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Sari Saltuk in Blagaj

Legenden eines Derwisches: Eine Anekdote von der Ausbreitung des Islam auf dem Balkan

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Foto: org.wikipedia.tr

(iz). Die Frage, wie Islam auf den Balkan kam, ist heiß umstritten. Kam er mit Schwert? Oder war es, wie Noel Malcolm in seiner Geschichte der Balkanstaaten schreibt, dass Christen Islam aus weltlicheren Gründen annahmen; als eine Chance, voranzukommen?

Ich neigte immer eher der zweiten Theorie zu. Sie schien mir die realistischere zu sein. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto mehr überzeugte mich die Idee der größtenteils friedlichen Ausbreitung des Islam in der Region – und der grundlegenden toleranten Natur der osmanischen Herrschaft. Und doch möchte ihr einen dritten Grund anführen und einen Schritt weitergehen: Bosniaken nahmen Islam als Resultat einer spirituellen Überzeugung an, die der Grundlagenarbeit von türkischen Derwischen wie Sari Saltuk geschuldet war.

Er war ein halb-legendärer türkischer Derwisch des 13. Jahrhunderts, der von seinem Scheikh auf den Balkan entsandt wurde. Sari Saltuk wurde zur Figur eines epischen, türkischen Mythos, dem manche übermenschliche Leistung zugeschrieben wurde. Es wird gesagt, dass er der ursprüngliche Nikolaus war, der ­prototypische Weihnachtsmann. Bevor er starb, legte er in seinem Testament fest, dass seine sterblichen Überreste in Gräbern in den Domänen von zwölf Königreichen begraben werden sollten, mit denen er zu tun hatte. Angeblich erstrecken sich heute 12 seiner Gräber von Schweden bis Anatolien, von denen eini­ge sowohl von Christen als auch von Muslimen besucht werden.

Eines dieser Gräber soll im bosnischen Ort Blagaj liegen. Es liegt 40 Minuten Fahrt entfernt von der Stadt Mostar in der Provinz Herzegowina. Eines Tages setzte ich es mir in den Kopf, seine Türbe (türkisches Wort für Grab) zu besuchen.

Von Sarajevo nach Mostar sind es rund 135 Kilometer. Der Zug nach Mostar war antik – ohne Klimaanlage. Seine schmierigen Fenster blicken auf eine wechselnde Landschaft und winkende Kinder.

Gegenüber von mir sitzt eine Gruppe Jugo-Amerikaner – zwei Burschen und zwei Mädchen. Ich nehme mein Buch über Sari Saltuk raus. Es ist eine kleine Studie von Senad Micijevic, einem Historiker der Universität Mostar. „Die Geschichte des Balkans und Südosteuropas zur Zeit der osmanischen Eroberung zu schreiben, ist nicht möglich, ohne die Rolle und den Einfluss von Sari Saltuk auf die politischen, militärischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Umstände zu berücksichtigen“, schreibt der Autor.

Das sagenhafte Leben der Figur wurde von Barden besungen und ging von Mund zu Mund in der osmanischen ­Türkei. Schließlich wurde das  1480 im „Saltukname“ festgehalten, einem 1.235 Seiten langem Epos. Die dreibändige ­Arbeit über das Leben des Sufis wurde von Abu’l-Khair Rumi geschrieben. Es ähnelt dem „Kitab Dede Korkut“, einem der bekanntesten türkischen Epen.

Die biografischen Einzelheiten sind kaum festzustellen. Die Angaben über ihn überschneiden sich mit den Lebensgeschichten anderer Grenzkrieger (türk. gazi) und Heiligen (türk. evliya). Ihn umranken unzählige Volkssagen. An manchen Orten aus seiner Biografie überschneiden sich Fakten mit Mythen. Und einige Dinge sind schlicht Märchen. So wurden ihm vielfach Wunderkräfte zugeschrieben. Sari Saltuk sollte Entfernungen von fernen Gegenden im Augenblick überwinden können. Er galt als unüberwindbar. Engel und Dschinn sollen dem Derwisch im Kampf gegen Tyrannen, Hexen und Monstern geholfen haben.

Sari Saltuk soll in der Lage gewesen sein, Wunder zu vollbringen. Er soll gegen Hexen, Riesen und andere übernatürliche Wesen wie einen siebenköpfigen Drachen gekämpft haben; manchmal ­gemeinsam mit anderen epischen Helden wie Osman Gazi, Orhan Gazi und ­Nasreddin Hoca. Es finden sich in den Legenden geflügelte Pferde, Bäume und Tiere, die sprechen. Er soll einmal mit einem Volk zu tun gehabt haben, dessen Augen auf dem Kopf waren. Nach seinem Tod wurde er entsprechend seiner fast unbesiegbaren Natur zuerst vergiftet und dann erstochen, atmete aber seinen letzten Atemzug nicht aus, bevor er seinen Mörder sofort tötete.

Wir wissen, dass Sari Saltuk Waise war und seinen Vater im Alter von drei Jahren verlor. Wir wissen auch, dass er aus Zentralanatolien stammte und von Iznik nach Üsküdar in Istanbul kam, worauf er in die Dobrudscha (Bulgarien) zog. Der osmanische Reiseschriftsteller Evliya Çelebi gab seinen eigentlichen Namen mit Muhammad Buhari an.

Als ein Derwisch, der eine einflussreiche Rolle in der spätseldschukischen Gesellschaft spielte, war er mit der Tariqat der Bektaschis verbunden. Es heißt, er sei ein Schüler von Hadschi Bektaschi Veli gewesen, der ihn angeblich nach Rumelien (dem osmanischen Namen für den Balkan) entsandte, um dort in der Dobrudscha eine Basis zu schaffen.

Sari Saltuk soll zu jenen kolonisierenden Derwischen gehören, die sich ab 1263 auf den Weg machen, um Tekkes (Sufi-Herbergen) auf dem Balkan zu gründen. Dort boten sie Reisenden und Fremden Sicherheit. Es heißt, dass diese Einrichtungen der schließlich kommenden türkischen Übernahme im 14. Jahrhundert den Weg ebneten.

Von ihm wurde gesagt, er habe einen Traum gehabt. Darin soll ihm eine Rolle bei der Schaffung eines Sultanats vorhergesagt worden sein. Danach habe er ihn dem Herrscher Gazi Osman vorgetragen. Dieser interpretierte den Traum und riet ihm dazu, nach Rumelien zu gehen.

Sari Saltuk soll „der Vater der rumelischen Türken“ sein, der „ganz Anatolien und den Balkan erleuchtet“ habe. Sultan Mehmed Fatih träumte während der ­Belagerung von Istanbul im Jahr 1453 angeblich davon, dass Sari Saltuk ihm sagte, der Schlüssel zu Istanbul liege in Edirne. Der Sultan soll das als Zeichen interpretiert haben, die alte osmanische Ortschaft nicht zu vernachlässigen.

Ihm wird zugeschrieben, mehrere Sprachen zu beherrschen. Ebenso soll Sari Saltuk das Evangelium gekannt haben. Es gibt Hinweise darauf, wonach er ein Hafidh war, also den Qur’an auswendig kannte. Sicher ist, dass er eine sehr charismatische Persönlichkeit war, die bereits während seiner Lebenszeit zur Legende wurde. Nach Angaben des „Saltukname“ kämpfte er mit Priestern. Er soll gelegentlich deren Gewänder angelegt und in Kirchen gepredigt haben, wobei er sich als katholischer Geistlicher ausgab, während er Christen heimlich zum Islam aufrief. Sein deutscher Biograf Franz Babinger schrieb, dass er bei seinem Tod 1297 (im Alter von 99 Jahren) von vielen mit unterschiedlichen byzantinischen Heiligen verwechselt wurde – beispielsweise mit St. Naum und St. Nikalas.

Nach seinem Tode wurden ihm mehrere Gräber zugeschrieben, die sich von Ostanatolien, über den Balkan bis nach Osteuropa erstrecken. Das „Saltukname“ spricht von 12 Gräbern. Darin heißt es, dass verschiedene Herrscher und Fürsten Schutzherrn über einen Sarg mit Teilen seiner Überreste sein wollten. In vielen Fällen werden die Gräber bis heute ­besucht und respektiert. Barfüßige Pilger zünden Kerzen und Weihrauch an. Sie opfern rituelle Opfer von Schafen oder Ziegen. In einigen Fällen besuchen Christen und Muslime die Orte. Eines befindet sich in Blagaj in der Herzegowina – und dorthin ging ich.

Als ich den Zug in Mostar verließ, betrat ich ein anderes Klima. Nicht mehr das satte, grüne Bosnien, sondern die heiße und trockene Herzegowina. Während ich ein paar Stunden bis zu meinem Bus nach Blagaj hatte, besuchte ich die berühmte Brücke. Hochgewölbt und buckelig, wurde sie 1993 zerstört. Gebaut wurde die jahrhundertelange Verbindung zwischen dem muslimischen und christlichen Teil der Stadt von einem Schüler des bekannten Architekten Mimar Sinan.

Der Bus nach Blagaj fährt durch den muslimischen Teil Mostar, der im Krieg am härtesten betroffen war, vorbei an kugeldurchsiebten Kriegsruinen, die mit grün gesäumten islamischen Todesmeldungen versehen waren. Dann geht es durch Weinberge, struppelige Hügel und Schafe auf einem Fußballplatz. Nach vierzig ­Minuten kamen wir in Blagaj an. Als ich vor einem schattigen Café mit dem bosnischen Wappen im Fenster rausgelassen wurde, erfüllte das Geräusch von Zikaden die Luft. In einem Café aß ein zahnloser Alter Eis, während sein Kumpel türkischen Kaffee trank. Die Hauptstraße war gesäumt von niedrigen Häusern. Als ich zum Fluss hinunterging, fand ich einen Campingplatz, baute mein Zelt auf und machte mich auf den Weg zur Tekke – der Derwisch-Herberge, in der die Türbe von Sari Saltuk beheimatet ist.

Unter Klippen, die sich Hunderte von Metern bis zur Festung Stjepangrad erheben, mündete der Fluss Buna. 1470 bauten Janitscharen die Tekke – eine zweistöckige, weiß getünchte Holz- und Gipsstruktur im türkischen Stil mit überhängenden Traufen und einem Schieferdach. Im Inneren befindet sich ein Grab mit grünem Turban, der an seinem ­Pfosten befestigt ist und einer von zwölf Ruheplätzen für die Überreste von Sari Saltuk sein soll.

Hier traf ich Umut, einen jungen Muslim in den Zwanzigern, der die Tekke leitete. Wir saßen auf einer Bank unter dem Mimosenbaum und unterhielten uns. Wir sprachen über die Leute, die die Tekke besuchten. Es gab Menschen aller Nationalitäten, viele Polen und Tschechen, Türken. Aber keine Serben. Das heißt, es gab Serben aus Belgrad, die offen und weltoffen waren, aber keine aus der Republika Srpska.

Unten auf dem Campingplatz am Fluss lag ich in einer Hängematte zwischen schattigen Olivenbäumen und aß gelbe Feigen. Der Gebetsruf war gerade über dem Rauschen des Flusses zu hören. ­Neben mir fischte ein Mann.

Der Bursche, der den Campingplatz leitete, war ein zwanzigjähriger Muslim namens Enver. Er lud mich zu türkischem Kaffee in die kleine Höhle am anderen Ende der Baustelle ein, wo er sein Büro hatte. Neben Enver gab es drei weitere. Alle rauchten und tranken türkischen Kaffee. Auf dem Tisch stand eine Colaflasche mit konzentriertem Kirschsaft. „Alles hier ist organisch“, sagte Enver. „Die Leute bauen alles an. Keine Notwendigkeit zu kaufen. Es ist ein gutes Leben.“

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Robert Rigney

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