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Siddiq Ferriman wirft einen kritischen Blick auf die plötzliche geänderte Taktik der NATO am Hindukusch

Kommentar: Afghanistan ist der Friedhof der Imperien

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(iz). Der UN-Sicherheitsrat hat am 17.06. den Taliban eine neue Rolle im „Krieg ­gegen den Terror“ zugewiesen. Mit dieser neuen Entscheidung schuf die UNO einen ­offiziel­len Unterschied zwischen Taliban und Al ­Qaida. Beiden stehen ab sofort auf zwei sepa­ra­­ten Schwarzen Listen, die vom 1267-­Komitee (das die Sanktionen gegen beide ­regelt) verwaltet werden. Nun heißt es, dass „(…) der Rat entschied, dass solche ­Personen und Einheiten, die zuvor als Taliban einge­stuft wurden, nicht länger auf der gemeinsamen ­Liste – die Taliban und Al Qaida betreffend – geführt werden, die nach der Reso­lution 1267 (1999) vom Sicherheitsrat aufrecht ­erhalten wurde (…)“. Stattdessen würden jene Tali­ban, „die eine Bedrohung für Frieden, Stabi­lität und Sicherheit in Afgha­nistan“ darstel­len, auf einer neuen Liste ge­führt, die von einem neuen Komitee ­erstellt werden soll. Es solle auf Grundlage der Reso­lution 1267 entstehen und in den kommen­den 18 Mona­ten – unter Beratung der afgha­ni­schen Regie­rung – arbeiten. Dies ­bedeutet, dass die Tali­ban nicht länger Al Qaida sind.

2001 begannen die USA und Großbritanni­en ihren Krieg gegen Afghanistan, und besetzten das Land. Das von ihnen herangezogene, juristische Argument war Artikel 51 der UN-Charta, der „das legitime Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidi­gung“ anerkennt. Das US-Außenministerium erklärte damals, dass es „eindeutige und zwingende Informationen erhalten hat, dass die Al Qaida-Organisation, die vom Taliban-Regime in Afghanistan unterstützt wird, eine zentrale Rolle in den Angriffen gegen das World Trade Center, das ­Pentagon und in Pennsylvania (…) spielte. Die Angriffe vom 11. September 2011 und die anhaltenden Drohungen gegen die Vereinigten Staaten und ihre Bürger seitens der Al Qaida-Organisation wurden durch die Entscheidung des Taliban-Regimes ermöglicht, als es zuließ, dass die unter seiner ­Kontrolle stehenden Teile Afghanistans von dieser Organisation als Operationsbasis, genutzt werden. Trotz jeder erdenklichen Anstrengung der Vereinigten Staaten und der internatio­nalen Gemeinschaft weigerte sich das Taliban-Regime seine Politik zu ändern. Vom afghanischen Gebiet aus fährt die Al ­Qaida-Organisation damit fort, Akteure des ­Terrors auszubilden und zu unterstützen, die Unschuldige in aller Welt zum Angriffsziel ­machen, sowie Bürger und Interessen der Vereinigten Staaten – im In- und Ausland – angreifen. Als Antwort auf diese Attacken – und in Übereinstimmung mit dem legitimen Recht auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung – haben Streitkräfte der Vereinigten Staaten Aktionen mit dem Ziel eingeleitet, weitere Angriffe auf die Vereinig­ten Staaten zu verhindern. Zu diesen Handlungen zählen Maßnahmen gegen Trainingslager für Terroristen von Al Qaida und militärische Einrichtungen des Taliban-­Regimes in Afghanistan.“

Das war der Beginn der Epoche des „Kriegs ge­gen den Terror“ und die Rechtfertigung für die militärischen Angriffe und den ­versuchten Regierungswechsel in den ­souveränen Staaten Irak und Afghanistan. Die nur grob definierten Gruppierungen – Taliban und Al Qaida – wurden zum bedrohlichen „Anderen“, der seit 2001als „global vernetzte“, allgegenwär­tige Bedrohung des kapitalistischen Systems wahr­genommen wurde. Sie dienten als Rechtfer­tigung für illegale Auslieferungen, das Gefängnislager Guantanamo, Kriege, die Industrie des „Kriegs gegen den Terror“, geheime Staatshaus­halte und die überdimensionalen Militärausga­ben von Regierungen in aller Welt.

Nach einem Jahrzehnt des Kriegs in Afghanist­an kommt es nun zu einer Kehrtwende, da die Vereinten Nationen jetzt eine klare Trennung zwischen den Taliban Al Qaida vornehmen: Die Taliban sind nicht Al Qaida. Der Tod von 374 britischen Soldaten, die seit 2001 bei Kämp­fen in Afghanistan ums Leben kamen, hat sich somit als sinnlos erwiesen. Alle ­getöteten Afghanen (Männer, Frauen und Kinder) – ein Vielfaches der 3.000 Opfer des World Trade Centers – sind für nichts gestorben.

Der Grund für diese Neueinteilung besteht ­darin, dass die Afghanen den Afghanistan­krieg gegen die NATO gewinnen. Die Schaffung des Begriffs „Taliban“ – als zusammenhängender Begriff – ist sowohl wage als auch ungenau, aber nötig, um eine klare und eingängige Botschaft zu kreieren, die über die Mainstreammedien an die weltweiten Massen kommuniziert ­werden kann. Die Vereinten Nationen sagen heute, dass „einige Mitglieder der Taliban in Afghanistan die terroristische Ideologie von Al Qaida zurückweisen und sich dem, von der Regierung geleite­ten Versöhnungsprozess anschließen. Der Sicher­heitsrat hat diesen Nachmittag entschieden, die Sanktionsregelungen der beiden Gruppen voneinander zu trennen.“ Diese Kehrtwendung hat den einfachen Zweck, dass sich die Tür zur Verhand­lungen mit den Taliban öffnet und die Militärs abziehen können.

Das britische Weltreich hat seinen Krieg in Afgha­nistan verloren. Die Sowjetunion hat in Afghanistan verloren. Der US-Imperium ist im Niedergang begriffen und verliert in Afghanis­tan. Afghanistan ist der Friedhof der Imperien. Der Niedergang der US-Dominanz wurde durch das Scheitern seiner Wirtschaft ­eingeleitet.

Von entscheidender Bedeutung für dieses Ereig­nis ist die „Ideologie von Al Qaida“. Sie ist ein­fach eine kreierte Ideologie, gegen die später Krieg geführt werden konnte. Es gibt keine ­zusammenhängende Ideologie von Al Qaida. Es gibt keine zusammenhängende Al Qaida. Sie ist nichts weiter als ein Sammelbegriff. Auf Kosten vieler Menschenleben in Afghanistan ist dies eine Ideologie, die jetzt wieder reformiert wur­de, um eine angepasste Strategie zu ­schaffen, die helfen soll, mit dem Scheitern des Afghanis­tankriegs fertig zu werden. Die UN-Ankündigung hat dies bloßgelegt. Ein große Sorge bleibt, dass die NATO-Kräfte nach Afghanistan irgend­wo anders hin müssen. Und es wird ­befürchtet, dass sie nach Pakistan umgeleitet werden.

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