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Sadiq Khan ist nichts Neues

In der ganzen Geschichte regierten Muslime europäische Städte. Von Juan Cole

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Foto: Wikimedia Commons | Public Domain

Die Presse bezeichnete Sadiq Khan, den Gewinner der jüngsten Wahl zum Londoner Stadtoberhaupt, als den „ersten muslimischen Bürgermeister einer wichtigen europäischen Stadt“.

Sie meinen natürlich so etwas wie „der erste muslimische Bürgermeister einer wirklich großen westeuropäischen Stadt (sagen wir, in den letzten beiden Jahrhunderten)“. Auch wenn Khan gewählt wurde und viele – nicht alle – der Figuren, die ich folgend erwähnen werde, ernannt wurden, war das in der Vergangenheit die Norm. In London wurde der damalige Stadtrat erstmals 1889 gewählt. Und der Bürgermeister wurde erstmals 2000 direkt bestimmt. Alle städtischen Führer wurden noch bis vor Kurzem in ihr Amt bestimmt.

Es lohnt sich darauf hinzuweisen, dass die Vorstellung von Europa als „christlich“ oder vielleicht auch „nach-christlich“ eine Konstruktion ist. Sie kann nur aufrechterhalten werden, wenn sehr große Scheren an die Geschichtsbücher angesetzt werden. Das Christentum hat seine Ursprünge im Nahen Osten, genauso wie der Islam.

Während der letzten großen Eiszeit – ungefähr von 25.000 bis 13.000 vor unserer Zeitrechnung – war Europa überwiegend unbesiedelt. Immerhin war es mit Eis von bis zu 4,5 Kilometern Höhe bedeckt. Seitdem das Eis verschwunden ist, hat der Kontinent verschiedene Einwanderungswellen erlebt. Die Menschen kamen aus dem Gebiet der heutigen Türkei und Syriens (in der Tat), aus Eurasien sowie Afrika.

Erst im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung breitete sich das Christentum ernsthaft in Europa aus. Nur vier Jahrhunderte später hatte es in Spanien und Südfrankreich im Islam einen ernsthaften Wettbewerber. Der christliche Glaube wurde viel langsamer angenommen, als die meisten Leute es wahrnehmen. Es gab große Enklaven von mehrheitlich heidnischen Resten und Häresien, die hunderte Jahre oder mehr andauerten.

Daher sollte die religiöse Landschaft des mittelalterlichen Europas im Wesentlichen als dreigeteilt betrachtet werden: Heidnische Fortbestände, ein sich ausbreitendes Christentum sowie ein wachsender Islam. Der Islam ist eine führende europäische Religion und hat hier eine beinahe 1.300-jährige Tradition.

Zu den bisher gewählten muslimischen Stadtoberhäuptern gehören Erion Veliaj in Tirana, Ahmed Aboutaleb von Rotterdam und Shpend Ahmeti, Bürgermeister Prishtinas. Das mehrheitlich muslimische Sarajevo wählte 2013 den Christen Ivo Komsic zum Stadtoberhaupt.

Gehen wir zurück in die Geschichte, dann standen Teile Spaniens – oft sogar große Teile – von 711 bis 1492 unter muslimischer Herrschaft. So wurde Abdarrahman I. 756 zum Amir von Cordoba ausgerufen. Wir reden hier über eine bedeutende westeuropäische Stadt. Im zehnten Jahrhundert war die spanische Metropole die bevölkerungsreichste weltweit.

Das arabisch-muslimische Emirat Sizilien dauerte von 831 bis 1072 an. So war Dscha’far Al-Kalbi (983-985) Amir von Sizilien und daher auch Bürgermeister der Hauptstadt Palermo.

Die Osmanen regierten (1458-1832) den Großteil des heutigen Griechenland. Hier ist ein Bild des osmanischen Gouverneurs von Athen aus dem Jahre 1815 (eineinhalb Jahrzehnte vor der griechischen Unabhängigkeit). Ich glaube, dass Athen als wichtige europäische Stadt gelten kann. Es stand beinahe 400 Jahre unter osmanischer Kontrolle.

Zwischen 1541 und 1699 herrschten die Osmanen über die Mehrheit des ungarischen Gebietes. Buda (die Hälfte der Doppelstadt Budapest) war die Hauptstadt dieser osmanischen Provinz. Während sie dort waren, unterstützten die Osmanen die protestantische Bewegung. Abdurrahman Abdi Pascha, ein Albaner, war 1682 Militärgouverneur von Budapest. Auch die ungarische Metropole muss wohl als wichtige europäische Stadt gelten.

Serbien stand von 1402 bis 1878 unter osmanischer Verwaltung (in der späteren Periode als ein Vasallenstaat). Beispielsweise wurde Haci Mustafa Agha im Juli 1793 zum Militärgouverneur von Belgrad ernannt.

Von Konstantinopel ganz zu schweigen. Istanbul ist eine der größten europäischen Städte (14 Millionen Menschen innerhalb der Stadtgrenzen!). Ihr Bürgermeister ist Dr. Kadir Topbas, ein Muslim.

Also, Muslime an der Spitze großer europäischer Städte sind seit beinahe 1.300 Jahren ein Gemeinplatz. Und selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten einige Balkanstädte noch muslimische Gouverneure. Sadiq Khans Sieg war ein bedeutsamer. Wir sollten glücklich sein, dass eine anti-muslimische und skurrile Kampagne gegen ihn von Seiten der Tories vom gesunden Menschenverstand der Londoner abgeblockt wurde.

Wir sollten den wirren Gedächtnisverlust Europas über die zentrale Rolle des Islam und der Muslime in seiner Geschichte nicht auch noch verstärken. Das nachrömische Byzantinische Reich war nur ein Jahrhundert alt, als der Islam nach Europa kam. Sadiq Khan hat viele berühmte Vorläufer unter den städtischen Führern der europäischen Muslime.

Nachtrag: Die Entgegnung von Kommentatoren auf eine erste Version dieses Textes, dass diese Stadtoberhäupter Eroberer und keine gewählten Vertreter gewesen seien, ist lächerlich. Bis vor sehr kurzer Zeit traf das auf viele Führer dieser Art zu. Die Briten wurden von Normannen regiert. Die germanischen Stämme in Frankreich, Italien und Spanien waren eindringende Eroberer. Slawische Stämme kamen aus dem Osten nach Osteuropa. Muslimische Gemeinwesen waren da nicht anders. Außerdem beteiligten sie ihre nichtmuslimischen Untertanten und Verbündeten.

Der Text erschien Anfang Mai auf dem Blog des Autors. Übersetzung und Abdruck mit ausdrücklicher Genehmigung.

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