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Rückblick auf ein bewegtes Leben: die IZ im Gespräch mit Fatima Grimm

„Die Akzeptanz kommt einfach, wenn man sich nicht verkriecht“

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(iz). Fatima Grimm ist fast schon ein Urgestein des Islam in Deutschland, denn am 25. Juli 1960 wurde sie Muslimin – vor fast genau 50 Jahren. Seitdem ist viel passiert, wie die Islamische Zeitung im Interview erfuhr. Zur Zeit ist Fatima Grimm etwa dabei, ihre Autobiografie fertig zu stellen. Wer also mehr wissen möchte, dem sei angeraten, darin weiterzuschmökern.(Am 6. Mai 2013 ging sie von uns, möge Allah ihrer Seele gnädig sein)

Islamische Zeitung: Frau Grimm, könnten Sie ein bisschen über sich selbst erzählen?

Fatima Grimm: Ich bin 1934 – in der Nazizeit – als Helga Wolff in München geboren. Meine Kindheit war recht glücklich; ich wuchs mit drei weiteren Geschwistern auf, und uns ging es gut. Ich machte meine mittlere Reife, ging mit 18 Jahren für ein Jahr nach England, war später Reporterin für verschiedene Zeitungen und auch Sekretärin, wobei mir meine guten Englischkenntnisse sehr zur Hilfe kamen und auch heute noch hilfreich sind, wenn es etwa um die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche geht. So habe ich zum Beispiel vor einiger Zeit eine Qur’aninterpretation von der Nurcu-Bewegung, die bis dahin nur auf Türkisch und Englisch verfügbar war, ins Deutsche übersetzt und hatte dadurch die Möglichkeit, der deutschen Gesellschaft neue Gedanken zugänglich zu ­machen. Doch zurück zu meiner Jugend: Wir wurden atheistisch erzogen, und da mir das nicht genügte, suchte ich schon früh nach Orientierung. Eine Zeit lang ­fühlte ich mich als Zeugin Jehovas, da unsere Hausangestellte Erna, die ich sehr ­mochte, eine war und mich dafür begeistern konnte. Als wir von Haus zu Haus gingen und an jede Türe klopften, um von unserem Glauben zu erzählen, hielt mich Erna vor dem Haus des örtlichen ­Pfarrers mit dem Argument zurück, bei Glaubensträgern könne man dies nicht ­machen. Da war für mich der Wurm drin, und ich verabschiedete mich und suchte weiter. Ich nahm an verschiedenen Zeltlagern von Protestanten teil, ließ mich aber letztendlich bei einem katholischen Benediktinerpater taufen. Auch dann hatte ich jedoch nicht das Gefühl, meinen Weg gefunden zu haben.

Islamische Zeitung: Wie sind Sie dann zum Islam gekommen?

Fatima Grimm: 1958 lernte ich meinen ersten Mann kennen. Er war Tscheche, hatte in Prag Orientalistik studiert, war später wegen des Kommunismus nach Deutschland gegangen. Ihn hatte vor allem die arabische Schrift und Kalligraphie sowie die Moschee-Architektur fasziniert, weshalb er bereits mit 16 Jahren bei einem tschechischen Muslim sein Glaubensbekenntnis aussprach und sich von da an Omar Abdul Aziz nannte. Wir lernten uns also kennen, und auch ich fühlte mich vom Islam angezogen und konvertierte 1960 bei einem russischen Imam, der in Bayern für die Flüchtlinge aus seiner Heimat zuständig war – in dem Jahr, in dem wir auch heirateten. Wir kannten damals keine Muslime in unserer Umgebung und versuchten, uns die islamische Praxis aus dem Buch anzueignen. Das fühlte manchmal zu komischen Dingen: so wusste ich nicht, dass man beim Beten ein Kopftuch trägt, betete zuweilen also einfach mit Nachthemdchen, und fand es schon optimal, wenn ich es wenigstens ein, zwei Mal täglich schaffte. Und im ersten Ramadan, den ich einhielt, fastete ich alle 30 Tage, weil ich nicht wusste, dass Frauen an bestimmten Tagen von dieser Pflicht ausgenommen sind. Natürlich fragten wir uns auch, ob es nicht unsere Verpflichtung sei, in einem islamischen Land zu leben, um unsere Religion besser praktizieren zu können. Schließlich war unsere Antwort: Ja, und da Pakistan damals gerade gegründet war, gingen wir also 1962 in dieses Land. Dort durchlebte ich dann sozusagen meine muslimische Kinderstube, bekam dann auch mein erstes Kind, Saifuddin, und fühlte mich rundherum wohl. Omar aber, der ja unseren Lebensunterhalt verdienen musste, war enttäuscht darüber, dass alles nicht so rosig war, wie wir es uns erträumt hatten. Nach drei Jahren kehrten wir also nach München zurück.

Islamische Zeitung: Wie ging es dann in Deutschland weiter? In den 60ern kamen ja auch die ersten Gastarbeiter und muslimischen Studenten.

Fatima Grimm: Genau. Als wir zurückkamen, gab es bereits eine Reihe von Studenten, vor allem aus arabischen Ländern, in Deutschland. Sie sammelten eifrig Spenden für ihre eigene Gebetsstätte. Im Jahre 1967 wurde dann der Grundstein für die heute noch bestehende Moschee in München-Freimann gelegt, und ich war dabei und hörte den ersten Adhan unter „meinem“ weißblauen Himmel. Dort war ich dann lange ehrenamtlich aktiv, kümmerte mich um die Einrichtung eines muslimischen Friedhofs, den muslimischen Kindergarten und die Schule für die islamische Gemeinschaft. Ich war begeistert vom Islam und war 100 Prozent bei der Sache. Meinem ersten Mann Omar habe ich dadurch das Leben wohl nicht leicht gemacht, ihm war das alles zu viel. Nach 25 Jahren Ehe trennten wir uns also im Jahr 1983 einvernehmlich, und ich war erst einmal allein.

Islamische Zeitung: Bis dahin waren Sie in München? Wie hat es Sie dann nach Hamburg verschlagen?

Fatima Grimm: Das ist eine wundersame Geschichte. Auf meiner Pilgerfahrt (‘Umra) 1982 freundete ich mich sehr mit den Kindern von Abdul Karim Grimm an, die ebenfalls mit ihrem Vater daran teilnahmen und deren Mutter etwa sechs Jahre vorher verstorben war. Als die ältere Tochter Nadija erfuhr, dass ich alleinstehend war, schrieb sie mir kurzerhand einen Brief und fragte: „Fatima, warum kommst du nicht nach Hamburg und heiratest unseren Papa?“ Und so schlossen wir tatsächlich am 1. April 1984 den Bund der Ehe, und ich zog ich von München nach Hamburg, wo ich bis heute lebe. Es waren 25 Jahre, die mir viel Glück und viele unvergessliche gemeinsame Erlebnisse beschert haben, alhamdulillah. Am Anfang war es natürlich nicht einfach, sich aneinander zu gewöhnen, da ich ja sozusagen eine ganze Familie heiratete – Abdulkarim hatte ja drei Kinder aus seiner zweiten Ehe, und in Amerika gab es noch seine Tochter Jasmin, von deren Mutter er sich aufgrund der schrecklichen jugoslawischen Bestimmungen schon nach ganz kurzer Ehe wieder trennen musste. Ich lebe heute, nachdem mein Mann, den ich so sehr vermisse, ja im Februar 2009 verstorben ist, mit meiner Stieftochter und ihrer Familie in einem Haus und habe Gott sei Dank ein sehr gutes Verhältnis zur gesamten Familie.

Islamische Zeitung: Wie hat sich das Verhältnis der Gesellschaft zu Islam und Muslimen Ihrer Meinung nach im Laufe der Zeit und vor allem nach dem 11. September verändert?

Fatima Grimm: Ich habe schon Veränderungen erkennen können. Früher war man dem Islam gegenüber nicht so voreingenommen wie heute. Man wusste nicht viel über ihn, aber er war geduldet. Ich selbst wurde damals oft als Exotin betrachtet, da es nicht viele ­Muslime in Deutschland gab und ­Konvertiten schon gar nicht. Das hat sich inzwischen geändert; es gibt immer mehr Menschen, die sich für den Islam entscheiden, auch für dessen spirituelle Facetten. Die Moscheen füllen sich, und die nichtmuslimische Gesellschaft wundert sich und reagiert teilweise ängstlich auf diesen regen Zulauf. Man bemerkt schon eine allgemeine Skepsis gegenüber Muslimen. Ich persönlich habe aber recht wenige negative Erfahrungen gemacht; es ist eher das allgemeine Klima, das sich verändert hat.

Islamische Zeitung: Gibt es so etwas wie eine deutsch-muslimische Kultur? Und wie verorten Sie sich da?

Fatima Grimm: Der Islam wird nach außen hin oft noch als Ausländerreligion betrachtet, obwohl wir meiner Meinung nach doch schon längst hier angekommen sind. Deshalb haben Abdul Karim und ich uns auch für die Deutsche Muslim-Liga eingesetzt, die es immerhin schon seit mehr als 50 Jahren im Deutschen Vereinsregister gibt. Wir sind Gott sei Dank immer gut mit allen muslimischen Geschwistern ausgekommen und haben stets gute Beziehungen zu vielen Vereinen und Gemeinden unseres Glaubens in Deutschland gepflegt. Ich denke schon, dass der Islam hierher gehört und sich gerade in den letzten Jahren auch sehr viel getan hat. Es gibt Bücher wie „Deutsch, muslimisch, weiblich“ von Lamya Kaddor, die sich ganz klar hier verortet, was ich gut finde. Ich selbst gehe mit meinem so genannten Burkini, dem Ganzkörperbadeanzug, regelmäßig im Hallenbad schwimmen. Natürlich waren die anderen Schwimmer erst einmal skeptisch, ab und an bekomme ich die eine oder andere Bemerkung ab, aber die meisten Besucher haben sich inzwischen an meinen Anblick gewöhnt. So verhält es sich mit vielem: Die Akzeptanz kommt irgendwann einfach, wenn man sich nicht verkriecht, sondern zeigt, wie sehr man seinen Glauben liebt. Eine andere Sache ist der Religionsunterricht für alle. Mein Enkelsohn besucht so einen Unterricht, und ich findet das sehr gut, da man dort über alle Religionen etwas erfährt. Die Hauptsache ist doch, dass wir alle, die wir in diesem Land leben, einander achten.

Islamische Zeitung: Sie sind 76 Jahre alt und haben viel erlebt. Womit beschäftigen Sie sich im Moment?

Fatima Grimm: Vor einem Jahr ist mein Mann gestorben, und das war sehr schwer für mich. Ich habe jedoch sehr viel Unterstützung und Zuspruch bekommen, was mir sehr geholfen hat, mich wieder aufzurappeln. Im Moment bin ich mit Dr. Peter Schütt, dem Verfasser einiger schöner und heiterer Bücher über den Islam, dabei, meine Erlebnisse als Muslima in Deutschland aufzuschreiben, und bin, so Gott will, auch fast fertig damit. Ab und zu gibt es Übersetzungsprojekte, und vor kurzem habe ich ein Buch mit Geschichten rund ums Kopftuch von Musliminnen in aller Welt zusammengestellt, das inscha Allah demnächst beim Verlag des Haus des Islam verfügbar sein wird. Oft werde ich von Leuten aus der muslimischen Community angerufen und um Rat gefragt, auch in Sachen Heirat. Da ist oft guter Rat sehr schwierig! Aber ich bin unendlich dankbar, dass ich noch so aktiv sein kann, ebenso wie für all die schönen und manchmal herausfordernden Jahre, die hinter mir liegen.

Islamische Zeitung: Vielen Dank, Fatima Grimm!

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