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Sich um die Schwachen und Bedürftigen kümmern

„IZ-Begegnung“ mit dem Referenten und Fachmann für soziale Fragen Mohammed Naved Johari über die soziale Kompetenz der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland

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Foto: Berliner Tafel e.V.

Mohammed Naved Johari hat deutsche und indische Wurzeln und ist als freischaffender Referent für Religiöses & ­Soziales, Übersetzer sowie Freitagsredner im Rahmen des Islamischen Informations- und Serviceleistungen e.V. (iisev.de) tätig. Auf seiner Homepage monajo.de veröffentlicht er Texte und Artikel. Aktuell schließt er zwei theologische Masterstudiengänge ab und bereitet seine Promotion zum Themenkomplex „Islam & Soziale Arbeit” vor.

Seit 1997 ist er in der muslimischen Arbeit aktiv. Er ist zurzeit für den Bereich Soziales und Öffentlichkeitsarbeit des IIS e.V. zuständig.

Islamische Zeitung: Herr Johari, Sie betonen in Ihrer Arbeit das soziale Engagement als Komponente des Islam. Können Sie uns kurz erklären, warum Islam und soziales Engagement so stark miteinander verbunden sind?

Mohammed Naved Johari: Der Islam versteht soziales Engagement als integrativen Bestandteil seines Gesellschaftsmodells, das alle Menschen in einem Füreinander zusammenschließt. Dazu heißt es im Qur’an: „Und dient Allah und stellt Ihm nichts zur Seite, und erweist den Eltern Wohltaten und ebenso den Verwandten, den Waisen und Armen, den nahestehenden Nachbarn und den fernen Nachbarn, und dem Gefährten an eurer Seite und dem Reisenden und den Unfreien. Wahrlich, Allah liebt nicht die, die überheblich und stolz sind.“ (An-Nisa, 36)

Ohne Widerspruch zu erfahren, haben klassische Qur’an- Kommentatoren festgehalten, dass mit den fernen Nachbarn unter anderen gültigen Bedeutungen auch nichtmuslimische Nachbarn gemeint sind. Ebenso wird durch den Qur’an das Verständnis des Begriffs des Nachbarn in dem Sinne erweitert, dass man darunter auch Mitmensch verstehen sollte, da der Qur’an stellenweise alle ­Einwohner der Kleinstadt Medinas als Nachbarn bezeichnete. Medina war damals eine Stadt von mindestens 10.000 Einwohnern.

Auch ist die dritte Säule des Islam, die Zakat, Ausdruck der Inklusivität gelebter Religion und sozialen Engagements.

Allah fordert im Qur’an in zahlreichen Passagen dazu auf, sich um das Wohlergehen von sozial und wirtschaftlich Schwachen und Bedürftigen zu kümmern, und verbindet dies mit Gottesliebe und Güte, die über den rituellen Angelegenheiten stehen: „(…) und sie geben – obwohl man sie liebt (auch: Aus Liebe zu Ihm) – Speise zu essen einem Armen, einer Waisen und einem Gefangenen: ‘Wir speisen euch nur um Allahs Angesicht willen. Wir wollen von euch weder Belohnung noch Dank.’“ (Al-Insan, 8-9)

Islamische Zeitung: Wie wichtig ist die interkulturelle Komponente innerhalb der muslimischen Gemeinschaft? Wie sehen Sie das auch aufgrund Ihrer Biographie und Lebenserfahrung?

Mohammed Naved Johari: Die interkulturelle Komponente innerhalb der muslimischen Gemeinde ist zum einen Ausdruck dafür, dass der Islam nur wenige, aber wichtige Angelegenheiten fest und unumstößlich definiert, wie beispielsweise die göttliche Einheit, die gottesdienstlichen Handlungen, (…) hingegen in puncto Sprachen, Kulturen, (Haut-)Farben die Vielfalt schätzt.

Die Liebe Allahs Seiner vielfältigen Schöpfung gegenüber wird unter anderem in den folgenden Versen deutlich: „Und zu Seinen Zeichen gehört die Erschaffung der Himmel und der Erde und auch die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.“ (Ar-Rum, 22)

Weiterhin haben Muslime in der „Diaspora“ eine Möglichkeit, die so in ihren Heimatländern nicht besteht. Nämlich die, außerhalb eines gewohnten kulturellen Rahmens ihre Religion kennen­zulernen und auszuleben, in Ausein­andersetzung mit einer erst mal als nichtmuslimisch wahrgenommenen Kultur das Islamische darin zu entdecken und mit anderen aus muslimischen Ländern importierten Kulturen gemeinsam das wirklich Religiöse und damit Beständige vom kulturellen und damit Relativen ­herauszufiltern.

Dadurch, dass ich bereits vor meiner Konvertierung zum Islam multikulturell aufgewachsen bin und auch die unromantischen Seiten der arabischen Welt kennengelernt habe – die mich wiederum anderes am „Deutschen“ so schätzen haben lassen –, konnte ich früh eine Bereicherung in der multikulturellen und gleichzeitig deutschsprachigen islamischen Gemeindearbeit erkennen.

Islamische Zeitung: Welche „Tabuthemen“ müssen in muslimischen Gemeinden dringend aufgegriffen werden und warum?

Mohammed Naved Johari: Ich würde sagen, besonders im Bereich Sexualität und Aufklärung müssen noch viele Tabus gebrochen werden. Denn einerseits vermitteln aus den Herkunftsländern importierte Traditionen falsche Ideen und andererseits (ver-)führt die Unwissenheit vor allem Kinder und Jugendliche dazu, unmoralische Quellen aufzusuchen, um ihre Neugier zu stillen.

Auch im Bereich des Umgangs mit Muslimen, die offenkundige Schwächen haben, müssen wir in unseren Gemeinden dringend etwas verbessern. Denn teilweise haben wir keine Willkommens-, sondern eher eine Abweisungskultur gegenüber solchen Muslimen entwickelt und schrecken diese so sehr von unseren Gemeinden ab. In diesem Zusammenhang waren mir meine Texte über homosexuelle Muslime wichtig.

Auch in Sachen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, worüber wir uns zu Recht beschweren, müssen wir uns verbessern. Denn auch der Rassismus und die Xenophobie sind bei uns Muslimen teilweise stark verankert.

Islamische Zeitung: Wie können sich Muslime jetzt in Deutschland gegen Islamfeindlichkeit und für die schnelle Integration von Flüchtlingen engagieren?

Mohammed Naved Johari: Muslime in Deutschland müssen auf allen Ebenen für mehr Begegnung sorgen: Im privaten Rahmen, aber auch im Engagement im Bereich Erziehung und Bildung ihrer Kinder innerhalb der Kindergärten, Schulen und anderer einschlägiger Institutionen.

Auf gesellschaftlicher Ebene ist es wichtig, dass Muslime als Einzelpersonen allgemein in Vereinen und Organisationen aktiv werden, die nicht nur mit Antidiskriminierungsarbeit etc. zu tun haben. Wichtig ist jedoch auch, dass muslimische Vereine, zu denen auch Moscheegemeinden zählen, ihre Arbeit mehr und mehr professionalisieren.

Es soll nicht nur solidarisch gehandelt, sondern auch öffentlichkeitswirksam ­darüber gesprochen werden. Ansonsten gibt man nur Rassisten und Islamfeinden die Angriffsfläche, wahrheitswidrig behaupten zu können, Muslime würden sich nicht genug in der Gesellschaft ­engagieren.

In Sachen Flüchtlingsarbeit sehe ich die Muslime in allen ehrenamtlichen Bereichen stark vertreten, ohne damit das wirklich hohe Engagement unter Nichtmuslimen verkennen zu wollen.

Was jedoch die professionelle Arbeit anbelangt, haben wir Muslime mit muslimehelfen e.V. und Islamic Relief e.V. zwar im humanitären Bereich hochprofessionalisierte und erfolgreiche Organisationen. Im Bereich der Sozialarbeit brauchen wir aber immer noch die erforderliche politische Starthilfe.

Islamische Zeitung: Wie wichtig sind Frauen für das soziale Engagement und warum?

Mohammed Naved Johari: Wenn wir einen Blick auf unser Gemeindeleben werfen, so sehen wir, dass Frauen die Säulen dessen sind. Ob man dies nun biologisch oder soziologisch erklärt oder beide Ansätze miteinander verbindet: Frauen haben einfach das „gewisse soziale Etwas“.

Hinsichtlich der akademischen beziehungsweise beruflichen Qualifikationen sind es eben auch öfters Frauen, die sich für einen „sozialen“ Beruf entscheiden, der für sie meist mehr eine Berufung als eine Erwerbstätigkeit bedeutet.

Dass auf der anderen Seite dann ein Männermangel besteht, ist nicht nur ein Phänomen unter Muslimen in Deutschland, sondern wird gesamtgesellschaftlich beklagt. Aufgrund dieses Mangels erlernen auch vermehrt muslimische junge Männer soziale Berufe, um dort ihre Erfüllung zu finden.

Islamische Zeitung: Wir bedanken uns für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Milena Rampoldi (ProMosaik e.V.). Es wurde aus Platzgründen gekürzt.

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Dr. phil. Milena Azize Rampoldi

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