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Seminar: Imame diskutierten in Sachen Bildung. Von Mounir Azzaoui, Aachen

Debatte um reelle Lösungen

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(iz). Das Islamische Zentrum Aachen (IZA) hat in Zusammenarbeit mit der Islamic Educational, Scientific and Cultural Organization (ISESCO) Ende Oktober ein einwöchiges Seminar und Diskussionsforum für Imame in den Räumlichkeiten des IZA in Aachen durchgeführt. Die 1982 gegründete ISESCO mit Sitz in Rabat ist die größte internationale muslimische Organisation, die sich mit Bildung und Kultur befasst, und besteht aus 50 Vertretern islamisch geprägter Staaten, die alle auch Mitglied der Organisation der Islamischen Konferenz sind.

An der Veranstaltung nahmen zehn Imame aus Deutschland und jeweils fünf aus Belgien und den Niederlanden teil. Die meisten von ihnen hatten einen arabischen Hintergrund. Bei der nichtöffentlichen Veranstaltung waren nach Angaben des IZA-Direktors, Dr. Salahaldin Nakdali, und einiger Teilnehmer zum einen die Stellung des Imams innerhalb der Gemeinde und seine „Rolle im interreligiösen Dialog“ Hauptthemen. Zum anderen gab es eine intensive Diskussion darüber, wie eine Ausbildung von Imamen in Zukunft aussehen könnte. Durchgehend wurde darüber diskutiert, wie man einen „Islam der Mitte“ kommunizieren kann, der religiösen Grundlagen gerecht wird, jedoch nicht übertreibt und in die Extreme verfällt.

Imame im Dialog
Einer der Höhepunkte der Veranstaltung war ein Treffen der Imame mit einem Pfarrer. Für viele war es das erste Mal überhaupt, dass man sich mit einem Vertreter einer anderen Religionsgemeinschaft direkt austauschen konnte. Auch wenn die Imame Dialogveranstaltungen aus den eigenen Moscheen kennen, sind sie selten selbst direkt daran beteiligt. Die ist vor allem auf die sprachlichen Probleme zurückzuführen – viele Imame sprechen kein Deutsch-, und so werden die Dialogveranstaltungen meistens von Vorstandsmitgliedern der Moschee übernommen. Pfarrer Eberhard Schmidt, der seit vielen Jahren im christlich-muslimischen Dialog aktiv ist, wies die Imame darauf hin, dass es in der Gesellschaft einen großen Bedarf gibt, den Islam besser zu verstehen. Muslime sollten sich deshalb stärker öffnen und auf die Anfragen aus der Gesellschaft eingehen. Bei den Imamen bestand weitgehend Konsens darüber, dass der interreligiöse Dialog wichtig sei und die Imame eine Verantwortung hätten, diesen Dialog, auch wenn sie nicht direkt daran teilnehmen, nicht zu unterhöhlen, indem etwa bei Freitagsgebeten Aussagen gemacht werden, die von der Gemeinde falsch verstanden werden könnten.

Auf der anderen Seite wurde von einigen Imamen unterstrichen, dass ein Dialog auf Augenhöhe stattfinden sollte. Es wäre beispielsweise unangemessen, wenn die Kirchen eine Veranstaltung organisierten und einen Professor der Theologie mit einem einfachen Imam auf ein Podium setzten. Hier könnten die Ausgangsbedingungen nicht die gleichen sein. Auf der anderen Seite sollten die Kirchen auch vermeiden, nichtpraktizierende Muslime einzuladen, um über den Islam zu sprechen. Die Kirchen hätten eine Verantwortung, Muslime – die in Deutschland strukturelle Bildungsdefizite aufweisen – nicht „vorzuführen“. Dies würde den Dialog untergraben und langfristig schädigen. Man solle lieber im Zweifelsfall einfache Themen wählen, bei denen man auf gleicher Augenhöhe sprechen können. Auf der anderen Seite hätten Muslime ihrerseits ebenfalls eine Verantwortung, sich nicht in Dialoge zu begeben, für die sie nicht qualifiziert seien.

Probleme von Imamen
Mit Blick auf die Situation der Imame innerhalb der muslimischen Gemeinden wurde auf zwei Probleme hingewiesen.

Zum einen ging es dabei um die Rolle der Imame innerhalb der Gemeinden. Der Imam ist in der Regel ein Angestellter in der Moscheegemeinde und hat kein Mitspracherecht in den Leitungsgremien. Theologische Positionen des Imams, etwa zu der Frage der Mondsich­tung und zur Bestimmung der islamischen Feiertage, finden so oft keine Berücksichtigung in den Gremien Der Vorstand orientiert sich zum Beispiel an einer Dachorganisation in Deutschland, wobei zwischen dieser Organisation und dem Imam keine direkte Verbindung besteht. Um in Zukunft Entscheidungen und die Kommunikation zu verbessern, wäre es sinnvoll, den Imamen satzungsgemäß die Möglichkeit zu geben, sich an der Arbeit des Vorstands zu beteiligen.

Ein zweites Problem, das von den Imamen als besonders ernst angesehen wird, ist der geringe Verdienst vieler Imame. Die Gründe hierfür liegen zum einen darin, dass viele Gemeinden es sich einfach nicht leisten können, die Imame ausreichend zu bezahlen. Teilweise sei es aber auch eine Sache der Einstellung. Es gebe Gemeinden, die durchaus über genügend finanzielle Mittel verfügten, doch wenn es um die Bezahlung der Imame geht sparen würden. So werde einigen Imamen sogar bei der Einstellung die Auflage gemacht, dass sie nicht heiraten dürfen, da man befürchtet, dass dies zu höheren Ausgaben führt, etwa da der Imam aus Platzgründen eine Wohnung außerhalb der Moschee beziehen müsste.

Dies wurde von den anwesenden Imamen kritisiert als eine Auflage, die islamisch gesehen nicht in Ordnung sei. Einige Gemeinden versuchen den geringen Verdienst des Imams damit auszugleichen, dass bei den Festtagen die Gemeindemitglieder dem Imam direkt Bargeld zustecken. Doch dieses „Hände aufhalten“ ist nach Ansicht der Tagungsteilnehmer nicht förderlich, um die Persönlichkeit des Imams zu stärken und keine angemessene Würdigung seiner Arbeit.

Andererseits wurde selbstkritisch angemerkt, dass einige Gemeinden nicht bereit sind, dem Imam ein höheres Gehalt zu zahlen, da die Ausbildung des Imams und zum Teil auch die Motivation kein hohes Niveau aufweisen. Danach würde eine bessere Ausbildung der Imame in Zukunft wohl insgesamt dazu beitragen die Bereitschaft in den Gemeinden zu erhöhen, angemessene Löhne zu zahlen. Aus Belgien wurde berichtet, dass es dort inzwischen Vereinbarungen zwischen muslimischen Organisationen und dem Staat gibt und anerkannte Imame vom Staat bezahlt werden. Dies wurde kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite kann es zur finanziellen Unabhängigkeit des Imams beitragen, doch andererseits besteht hier auch die Gefahr der staatlichen Abhängigkeit und dies könnte dazu führen, dass von den Imamen nur noch Positionen vertreten werden dürfen, die sich nach staatlichen oder politischen Befindlichkeiten richten.

Zukünftige Ausbildung von Imamen
Bezüglich der Ausbildung von Imamen gab es einen Konsens darüber, dass in Zukunft Muslime zu Imamen ausgebildet werden sollten, die in Europa geboren und aufgewachsen seien. Diese würden die Sprachen und das Lebens­umfeld der Muslime in Europa kennen und könnten am Besten die Funktionen des Imams übernehmen. Eine Vorraussetzung, dass diese Imame in den Gemeinden auf Akzeptanz stießen, sei, dass die Imam-Ausbildung von Muslimen selbst getragen sei.

Trotz des grundsätzlichen Konsenses über eine genuin europäische Imam-Ausbildung sahen viele der Teilnehmer es als unrealistisch an, dass Imame kurz- und mittelfristig ausschließlich in europäischen Ländern ausgebildet werden könnten. Die Einrichtung eines entsprechenden Instituts sei nicht nur mit einem enormen organisatorischen Aufwand verbunden, sondern bedürfe auch eines hoch qualifizierten deutsch­sprachigen Lehrpersonals, das bisher noch nicht hinreichend zur Verfügung stünde.

Auch die arabische Sprache, welche für die Tätigkeit des Imams von zentraler Bedeutung sei, und auch eine Vorraussetzung darstelle, damit sich der Imam ständig fortbilden könne, sei nach Einschätzung der Seminarteilnehmer nur begrenzt in Deutschland erlernbar und bedürfe der Auslandsaufenthalte.

Hinzu kommt der Aspekt, dass die Abschlüsse eines zukünftigen Imam-Instituts auch einer gewissen Anerkennung durch den Staat bedürften, beispielsweise wenn ein Absolvent außerhalb der Moschee eine Tätigkeit anstrebt.

So sah man kurz- und mittelfristig die Lösung darin, Kooperationen mit Universitäten in islamisch geprägten Ländern, zum Beispiel in Rabat, Kairo und Riyadh, einzugehen. Zurzeit gäbe es zwar schon eine Reihe von Muslimen, welche individuell ins Ausland gehen, um Islamwissenschaften zu studieren, doch in Zukunft sollte dies von muslimischen Organisationen in Europa koordiniert werden. So könnte man Stipendien an Absolventen europäischer Schulen und Universitäten vergeben, die dann zum Studium ins Ausland gehen. Man könnte so ein Stipendienbegleitprogramm entwickeln, bei dem die Studenten in den Ferien in ihren europäischen Heimatländern die Möglichkeit erhalten, das gelernte gemeinsam zu reflektieren oder auch zusätzliche Lernblöcke in Fächern wie Geschichte, Pädagogik und Psychologie angeboten werden.

Diese Begleitung und Koordinierung wäre wichtig, um Imame angemessen für deren Tätigkeit in europäischen Moscheen und Gesellschafen vorzubereiten. Es könnte auch dazu beitragen, dass junge Muslime, die sich für ein Studium im Ausland entschieden, vor einem Abdriften in Fanatismus und Extremismus geschützt werden.

Weitere wichtige Themen waren Familienprobleme, Eheschließungen und Ehescheidungen. Die Seminarteilnehmer sahen es hier als wichtig an, für die bereits im Dienst stehenden Imame in Zukunft verstärkt Fortbildungen anzubieten, die sie in die Lage versetzen, professioneller und auf gesicherter Rechtsbasis mit diesen Themen umzugehen. Das Thema Mondsichtung und der Wunsch vieler Muslime, an einem gemeinsamen Tag die Feste zu begehen, sollte danach auch stärker von den Imamen behandelt werden, um eine Übereinkunft zu erzielen.

Die Imame haben den Wunsch geäußert, weiter zu diesen Themen einen Dialog zu führen und das IZA gebeten, wieder einzuladen, um die angesprochenen Probleme weiter zu diskutieren und an Lösungen zu arbeiten. Dazu sollten Imam-Verbände aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland zusammenkommen.

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