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So einfach und doch so entscheidend: Muslimische Beiträge zum Umgang mit dem kühlen Nass. Von Ömer Ali Sandal

Denn Wasser ist Leben

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(iz). Wasser ist Leben. Außer unserer Atemluft gibt es kein anderes physisches Element, das wir Menschen als Teil der Schöpfung dringender benötigen. Sein Auffinden, Transport, Verteilung, aber auch seine Ableitung zählen zu den wichtigsten Kulturtechniken der Mensch­heit. Bekanntermaßen haben die Muslime in ihrer Geschichte einen bedeutenden Beitrag zum wissenschaftlichen und kulturellen Erbe der Menschheit geleistet. Zu dessen wichtigsten – aber oft vergessenen – Elemen­ten zählt auch die Hydrologie – die Kon­trolle der Bewegungen des ­Wassers.

Der Aufstieg von Städten wie Bagdad, Fes, Cordoba, Damaskus oder Marrakesch benötigte verfeinerte Methoden der Wasserverwaltung, um die schnell wachsenden Bevölkerungen jener Städte zu versorgen. Die Integration, Anpassung und Verfeinerung von Techniken der Wasserverteilung und Bewässerung aus Indien, Asien und Rom waren den Arabern bereits seit dem 7. Jahrhundert bekannt. Und so begann mit dem Islam auf der Arabischen Halbinsel und später in Andalusien auch eine landwirtschaftliche Revolution.

Vereint durch eine gemeinsame Sprache säten diese Wissenschaftspioniere ihre Fachkenntnis von Ost nach West aus. Das gleiche gelte für ihre erfinderischen Lösungen zu Herausforderungen, die sich aus den verschiedenen Geländetypen ergeben hätten, meint der Wirtschaftshistoriker Mohammed El Faiz von der Cadi Ayyad Universität in Marrakesch. Jene Technologien seien die Grundlage für einen vorher unbekannten Wohlstand in dieser Region der Welt gewesen.

Im arabischen Text „Anabat Al-Mija Al-Khofia“ (Die Förderung von verstecktem Wasser an die Oberfläche) des persischen Mathematikers Muhammad Al-Kharadschi aus dem frühen 10. Jahrhundert wurden grundlegende Techniken der Förderung und des Transports von Wasser behandelt. Zur gleichen Zeit begründete der im persischen Hamadan lebende Mediziner und Philosoph Ibn Sina die Hydraulik als unabhängige Wissenschaft – gleichwertig zu Geometrie und Astronomie.

Die Kenntnisse der Muslime im lebensnotwendigen Umgang mit Wasser, gerade in trockenen Gebieten, machten nicht vor den Grenzen ihrer Gebiete halt. Mit dem Beginn der europäischen Expansion über den Atlantik in Richtung der „Neuen Welt“ kamen von Muslimen inspirierte Techniken auch auf die Kanarischen Inseln und sogar nach Nordamerika. Dort seien sie nach Ansicht von Antonio Malpica, Dozent für mittelalterliche Geschichte der Universität Granada, beim Anbau von Zuckerrohr zum Einsatz gekommen. Das gleiche hätten laut Malpica auch provencalische Ingenieure zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert getan, als sie die Bewässerungsnetzwerke der Muslime kopierten. Einige wenige von ihnen seien immer noch im Einsatz.

In Diyarbakir (oberes Mesopotamien, in der heutigen Türkei gelegen) entwarf der Erfinder Al-Dschazari aus dem 13. Jahrhundert erstaunliche hydraulische Pumpen und Wasseruhren. Diese basierten auf den gleichen Prinzipien, die im Westen erst 300 Jahre später von Leonardo da Vinci und anderen italienischen Erfindern kopiert wurden. Im Iran, in Nordafrika und in Spanien wurden unterirdische Kanäle, die mit Belüftungsschächten versehen waren, in einer Länge von bis zu 20 Kilometern gebaut. Wie andere simplere Erfindungen existierten auch diese bereits vor Beginn der muslimischen Kulturen.

Nach Ansicht des Historikers Charles Singer kamen sie um das 6. nachchristliche Jahrhundert von Armenien nach Persien. Von dort hätten sie sich westlich nach Ägypten über Nordafrika nach Marokko ausgebreitet. Nach Ansicht von Malpice hätten die Araber die Bewässerung durch unterirdische Wasserquellen vorgezogen, da diese – anders als Flüsse, die gelegentlich austrockneten – das ganze Jahr über Wasser führten.

Muslimische Ingenieure benutzten Astrolabien, sphärische und ebene Trigonometrie sowie komplexe Vermessungstechniken, um Kanäle zu planen und um die geeignetsten Plätze für Dämme zu finden. Viele von diesen wurden derart solide errichtet, dass sie bis heute überlebt haben. Syrische Einwanderer in Al-Andalus stauten den Ebro im Norden in der Nähe von Saragossa und den Guadalqivir bei Cordoba in ihrem Versuch auf, die duftenden Gärten von Damaskus zu kopieren.

Im 9. Jahrhundert erbaute Zubaida, die Ehefrau des ‘abbasidischen Khalifen Harun Ar-Raschid, eine Reihe von Quellen, Sammelbecken und künstlichen Teichen, die Wasser für die Pilgerreisenden auf ihrem Weg von Bagdad nach Mekka bereit stellen sollten. Seitdem ist dieser Weg nach ihr benannt. Ein Jahrhundert später wurden riesige schwimmende Mühlen aus Teakholz und Eisen in der Flussmitte von Tigris und Euphrat errichtet. Diese benutzten die konstante Strömung der Ströme, um bis zu 10 Tonnen Getreide pro Tag zu mahlen.

Alle landwirtschaftlichen Technologien der Wasserverteilung führten zur Schaffung neuer Rechtszweige. Viele Pfeiler des bürgerlichen und wirtschaftlichen Rechts in der islamischen Welt stammten auch aus dem Prozess des Gebens und Nehmens bei der Feststellung von Wasserrechten. Eines seiner frühen Beispiele ist das „Kitab Al-Qina“ von Ibn Tahir, einem Gouverneur der persischen Provinz Khorassan aus dem dem 9. Jahrhundert. Darin werden Regeln über die Verteilung von Wasser festgehalten.

Antonio Malpica verweist darauf, dass die muslimischen Projekte in der Regel von einfachen Bauern durchgeführt werden konnten, während die Römer große Massen an Soldaten brauchten, um Aquädukte und andere massive Strukturen zu errichten. „Es waren arabische Bauern, welche diese Systeme entwarfen und bauten, keine Soldaten“, meinte er. „Es gab einige Spezialisten für große Anlagen wie die der Alhambra, aber im Allgemeinen wussten die meisten, wie Bewässerung funktionierte.“

Die Methoden der Muslime seien weniger drastisch, ja sogar umweltfreundlich gewesen. „Die maurischen Bauern wählten nachhaltigere Lösungen, die im wesentlich versteckt lagen. Dadurch veränderten sie die Landschaft subtil, ohne große Erdmassen bewegen zu müssen“, erläutert der Professor aus Granada. Beim Bau eines Qanats1, der in der Tat ein kleiner Strom ist, bleibe noch genügend umliegende Vegetation übrig. Unterschlagen werden darf beim Blick auf muslimische Beiträge zur Wasserwirtschaft nicht, dass sich die damaligen Erfinder und Ingenieure nicht nur von einem rein materiellen Interesse an gestiegenen Ernteerträgen und landwirtschaftlichen Einkünften leiten ließen. Im Kern der muslimischen Beschäftigung mit Wasser befindet sich auch die religiöse Komponente dieses Elements. Von Anbeginn des Islam an ist es unverzichtbar für die Vollziehung der religiösen Waschung, die (mit Ausnahme von Extremsituationen) die Grundlage für das Gebet der Muslime bildet. (IZ/SAM)

1 Der Qanat (in Iran und Ostarabien, früher auch Al-Andalus) beziehungsweise der Faladsch (in Südarabien) ist ein System von unterirdisch ausgeschachteten Kanälen mit minimaler Abwärtsneigung, auf eine Meile ca. eine Mannshöhe, von der Quelle bis zu den Bestimmungsorten. In Abstanden von ca. 200-500 Metern sind senkrechte Kontrollschächte von der Bodenoberfläche bis zum Wasserkanal ausgebohrt. Die zum Bau und zur Instandhaltung notwendigen Fachleute sind noch heute vorhanden und sorgen in den wasserarmen Gebieten gerade Irans und Omans für die Versorgung der Landwirtschaft und der Oasenbewohner. Bezahlt wurden (und werden) sie vergleichsweise hoch, üblicherweise nach Doppelarmbreite der Felsausschachtung.

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