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Sind wir wirklich vorbereitet?

Ramadan ist eine Gelegenheit, über die letzten 12 Monate der ­deutschen Muslime nachzu­denken

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Foto: IZ Medien

(iz). Wenn sich der Ramadan ankündigt, bietet sich für uns Muslime in Deutschland die Gelegenheit des Rückblicks auf die zwölf vergangenen Monate des islamischen Kalenders seit dem letzten Fastenmonat. Es ist für uns, die sich der muslimischen Gemeinschaft zugehörig fühlen, im eigenen Interesse, zu wissen, wo wir herkommen, wo wir stehen und welche Herausforderungen bis zum Ramadan 2020 wahrscheinlich sind. Dieser Text macht, inscha’Allah, den Anfang einer losen Reihe zur Standortbestimmung der hiesigen Muslime. Als solcher ist er darüber hinaus eine Einladung an alle, sich mit Anregungen, Visionen und Kritik zu beteiligen. Viele der hier (nur) angerissenen Punkte müssen ausführlicher behandelt werden.

Fraglos gibt es nicht nur prak­tische oder strukturelle Fragen beziehungsweise Herausforderungen, denen sich Deutschlands Muslime gegenwärtig und zukünftig zu stellen haben. Zu uns gehören gleichermaßen geistige und intellektuelle Zonen, die ­bislang eher unerkundet blieben. Offen ist, ob wir sie – für einen erfolgreichen Ausgang unserer Existenz – zugunsten des Konkreten vernachlässigen können. Anbei einige Beispiele, die einer umfangreicheren Klärung bedürfen.

1. Das oft überstrapazierte Wort „Islam“ ist im „Islamdiskurs“ in einer Subjekt-Objekt-Falle gefangen. Das Sprechen (und damit Denken) über Allahs Din bewegt sich pendelnd zwischen beiden Polen. Phrasen wie „der Islam muss“, „der Islam soll“ oder gar Sätze wie „der Islam ist in der Krise“ (M. Blume) führen in die Irre. Sie beruhen entweder auf der Vergegenständlichung oder auf der Personifizierung eines Phänomens, dass sich – wenn überhaupt – nur als Verb fassen lässt. Viel genauer: „Islam“ ist dasjenige, was Muslime tun. Der Adressat ihrer Handlung ist Allah.

2. Was ist ein Muslim? Diese Frage ist verführerisch simpel. Missverständnisse, wenn nicht intellektueller „Schwurbel“ (E. Henscheid), herrschen darüber, wer oder was die Muslime seien. Momentan gibt es (grob verallgemeinert) mehrere Definitionen, die in Konkurrenz, aber auch gemeinsam zur Beschreibung des Phänomens „Muslime in Deutschland“ benutzt werden.

a.) Die Bestimmung der Lehre findet sich wohl am bekanntesten im Hadith von Sajjiduna Dschribril (das 2. Hadith in der Sammlung von Imam An-Nawawi), aber auch in vielen anderen Quellen. Demnach ist ein Muslim derjenige, der die Einheit Allahs und die Prophetie Seines Gesandten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, bezeugt, die Lebenspraxis der fünf Säulen akzeptiert und daher befolgt. Unter Muslimen hat sie die breiteste Basis und ermöglicht die Existenz muslimischer Communities.

b.) Parallel dazu gibt es das familiäre, ethnische oder kulturelle Abstammungsprinzip. Das heißt: Du bist Muslim, weil Dein Volk, Stamm oder Familie muslimisch sind. Dieses Selbstverständnis ist nicht per se abstrus. Unsere Kinder beispielsweise haben sich im Gegensatz zu uns nicht ausgesucht, ob sie Muslime sein wollen. Sie wurden in diese Situation hineingeworfen. Toxisch aber wird das Prinzip, wenn es die Zugehörigkeit zur muslimischen Gemeinschaft darauf beschränkt und Muslime anderer Herkunft ausschließt. Hier ist es erwähnenswert, dass es nach Ansicht vieler Rechtsgelehrter für gebürtige Muslime Pflicht ist, ­einmal in ihrem Leben die Schahada vor Zeugen hörbar auszusprechen.

c.) Die Vorstellung vom Muslim als „fremd“. Er – wie seine Religion – werden essentialistisch zu etwas anderem gemacht, das wesensmäßig vom eigenen verschiedenen ist (und sein muss). Diese Definition ist dominant in den diversen „Islamdiskursen“ von konservativ bis ganz rechts. Es findet sich tendenziell aber auch in multikulturellen Ansätzen. Mit dem Unterschied, dass der „Fremde“ (hier MuslimInnen) als etwas grundsätzlich Positives gesehen werden. Beiden ist gemein, dass die Idee des Europäers, der sich für Allahs Din entscheidet, fremd bleiben muss.

d.) Eine vierte, in den letzten Jahren entstandene Definition leitet sich aus den Arbeiten kolonisierungskritischer Au­torInnen, der Postmoderne sowie univer­sitären Diskursen der USA ab. Sie beschäftigt sich nicht mit dem religiösen, spirituellen oder historischen Gehalt des Muslimseins. Ihr geht es um das Aufzeigen und „„Dekonstruieren“ von Machtverhältnissen. Daher bezieht sich ihr Verständnis eines „Muslims“ auch auf jede Person, die von strukturellen Diskursen dazu gemacht wird. Als aktuelles Beispiel werden Sikhs angeführt, die in den USA nach 9/11 zum Opfer antimuslimischer Attacken wurden. Aspekte des Muslimseins sind hier PoC (People of Colour), Opfer und Minderheit. Auch in diesem Verständnis ist der Europäer (also der Privilegierte), der gleichzeitig Muslim ist, ein schwerverdaulicher Faktor.

3. Ebenso signifikant ist, dass der Diskurs von Muslimen in Deutschland über ihre Religion (und ihre Realität) mehrheitlich in diesseitigen Kategorien geführt wird. Die Fragen nach dem Unsichtbaren/Jenseitigen gerät in den Hintergrund. Selbst, wenn nicht negiert, nimmt sie keinen signifikanten Einfluss auf Denken und Sprechen. Wir haben im gewissen Sinne verlernt, die Dinge „von Allah aus“ zu denken. Aus der lebendigen Präsenz eines stets anwesenden Herrn der Welten wird ein „Konzept“. In dem Sinne blenden Muslime ihr konkretes Schicksal vis-a-vis ihres Wissens von der Göttlichkeit konsequent aus.

4. Das ist nur ein Beispiel, wie wir – aktiv oder passiv – selbst Anteil an der „Umwertung aller Werte“ (Nietzsche) haben. Dazu gehört, dass wir häufig selbst die in Herrschaftsdiskursen etablierten Terminologien übernehmen, anstatt auf unsere eigene, tradierte zu pochen, die in der islamischen Denklogik und ­Methodologie wurzelt. Ein Beispiel dafür ist der oft benutzte Begriff eines „organisierten Islam“. Gemeint ist damit etwas anderes: Strukturen der muslimischen Selbstorganisation, die man – in Ermangelung passender Denkmodelle – in das historische Vorbild der Kirchenstruktur pressen will.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Hier geht nicht um „Kritik“ als Selbstzweck oder Reflex. Und nicht darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen. ­Allerdings wäre das Gegenteil gleichermaßen dumm. Eine lebendige Gemeinschaft braucht kritische Stimmen, die auf Fehlentwicklungen hinweisen. Wenn diese sich öffentlich äußert, muss gefragt werden, warum es keine Strukturen der Kommunikation gibt. Darüber hinaus: Gemeinschaftlich sitzen wir alle im gleichen „Boot“ und sind mit vergleichbaren Aufgaben konfrontiert.

Die Tatsache, dass sich Muslime – innerhalb oder außerhalb des Ramadan – zusammenfinden, um den Herrn der Welt anzubeten, Seiner zu gedenken, Seinen Propheten zu lieben und sich an dem, was offenbart und überbracht ­wurde, zu orientieren, ist eine gewaltige Sache in dieser Zeit. Und es gibt heute ungleich mehr Orte, an denen das möglich ist. Einer meiner Lehrer, möge Allah ihm Gesundheit geben, sagte: „Wer in dieser Zeit fünf Mal am Tag betet, Allah fürchtet und Seinen Propheten liebt, ist schon ein Wali.“

Keine Frage: Es gab in den letzten 12 Monaten Erfolgsgeschichten. Neue ­Projekte und Vereine, die auf ihrem ­Gebiet einen Unterschied machen und ihren Beitrag leisten. Und gleichermaßen bestehende Strukturen, die ihre bisherige Arbeit fortsetzen. Es wurden repräsentative Moscheen gebaut beziehungsweise an ihnen gearbeitet. Individuelle Mus­lime haben Erfolg und werden über ihre Bezüge hinaus als relevant wahrgenommen. Insbesondere die Jungen nutzen ihre Möglichkeiten, um sich auszuprobieren und Dinge auf die Beine zu stellen, die – inscha’Allah – fruchtbar für andere sein werden.

Auch das dürfen wir nicht vergessen: Selbstverständlich leben wir in so vielen anderen Aspekten unserer Identität erfolgreich, hilfreich und positiv als Eltern, Angehörige, Liebende, Nachbarn, Kollegen usw. in unseren jeweiligen kon­kreten Kontexten. Es ist in den seltensten Fällen der konkrete Alltag, der unser ­Problem ist.

Genauso gilt allerdings: Des vorher Gesagten ungeachtet müssen wir uns gleichzeitig eingestehen, dass in gemeinschaftlicher Hinsicht, das vergangene Jahr bis zu einem gewissen Grad als verlorene Zeit gelten kann.

Wie selten zuvor in den letzten beiden Jahrzehnten stellen Muslime in Deutschland kein politisches Subjekt dar. Wir sind – anders als andere soziale Segmente – nicht in der Lage, gemeinsame Ziele und praktische Konzepte zu formulieren sowie zu realisieren. Selbst wenn es unein­gestanden bleibt, haben sich Funktionsträger, öffentlichen Stimmen und andere relevante Akteure von der Idee einer „muslimischen Einheit“ verabschiedet. Und wenn dieser Aspekt erwähnt wird, dann bleibt er zumeist nur ein rhetorisches Lippenbekenntnis.

Keine Frage: Wir haben den Typus des Politikers und des politischen Aktivisten. Und ein enorm großer Anteil unseres „Diskurses“ ist längst politisiert – und damit säkularisiert. Beide Dinge bleiben aber in seltsamer Weise getrennt von unserer politischen Wirklichkeit.

Auf öffentlicher Ebene kommt hinzu, dass Bruchlinien immer schärfer – und verletzender – zu Tage treten. Es scheint, dass sich ein Teil der öffentlich wahr­genommenen AkteurInnen von einem früheren Grundkonsens verabschieden. Das mag daran liegen, dass – nach langer Stasis – nicht ausgehandelte Konflikte – wie der über das muslimische Selbstverständnis – offen zu Tage treten. Es fehlt gleichermaßen an Mechanismen zur ­Vermittlung solcher Differenzen.

Mittlerweile erlebe ich als Beobachter und gelegentlich Betroffener, dass diese inhaltlichen Differenzen sich in persönlichen beziehungsweise zwischengemeinschaftlichen Animositäten übersetzen. Man kriegt immer häufiger mit, wie ­hinter den Kulissen – teils mit rabiaten Mitteln – über Andersdenkende geredet und gelegentlich gehandelt wird. Das ­widerspricht nicht nur den öffentlich oft beschworenen „Werten“ von „Vielfalt“ oder „Ambiguitätstoleranz“, sondern stellt im Unsichtbaren eine Schwächung für uns als Ganzes dar. Es ist eine bittere Ironie, dass im Inneren so jene Dinge ­internalisiert sind, die wir zurecht im ­„Islamdiskurs“ beklagen: Kontaktschuldthesen, Assoziationslogik und eine Kultur des Verdachts.

Und in struktureller Hinsicht gilt: ­Diese politische Schwäche und abnehmende Kohärenz ist teilweise der Tatsache geschuldet, dass das Vereinsrecht als Basis muslimischer Selbstorganisation nicht mehr in vollem Umfang den heutigen Anforderungen gerecht wird. Bei relativ einflussreicheren Strukturen merkt man, dass die immanente Tendenz zum Erhalt des eigenen Apparats ein gemeinschaftliches Vorgehen behindern kann. Keiner kann derzeit Verantwortung für die Gesamtsache übernehmen. Lagerübergreifende Charaktere – und Visionen –, die eine Vielzahl von Bezügen begeistern können, werden derzeit schmerzlich vermisst.

Hinzukommt, dass bisherige Strukturen nicht ausreichend vorbereitet scheinen, über neue Formen (oder über Phänomene wie das Internet) zu reflektieren und die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Das Projekt einer sogenannten „Gemeinschaft“ in Nordrheinwestfalen führt ja Wirklichkeit und Idee einer muslimischen Gemeinde ad absurdum.

Die „Lehre“ kann nicht ausgenommen werden von einer Standortbestimmung: Es ist kein Geheimnis, dass das Projekt „Theologie“ (ungeachtet seiner Personalien) durchaus Fragen hervorrief. Diese Skepsis hat sich teilweise bewahrheitet. Obschon Lehrstühle sukzessive erweitert, etabliert und multipliziert werden, sind die praktischen, aus der Lehre kommenden Interventionen nicht so häufig. ­Existente Wortmeldungen bewegen sich zumeist auf der Linie eines bereits jetzt schon dominanten, gesamtgesellschaftlichen Herrschaftsdiskurses. Auf prak­tischer Ebene hat es zumindest den Anschein, dass die Schnittstellen zwischen der konkreten Gemeindearbeit und der „Theologie“ nicht größer wurden.

Ähnlich einflussarm erscheinen die existenten, traditionellen Gelehrten in Deutschland. Viele beschränken sich selbst auf Fragen individueller Religio­sität. Wohl auch aus Angst, sich bei übergreifenderen Themen oder Problemen die Hände zu verbrennen oder ihre Subsistenz zu gefährden. Die Folge ist, dass Nicht-Fachleute häufig eine definitorische Macht zu gemeinschaftlichen, religiösen Fragen bekommen, die ihnen nicht zusteht.

Schlussendlich kann nicht übersehen werden: Die Verschlechterung des deutsch-türkischen Verhältnisses hat zu Spannungen zwischen deutschtürkischen Strukturen in Deutschland und der Öffentlichkeit geführt. Das übersetzt sich auch in innermuslimische Spannungen. Es wäre gut, wenn Muslime in Deutschland (heute noch knapp mehr als die Hälfte mit einem deutschtürkischen Hintergrund) sich hier nicht als Partei verstünden, sondern auf Ausgleich sind. Auch deshalb, weil sie mittel- und unmittelbar von Spannungen betroffen sind.

Dieser Text soll eine erste Orientierung bieten. Nicht nur möchten wir in loser Folge mehrere dazu schreiben. Gleichzeitig ist eine Einladung, ergebnisoffen an einem konstruktiven Gespräch teilzunehmen. Idealerweise in einem Modus, in dem wir miteinander und nicht übereinander sprechen und schreiben.

Möge Allah Seinen Segen des sich ankündigen Ramadan auf die Muslime dieses Landes herabsenden und uns ein Zusammenkommen ermöglichen.

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Sulaiman Wilms

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