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Serbiens Muslime stehen vor großen Herausforderungen

Ivan Ejub Kostic berichtet von den inneren Spaltungen einer Minderheit

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Foto: Tothasze, Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

(iz). In den ersten Monaten eines Jahres ist es ratsam, eine Zustandsbeschreibung der Muslime in ihren unterschiedlichen sozio-politischen Gegebenheiten zu erstellen, um erschließen zu können, woran wir in Zukunft arbeiten müssen und wie sich die Dinge zum Besseren verändern lassen. In diesem Text behandeln wir zwei Phänomene, die seit Längerem die Lage der Muslime Serbiens maßgeblich beeinflussen. Es wurde vieles über das Leid und die Gräuel der 1990er Jahre geschrieben, welche auf die Muslime hereinbrachen. Jedoch blieben detaillierte Analysen zur Situation der Muslime in Serbien nach den Demonstrationen des 5. Oktober 2000, als die Milosevic Regierung abgesetzt wurde, weitestgehend aus.

Im Kontext der 1990er Jahre wurde grundsätzlich über die exklusivistische Natur des serbischen (klero-) Nationalismus geschrieben, der auch heute noch so gut wie jeden sozio-politischen Akteur mit gewissem Einfluss auf das öffentliche Geschehen Serbiens bestimmt, wenn es um die „Stigmatisierung“ der Muslime geht. Der Dekonstruierung des serbischen (expansionistischen) Nationalismus wird viel Raum gegeben, während ein selbstkritischer Blick auf das äußerst negative Phänomen der „Professionalisierung des Stigmas“, wie sie der amerikanische Soziologe Erving Goffman beschreibt, meist fehlt.

Unter diesem Begriff versteht Goffman jene, die für sich die Rolle der „stigmatisierten“ Gruppen beanspruchen, die im Kontakt mit der „korrekten“ Gruppe der Mehrheitsgesellschaft stehen. Diese übergeordnete Gruppe hat nach seiner Theorie die Macht, eine Ideologie zu schaffen, in der die Minderheiten als „unrein“ oder „stigmatisiert“ bezeichnet werden. Goffman sieht als wichtigstes negatives Merkmal derer, die sich als die Anführer jener Stigmatisierten positionieren, dass wenn sie im Namen derer, die sie vertreten, eine Vereinbarung mit der „korrekten“ Gruppe treffen, sie die Vertretenen im Grunde verraten.

Eine Betrachtung solcher Führungsgestalten der stigmatisierten Gemeinschaften (in unserem Fall der muslimischen) ist von entscheidender Bedeutung, um ein klares Bild zu schaffen, mit dem wir die Akteure identifizieren können, welche die verzweifelte Lage, in der sich die Muslime Serbiens befinden, aufrechterhalten. Die Folgen der Professionalisierung des Stigmas lassen sich im Falle der serbischen Muslime am besten an dem Schwinden des Vertrauens der Gläubigen in die Institutionen und Einzelpersonen beobachten, die sie als ihre „Führer“ betrachteten. Nehmen wir den Sandschak, so zeigte sich 2016 bei einer Befragung, dass lediglich 11 Prozent der Befragten Vertrauen in die Vertreter der Islamischen Gemeinschaft haben und bloße 2 Prozent den politischen Parteien der Region vertrauten.

Ein weiteres Phänomen hat sich in der Vergangenheit als Hindernis für die effektive gesellschaftliche Partizipation und Homogenisierung der Muslime Serbiens herauskristallisiert. Es geht dabei um die Nationalisierung des religiösen Raumes in Bosnien und Herzegowina und auf dem Kosovo, die sich durch die Anwesenheit von Bosniaken und Albanern in Serbien auch auf die Muslime dieses Landes ausgeweitet hat. Die Überlappung der nationalen und der religiösen Identität verhindert eine Einheit und Synchronisierung verschiedener nationaler Gemeinschaften in Serbien, die gleichzeitig auch muslimisch sind (Albaner, Bosniaken, Roma), was sie folglich daran hindert, ihre religiösen Rechte zu erlangen.

So sehr sich die Nationalismen in Bosnien und dem Kosovo potentiell als staatlicher Widerstand definieren lassen, um den kolonisatorischen oder gar irredentischen Absichten der Serben (im Falle Bosniens und Kroatiens) entgegenzuwirken, so haben diese in Serbien eine bloße ethno-kulturelle Gestalt. Wegen dieser begeben sich die Muslime in einen Zustand der Ghettoisierung, die Hand in Hand mit Diskriminierung seitens der serbischen politischen Bewegungen einhergeht.

Deshalb muss in Zukunft der Schwerpunkt auf die Schaffung einer bürgerlichen Identität der Muslime in Serbien gelegt werden, die selbstverständlich den Erhalt der kulturellen und ethnischen Eigenschaften und Besonderheiten der einzelnen nationalen Gemeinschaften nicht beeinträchtigt. Eine bürgerliche Identität würde es den Muslimen des Landes ermöglichen, eine weitaus bedeutsamere Position einzunehmen, aus welcher heraus sie ihre Rechte auf adäquatere Weise einfordern sowie eine höhere Präsenz auf dem öffentlich-gesellschaftlichen Feld schaffen können.

Daher ist es für die Zukunft des Islam in Serbien notwendig, dass die Muslime eindeutig ihren Islam von der nationalen Identifikation trennen. Sollte dies nicht geschehen, besteht eine reale Gefahr, dass die islamischen Institutionen sich unwiderruflich von ihrer ursprünglichen Mission der Schaffung einer gottesfürchtigen Gemeinschaft mit der Absicht, die höheren Ziele der Schari’a zu verfolgen, abspalten und stattdessen schlichtweg machiavellistisch-pragmatische Werte vorantreiben – und somit die Moscheen sich von Gotteshäusern zu nationalen Kanzeln entwickeln.

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