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„Schlimmer als die Pandemie“

Todesfälle und Börsenkurse: Finanzschlacht um Covid-19-Profite hat begonnen

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Foto: Shyntartanya, Shutterstock

BERLIN/WASHINGTON(Eigener Bericht). Aus der deutschen Wirtschaft werden Forderungen nach einer Abkehr von den jüngsten Schutzmaßnahmen im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie laut. Die Maßnahmen träfen die Wirtschaft schwer, urteilt ein einflussreicher deutscher Finanzmanager: Der „akute Absturz der Weltwirtschaft“ sei „der weit größere und gefährlichere Stresstest als Sars-CoV-2“. Man müsse fragen, ob es richtig sei, dass zehn Prozent der Bevölkerung „geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden“.

Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE urteilt, die „Folgen der Virusbekämpfung“ könnten „schlimmer sein … als die Folgen des Virus selbst“. Ähnliche Stimmen sind aus den Vereinigten Staaten zu hören; dort äußert der Vizegouverneur von Texas, alle sollten „zurück an die Arbeit“ gehen: Er selbst, im 70. Lebensjahr stehend, und manch anderer seien bereit, ihr „Leben zu riskieren, um das Amerika, das alle lieben, … zu bewahren“. Die Äußerungen erfolgen, während die Todesfälle ansteigen, die Börsenkurse kollabieren und eine Finanzschlacht um Covid-19-Profite begonnen hat.

„Besser Grippe als eine kaputte Wirtschaft“
Erste Stimmen aus der deutschen Wirtschaft fordern öffentlich eine Abkehr von den jüngsten Schutzmaßnahmen im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie. Man dürfe nicht vergessen, „welche brutalen Folgen die bisherigen Maßnahmen bereits für die Weltwirtschaft haben“, erklärt Alexander Dibelius, ein einflussreicher Finanzmanager, einst Deutschlandchef der Investmentbank Goldman Sachs, im Interview mit dem Handelsblatt: „Der akute Absturz der Weltwirtschaft mit all seinen Folgewirkungen“ sei „der weit größere und gefährlichere Stresstest als Sars-CoV-2“.

„Als Individuum“ sei er dafür, „unsere Alten und Schwachen nicht [zu] gefährden und schon gleich gar nicht sterben [zu] lassen“. „Als Systemtheoretiker“ aber müsse man „anders argumentieren“. So müsse man fragen: „Ist es richtig, dass zehn Prozent der – wirklich bedrohten – Bevölkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden“ – dies „mit der unter Umständen dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands massiv und nachhaltig erodiert?“ Dibelius nimmt dazu für sich die Position in Anspruch: „Lasst uns die Gefährdeten schützen, aber ich infiziere mich halt, denn besser eine Grippe als eine kaputte Wirtschaft.“

„Wirtschaftlich nicht zu verkraften“
Dibelius, der in der Vergangenheit unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel beraten hat, hat sich immer wieder mit Äußerungen hervorgetan, die Beobachter oft zurückhaltend als „provokativ“ einstufen. So erklärte er Anfang 2010 im Rückblick auf die globale Finanzkrise und die Rolle von Finanzinstituten darin: „Banken müssen nicht das Gemeinwohl fördern“. Über das Interview mit ihm erklärt die Handelsblatt-Redaktion, die von Dibelius „begonnene Diskussion“ sei „schmerzhaft und kontrovers“, müsse aber „in verantwortungsvoller Weise geführt werden“.

Tatsächlich sind in den vergangenen Tagen weitere ähnliche Vorstöße unternommen worden. So äußert Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, in der Tageszeitung Die Welt seine „Zweifel“ an den Einschätzungen von „Virologen und Epidemiologen“: „Der eine sagt dies, der andere das. Und einig sind sie sich selten.“

Döpfner erklärt, er befürchte, die „Folgen der Virusbekämpfung“ könnten „schlimmer sein … als die Folgen des Virus selbst“. „Am Ende“ sei er der Ansicht, die aktuellen Schutzmaßnahmen seien „richtig“ – allerdings lediglich „für kurze Zeit, wenige Wochen“. „Längerfristig“ sei „Stillstand gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch nicht zu verkraften“.

„Nicht zum finanziellen Problem werden lassen“
Ähnliche Äußerungen sind aus den Vereinigten Staaten zu hören. Dort hat Präsident Donald Trump bereits am Montag erklärt, die aktuellen Beschränkungen im Kampf gegen die Pandemie sollten „recht bald“ aufgehoben werden; bei dem Zeitraum gehe es „nicht um Monate“.

Der Covid-19-Virus sei „ein medizinisches Problem“: Man dürfe ihn nicht „zu einem langfristigen finanziellen Problem“ werden lassen. Das könne man mit keinem Land machen, schon gar nicht „mit der Wirtschaft Nummer eins in der Welt“. Das werde „größere Probleme“ als die Pandemie verursachen, urteilt Trump.

„Zurück an die Arbeit!“
Zur Seite gesprungen ist dem US-Präsidenten der Vizegouverneur von Texas, Dan Patrick. Patrick, selbst in seinem 70. Lebensjahr stehend und damit zu einer besonders gefährdeten Personengruppe gehörend, erklärte am Montag, sollte ihn jemand fragen, ob er bereit sei, „sein Überleben zu riskieren, um das Amerika, das alle lieben“, für seine „Kinder und Enkel zu bewahren“, dann wolle er sagen: „Ich bin dabei.“

Es gebe „viele Großeltern“, die sich ebenso entscheiden würden, weil „sie nicht wollen, dass das ganze Land geopfert wird“, äußerte der Vizegouverneur: „Meine Botschaft ist also: Lasst uns zurück an die Arbeit gehen.“ „Diejenigen von uns, die 70 Jahre oder älter sind, passen selbst auf sich auf, opfern aber unser Land nicht.“ Er wundere sich stark über die Einschränkungen im Kampf gegen die Pandemie – denn „die Mortalitätsrate“ sei „so niedrig“.

Todesfälle und Börsenkurse
Die Äußerungen erfolgen zu einem Zeitpunkt, zu dem die Zahlen der Covid-19-Infizierten und der Todesfälle auf beiden Seiten des Atlantik in die Höhe schnellen. Gestern teilte die WHO mit, in den vergangenen 24 Stunden seien rund 85 Prozent der Covid-19-Neuinfektionen in Europa sowie den Vereinigten Staaten verzeichnet worden. Es sei nicht auszuschließen, dass nach Europa schon in Kürze die USA zum neuen globalen Epizentrum der Pandemie würden.

Zugleich sind die Börsenkurse in den vergangenen Wochen kollabiert, wenngleich sie sich zu Wochenbeginn leicht stabilisieren konnten. Der Dax, der sich im Februar noch 14.000 Punkten genähert hatte, konnte am gestrigen Dienstag nach seinem kürzlichen Tiefststand von rund 8.400 immerhin wieder 9.700 Punkte erreichen, während der Dow Jones nach fast 30.000 Punkten im Februar und einem Absturz auf rund 18.500 gestern auf ein wenig mehr als 20.000 Punkte stieg. Ein erneuter Einbruch gilt als möglich – allerdings weniger wegen des raschen Anstiegs der Todesfälle als vielmehr wegen der Schutzmaßnahmen, die zu Lasten des Wirtschaftswachstums gehen. Die Aussicht darauf lässt Wirtschaftsvertreter Sturm laufen.

Wetten auf Verluste
Unterdessen hat offenkundig eine transatlantische Finanzschlacht um Covid-19-Profite begonnen. Wie berichtet wird, hat der US-Hedgefonds Bridgewater Associates, der zuletzt herbe Verluste schrieb, begonnen, auf massive Einbrüche einiger europäischer Konzerne im Rahmen der Coronakrise zu wetten. Die Wettbeträge belaufen sich Berichten zufolge auf 5,3 Milliarden US-Dollar bei französischen Konzernen – darunter BNP Paribas –, auf 4,7 Milliarden US-Dollar bei deutschen Firmen – darunter Simens und SAP –, 2,7 Milliarden US-Dollar bei niederländischen (ASML), 1,4 Milliarden US-Dollar bei spanischen und 821 Millionen US-Dollar bei italienischen Firmen. Wetten auf fallende Kurse sind geeignet, dramatische Kursstürze zu verursachen; sie haben zuletzt unter anderem in der Griechenland-Krise eine verhängnisvolle Rolle gespielt.

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