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Schriftsteller Mak: Europas Ideen im Niedergang

Eine Reise von Putins Moskau zu Lampedusas Küsten

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Foto: MikeDotta, Shutterstock

Das 20. Jahrhundert auf dem Sperrmüll. Doch auf das 21. Jahrhundert hat Europa aus Sicht des niederländischen Schriftstellers Geert Mak noch keinerlei Antwort. Eine Reise durch einen verunsicherten Kontinent.

Berlin (KNA). Es fing so wundervoll an. Der Start ins 21. Jahrhundert war vielerorts in Europa ein großes Fest. Der Kalte Krieg war vorbei, die Börsen tanzten, der Sekt wurde nicht mehr flaschen-, sondern kistenweise verkauft. Euphorie.

Damals hat der niederländische Schriftsteller und Journalist Geert Mak seine Leser auf eine ein Jahr währende Inspektionsreise mitgenommen und mit dem Buch „In Europa“ eine Bestandsaufnahme am Ende eines katastrophenreichen Jahrhunderts gewagt.

Der Optimismus von damals scheint verflogen. 20 Jahre später hat der geniale Erzähler Mak erneut den Kontinent von den Küsten Lampedusas bis zu Putins Moskau, vom störrischen Katalonien bis zu den muslimischen Vororten Kopenhagens bereist. „Unser Kontinent ist zum Zerreißen gespannt“ lautet sein Fazit im neuen Buch „Große Erwartungen“, das am Montag erschien. Der alte europäische Traum von Frieden, Freiheit, Menschenrechten und Wohlstand werde immer mehr zum Albtraum. „Wie ist der Niedergang von so etwas Schönem zu erklären?“

Mak, in einem friesischen Dorf aufgewachsen und einer der wichtigsten Sachbuchautoren der Niederlande, bleibt seinem Erzählstil treu: „Man setze Russen, Deutsche, Briten, Tschechen und Spanier an einen Tisch und lasse sie die Geschichte ihrer Familien erzählen. Lauter verschiedene Welten. Und doch sind sie alle Europa.“ Doch bei den individuellen Geschichten belässt er es nicht: Im Kleinen spiegelt sich das Große. Und die großen Linien der Geschichte verändern das Leben der Einzelnen – wenn auch oft in ganz unterschiedlichem Tempo.

Reportage wechselt sich mit Analyse ab. „Überall wurde gebaut wie noch nie, in sämtlichen Hauptstädten waren bald die gläsernen Eiffeltürme des neuen Jahrhunderts zu sehen, die Prestigeobjekte der multinationalen Konzerne. Züge und Briefkästen verloren ihre vertrauten Farben, denn Bahngesellschaften und Post waren privatisiert worden“, so klingt es, wenn Mak den Beginn des 21. Jahrhunderts beschreibt. „Ich erinnere mich, dass in jenen Jahren überall Rechen oder Schreibmaschinen, Zeichenbretter, mechanische Tischkalender und andere raffinierte technische Geräte des 20. Jahrhunderts am Straßenrand lagen, dank der Neuheiten des ITZeitalters hoffnungslos überholt.“

Doch das 21. Jahrhundert scheint nicht das Jahrhundert Europas zu werden. Mak beschreibt eine tiefe internationale Systemkrise. „Die EU und die NATO waren bereits vor der Pandemie in keinem allzu guten Zustand“, analysiert er die Zeit der Corona-Krise. „Der amerikanische Präsident verhöhnt die alten Verbündeten. Russische Armeelastwagen transportierten Hilfsgüter für Italien durch Mitteleuropa, was nicht zuletzt ein Propagandacoup war. Und China triumphiert.“

Mak ist überzeugt: Wir sind in einem historischen Umbruch, der an 1989 oder die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre erinnert. „Die meisten heutigen Historiker vergleichen diese Monate aber mit dem Sommer 1914, und ich glaube, sie haben recht.“ Dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren einige Jahrzehnte scheinbar problemloser Globalisierung vorausgegangen. Doch mit Kriegsbeginn wurden selbst die internationalistisch gesinnten Arbeiterparteien wieder nationalistisch.

Europa sei heutzutage zu selbstbezogen geworden, schreibt Mak. Viele Europäer könnten sich keine anderen politischen Ziele vorstellen zu können als den Fortbestand der EU. Doch wie der Wertekonflikt zwischen Nord und Süd und Ost und West in der EU gelöst werden kann, welche Rolle Europa in der Welt spielen sollte – etwa im Verhältnis zu Russland, in der Klimakrise oder mit Blick auf die Migration aus den zerfallenden Staaten des Nahen Ostens und aus dem übervölkerten Afrika: Auf all diese Fragen hat die EU aus Sicht Maks kaum eine Antwort.

„Immer häufiger ist von einem Paradigmenwechsel die Rede, von einem grundlegenden Wandel unserer Art zu denken und zu leben“, bilanziert Mak. Das 20. Jahrhundert könnte unter Umständen die Endphase von fünf Jahrhunderten bürgerlicher Kultur, europäischer Aufklärung und Demokratie sein, zitiert er einen befreundeten Philosophen. „Zum ersten Mal befürchte ich, dass mein alter Freund recht bekommen könnte.“

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Christoph Arens

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