedersachsen sowie der Initiierung und Begleitung von Projekten zur Förderung der Integration verpflichten.

Dazu kam es jedoch nicht. Unter anderem der Deutsche Journalistenverband und die niedersächsische SPD-Fraktion hatten den Entwurf als zu weitgehende Einflussnahme kritisiert und abgelehnt. Nachdem einer Art Machtwort von Ministerpräsident McAllister musste Özkan ihr Vorhaben wieder zurückziehen.

Am „Round Table“ war anfänglich von der Kontroverse nicht viel zu spüren; die unterschiedlichen Standpunkte der Migrantenvertreter und der meisten Medienvertreter wurden dennoch schnell deutlich.

Banafsheh Nourkhiz von der Arbeitsgemeinschaft Migranten und Flüchtlinge Niedersachsen, die eines der vier Impuls-Statements hielt, bezeichnete die Medien wegen ihrer meinungsbildenden Funktion als „treibende Kraft im Integrationsprozess“. Sie könnten Klischees über Migranten vermeiden oder auch verstärken. Zugleich spielten sie auch eine wichtige Rolle für die Identitätsbildung der Migranten. Derzeit würden die Medien in ihrer Berichterstattung den gesellschaftlichen und demografisch veränderten Realitäten noch nicht gerecht. Auch gebe es noch viel zu wenig Medienschaffende mit Migrationshintergrund.

Viele der anwesenden Medienvertreter hingegen wollten sich diesen Schuh der Verantwortung allerdings so gar nicht anziehen. Wolfgang Fürstner, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) und Vorstandsmitglied der Deutschlandstiftung Integration, widersprach Nourkhiz sogleich: „Medien haben keinen gesellschaftspolitischen Erziehungsauftrag.“ Medien seien eben auch Wirtschaftsunternehmen, und wenn Migrantenthemen sich schlechter verkauften, müsse man dies so hinnehmen. Auch Thorsten Hapke, NDR-Redakteur und Vorsitzender der Landespressekonferenz, stieß in die gleiche Kerbe: Medien seien kein Motor gesellschaftlicher Entwicklungen, bestenfalls „Transmissionsriemen“, am ehesten aber „Spiegel der Gesellschaft“, deren Aufgabe höchstens sei, darauf zu achten, dass das Spiegelbild nicht zu sehr verzerrt werde. Dass „only bad news good news“ sind, sei vielleicht ganz normal im Leben, weil dies die Leute eben interessiere, sagte nicht nur Hapke. „Wir bilden die gesellschaftliche Realität ab, sind aber nicht dafür da, gesellschaftliche Realität zu verändern“, so Hapke.

Die Vorsitzende des Niedersächsischen Integrationsrates (NIR), Koralia Sekler, forderte hingegen, dass Mediennutzer mit Migrationshintergrund in allen Formaten berücksichtigt werden müssten, nicht nur in Sonderformaten. Sie wandte sich auch gegen „Quoten“- oder „Vorzeige“-Migranten in den Medien. Außerdem müsse es einen Paradigmenwechsel geben, mit dem Abstand von einer vorwiegend defizitorientierten Berichterstattung genommen werden müsse. In der folgenden Diskussion ging es um die Frage, wie Migrationsthemen medial dargestellt werden und wie dies durch die Migrantenverbände wahrgenommen wird, welche Möglichkeiten des Kompetenzerwerbs im Medienbereich es für Menschen mit Migrationshintergrund gibt und wie es um den Stand ihrer Teilhabe bestellt ist, und welche nächsten Schritte man von diesem Runden Tisch ausgehend unternehmen könnte.

Viele der sich zu Wort meldenden Migrantenvertreter wollten es den Medien nicht so leicht machen, sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen. Alptekin Kirci von der Türkischen Gemeinde Niedersachsen meinte, dass Medien durchaus die Meinungsbildung steuerten und auch Politik machten, denn sie gäben auch Themen vor, auf die die Politik sich dann stürze, wie etwa das Beispiel Ehrenmorde. „Es wird die Kuh durchs Dorf getrieben, ohne Rücksicht auf Verluste“, und die Politik stürze sich dann in oberflächlicher Weise darauf, so Kirci. Zahra Deilami, Integrationsbeauftragte der Stadt Peine, kritisierte, dass wenn ein Deutscher Ehemann seine Frau erschieße, in den Medien von „Familiendrama“ die Rede sei. Wie bei Tätern mit Migrationshintergrund auch sollte dies aber ebenfalls als „Ehrenmord“ bezeichnet werden. Andere Diskutanten gaben zu bedenken, dass negative Berichte über Migranten in den Medien für diese durchaus auch nachteilige Folgen im gesellschaftlichen Zusammenleben haben könnten. Muammer Duran vom Rat der türkischen Vereine in Niedersachsen sagte: „Wir als Migranten erwarten nicht, bevorzugt behandelt zu werden (…), sondern eine differenzierte Betrachtung“, und erwähnte als Negativbeispiel das unrühmliche „Spiegel“-Cover über die „Stille Islamisierung Deutschlands“. Dies sei eindeutig Meinungsmache. Eckhart Pohl vom NDR meinte hingegen, die Medien seien der Bevölkerung positiv voraus, denn in dieser finde sich Ausländerfeindlichkeit viel stärker als in den Medien.

Als es schließlich darum ging, konkrete Arbeitskreise aus den Teilnehmern zu bilden, um eine weitere Kooperation zwischen Migrantenvertretern und Medien zu organisieren, gaben sich maßgebliche Medienvertreter deutlich reserviert. Man sei zwar offen dafür, sehe den Bedarf aber als nicht so groß an wie bei anderen, sagte etwa Eckhart Pohl für den NDR. Die bestehenden Kontrollgremien seien im Grunde ausreichend. Es gebe einen Staatsvertrag, es gebe Programmrichtlinien, daher bestehe kein Gesprächsbedarf, sagte der Vertreter des ZDF kategorisch. Und weiter: „Wir bilden die interkulturelle Vielfalt Deutschland ab. Punkt.“

Bei solch deutlichen Ansagen hat es beinahe den Anschein, als habe man die Ministerin Aygül Özkan mit ihrer Initiative auflaufen gelassen. So konnte diese nur mit sehr allgemeinen und unverbindlichen Worten schließen, etwa dass deutlich geworden sei, dass man solche Plattformen brauche und es wichtig sei, dass dieser Dialog stattfinde. „Es ist ein Thema, das uns alle bewegt und das wir alle bewegen“, sagte Özkan, und „lobte die Journalisten für eine Teilnahmebereitschaft, die diese gar nicht erklärt haben“, wie eine Tageszeitung schrieb. Die mangelnde Einsicht gerade der Vertreter großer öffentlich-rechtlicher und Mainstreammedien hinsichtlich ihrer eigenen Verantwortung war in der Tat überraschend.

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