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Schiller und die Geschichte

Zur Sicht unseres Nationaldichters auf das Vergangene

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Foto: Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

(iz). Vor 230 Jahren, am 26. Mai 1789, hielt unser Dichterfürst, Friedrich Schiller, eine Rede. Schillers Freude darüber diese Rede halten zu dürfen, speiste sich daraus zu wissen, dass unter den Studierenden „schon manches wirksame Genie für das kommende Zeitalter aufblüht“. Er behielt Recht. Auch ein junger, enthusiastischer Namensvetter war anwesend. Uns, der Nachwelt, ist er bekannter unter seinem Künstlernamen: Novalis. Mehr als zwei Jahre später schreibt dieser in einem Brief: „Ach! wenn ich nur Schillern nenne, welches Heer von Empfindungen lebt in mir auf (…) Mein Morgen- und Abendgebet ist um Gesundheit: um die glänzendsten Lebensperioden Schillers mitgenießen zu können, um von ihm begeistert auch höhern Zwecken nachzustreben…“

Ja, er wurde von ihm begeistert. Er wurde zum bedeutendsten Poeten der Frühromantik, der dieser Epoche die „blaue Blume“ schenkte. Er hat trotz seines derart frühen Todes ein Werk hinterlassen, das nachwirkte. Goethe, der Imperator, der deutschen Geistesgeschichte, sagte über Novalis, dass er hätte ein Imperator werden können, wenn er denn nicht so früh verstorben wäre… – und in seinem Werk finden sich Ideen, die Schiller am besagten Tage, der sich nun wieder jährte, in seinen Geiste säte.

Zu jedem spreche die Geschichte und habe etwas Bedeutendes mitzuteilen; sie scheint zu sagen: „Schöpfe aus mir, auf dass du dich zu einem vollkommeneren Menschen bildest.“ Sich zu bilden, so Schiller, sei die Bestimmung, die alle Geschöpfe teilen – und wie klingt diese Idee später bei Novalis: „Wir sind auf einer Mission: zur Bildung der Erde sind wir berufen.“ Doch bevor Schiller ausholt, was ein Studium der Geschichte für einen Nutzen hat, schildert er, was den philosophischen Geist vom Brotgelehrten unterscheidet (in einem früheren Artikel sind wir auf diese Unterschiede bereits eingegangen) und er fordert die Studenten auf zu wählen, was sie sein möchten. Das Kennzeichen dessen, was einen guten Historiker ausmache, sei seine Fähigkeit, den Zusammenhang der Gegenwart mit der Vergangenheit herzustellen: „Die kleine Summe von Begebenheiten, die nach allen bisher geschehenen Abzügen zurückbleibt, ist der Stoff der Geschichte in ihrem weitesten Verstande.

Was und wie viel von diesem historischen Stoff gehört nun der Universalgeschichte? Aus der ganzen Summe dieser Begebenheiten hebt der Universalhistoriker diejenigen heraus, welche auf die heutige Gestalt der Welt und den Zustand der jetzt lebenden Generation einen wesentlichen, unwidersprüchlichen und leicht zu verfolgenden Einfluß gehabt haben.“

Ein Beispiel: Gemäß Schiller ist es nötig, die Begebenheiten, die dazu geführt haben, dass ich, ein türkischstämmiger Deutscher, diesen Artikel schreibe, zu kennen, um sie sich erklären zu können: Ohne Ersten Weltkrieg und Zweiten Weltkrieg würde ich diesen Artikel nicht schreiben. Denn mein Opa ist damals nach Deutschland gekommen, um hier Arbeit zu finden. Er wäre es nicht, wenn nicht nach dem Ersten Weltkrieg die Muslime in der Türkei Repressalien ausgesetzt gewesen wären. Das Lesen und Lehren des Qur’ans musste im Geheimen vonstatten gehen. Dies war ein Umstand, der meinen Opa dazu veranlasste, dem aus Deutschland erschallenden Ruf nach Arbeitskräften Gehör zu geben. Deutschland wiederum hätte diesen Ruf nicht erschallen lassen, wenn es nicht so dermaßen zerstört worden wäre nach dem Weltkrieg. Mein Opa kam, arbeitete und blieb, sodass meine Eltern sich kennenlernen konnten und ich hier, auf deutschem Boden, in der Lessingstadt, das Licht der Welt erblicken durfte. Dadurch wurde mir die Fähigkeit Deutsch zu sprechen in die Hand gegeben.

Dies alles geschah ohne mein Zutun. Etwas, das ohne des Menschen Zutun geschieht, wird als Zufall bezeichnet. Was war noch nötig, um das Schreiben dieses Artikels zu bewirken – was sagt Schiller in seinem „Don Karlos“ bereits zwei Jahre bevor er seine Rede hält, die Teil der Universalgeschichte ist, da sie noch heute wirkt: „Was ist Zufall anders, als der rohe Stein, der Leben annimmt unter Bildners Hand? Den Zufall gibt die Vorsehung – zum Zwecke muss ihn der Mensch gestalten.“ Der Zufall, mein „roher Stein“ ist mein Geborenwerden in Wolfenbüttel. Dadurch lernte ich, ob ich will oder nicht, die deutsche Sprache. Doch mit diesen mir gegebenen Fähigkeiten, Schiller zu lesen und zu versuchen ihn zu verstehen und auch ihm nacheifernd zu schreiben und zu dichten, bedurfte meiner Gestaltung des Zufalls. „Der rohe Stein“ nahm Leben an „unter (meiner) Hand.“

Um „diese Bruchstücke durch künstliche Bindungsglieder (…) zu einem vernunftmäßig zusammenhängendem Ganzen“ zu verketten, bedürfe es, so Schiller, der Hilfe des „philosophische(n) Verstand(s).“ Der Brotgelehrte kann dies nicht leisten. Denn: sein Zweck ist nicht Wahrheit, sondern Ruhmsucht und Beifall der herrschenden Klasse. Es ist nicht verkehrt hier von Ideologie zu sprechen. Wer Begebenheiten durch die Brille einer Ideologie betrachtet und in Zusammenhang zu bringen sucht, dem bleibt die Erkenntnis der Wahrheit verwehrt. Wenn das Anerkennen einer Wahrheit dazu führt, dass ein System zerbröselt, wird der Brotgelehrte Zusammenhänge nicht herstellen; da er durch den Zusammenbruch des Systems sein Ansehen und seine Stellung verlieren könnte.

Nur der philosophische Kopf ist in der Lage den Menschen Wahrheit zu geben, während der Brotgelehrte die Wahrheit verzerrt darzustellen sucht, um die Menschen für die eigene Ideologie zu gewinnen. Aus diesem Grund eignet lediglich der philosophische Kopf sich dafür als Historiker tätig zu sein. –

Novalis lauscht andächtig Schillers Worten. Er fühlt die Saat, die in den kommenden Jahren Früchte tragen wird. Wenige Jahre später schreibt er in seinem „Heinrich von Oefterdingen“, seinem Fragment gebliebenen Roman: „Man lasse ein Kind eine Maschine, einen Landmann ein Schiff beschreiben, und gewiß wird kein Mensch aus ihren Worten einigen Nutzen und Unterricht schöpfen können, und so ist es mit den meisten Geschichtsschreibern, die vielleicht fertig genug im Erzählen und bis zum Überdruss weitschweifig sind, aber doch gerade das Wissenswürdigste vergessen, dasjenige, was erst die Geschichte zur Geschichte macht, und die mancherlei Zufälle zu einem angenehmen und lehrreichen Ganzen verbindet. Wenn ich das alles recht bedenke, so scheint es mir, als wenn ein Geschichtsschreiber notwendig auch ein Dichter sein müßte, denn nur die Dichter mögen sich auf jene Kunst, Begebenheiten schicklich zu verknüpfen, verstehn.“

Was Schiller philosophischer Kopf nennt, bezeichnet Novalis als Dichter. Jedem „denkenden Betrachter“, so Schiller, biete die Geschichte „Gegenstände des Unterrichts“, „dem Weltmann“ biete sie „herrliche Muster zur Nachahmung“ und „dem Philosophen so wichtige Aufschlüsse.“ Um diese Zeit, in der wir leben, besser begreifen zu können, ist es notwendig zu begreifen, was für Begebenheiten sich bisher ereigneten. Dies formuliert Goethe in seinem Faust I auf eindrückliche Art und Weise: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.“ Weil die verschiedenen Zeitalter sich ähneln, ist es möglich Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und in seiner Zeit zu wirken, um selbst die Zukunft zu beeinflussen.

Ein philosophischer Kopf erkennt also an: Alles, was bisher geschah, war absolut notwendig, damit dieser Moment, in dem wir uns befinden, möglich ist. Um ein Beispiel auch von Schiller zu nennen: „Unsre rauen Vorfahren in den thüringischen Wäldern mußten der Übermacht der Franken unterliegen, um ihren Glauben anzunehmen. Durch seine wachsenden Reichthümer, durch die Unwissenheit der Völker und durch die Schwäche ihrer Beherrscher mußte der Klerus verführt und begünstigt werden, sein Ansehen zu mißbrauchen und seine stille Gewissensmacht in ein weltliches Schwert umzuwandeln. Die Hierarchie mußte in einem Gregor und Innozenz all ihre Gräuel auf das Menschengeschlecht ausleeren, damit das überhandnehmende Sittenverderbnis und des geistlichen Despotismus schreiendes Skandal einen unerschrockenen Augustiner-Mönch auffordern konnte, das Zeichen zum Abfall zu geben und dem römischen Hierarchen eine Hälfte Europens zu entreißen, – wenn wir uns als protestantische Christen hier versammeln sollten.“ Schiller geht auf den Moment, indem er sich vor 230 Jahren befand, ein und verdeutlicht, wie es dazu kam, dass er seine Rede halten kann. Er erkennt selbst eine Niederlage als etwas Gutes und Schönes an – Schiller erkennt den Bruch mit der eigenen Geschichte als etwas Bedeutendes und Großes an, wenn dieser Bruch Anlass dafür wird, Menschlichkeit in sich auszubilden.

Die Taten der Vorzeit haben großen Einfluss darauf, wie in der Gegenwart zu handeln möglich ist. „Selbst in den alltäglichsten Verrichtungen bürgerlichen Lebens können wir es nicht vermeiden, die Schuldner vergangener Jahrhunderte zu werden (…).“ Was wir essen, trinken, wie wir uns kleiden, kurz: Unserem gesamten Lebensstil haben wir den Taten unserer Vorgänger zu verdanken. Dieser ist der „rohe Stein“, der in unserer Hand zu einem neuen, noch schöneren Bild werden muss. Die Größe der Menschen in der Vorzeit und die scheinbare Unmöglichkeit in der Gegenwart darf nicht zur Lähmung führen. Denn wir, die jetzige Generation, ist der nachfolgenden schuldig, verbesserte Lebensumstände, d.h. einen geschliffeneren Stein zu hinterlassen. Dies formuliert Goethe sehr eindrücklich in seiner Italienischen Reise: „Wenn wir finden, das Vergangene sei groß gewesen, muß es uns aufmuntern, selbst etwas von Bedeutung zu leisten, das fortan unsre Nachfolger, und wär’ es auch schon in Trümmer zerfallen, zu edler Tätigkeit aufrege, woran es unsre Vorvordern niemals haben ermangeln lassen.“

Schiller hat es nicht ermangeln lassen. Er äußert in seiner Rede, dass nur der Brotgelehrte die Wissenschaften voneinander trenne, der philosophische Geist oder mit Novalis’ Worten, der Dichter, vereine die Wissenschaften und stelle ihren Zusammenhang her. Diese Idee wurde gepflanzt und die Romantiker nahmen sie wie fruchtbarer Boden auf.

Sogar Friedrich Schlegel gestand sich in seinen Wiener Vorlesungen ein, dass Schiller der „wahre Begründer unsrer Bühne“ sei. Die Romantiker sind ein Bespiel dafür: Wer von Schiller lernt, der wird dazu befähigt, die Welt bildend zu verändern… Das Schlusswort gebührt Schiller: „Ein edles Verlangen muß in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen. Wie verschieden auch die Bestimmung sei, die in der bürgerlichen Gesellschaft Sie erwartet – etwas dazu steuern können Sie alle!“

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Ahmet Aydin

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