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Solingen: Der Schmerz bleibt

Gedenken an den 25. Jahrestages des Solinger Brandanschlags. Bericht von Yuriko Wahl-Immel

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Foto: Sir James, Wikipedia auf Deutsch | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Vor 25 Jahren brannte das Haus einer türkischstämmigen Familie in Solingen nieder. Mevlüde Genc verlor fünf Familienmitglieder. Der Schmerz tobt weiter in ihr. Der extremistische Anschlag ist weltweit zum Symbol für mörderischen Fremdenhass geworden.

Solingen (dpa). Mevlüde Genc hat zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verloren. Vor 25 Jahren, beim Brandanschlag von Solingen, der für mörderischen Fremdenhass steht und weltweit schockierte. Nun, kurz vor den offiziellen Gedenkfeiern am 29. Mai, reißen die Wunden wieder voll auf. „Gott hat mir die Geduld und die Kraft gegeben, dass ich diesen Schmerz ertragen kann“, sagt die türkischstämmige 75-Jährige. Schon kurz nach der rassistischen Tat rief sie zu friedlichem Miteinander auf und tritt seitdem immer wieder für Versöhnung ein. Für viele ist die kleine Frau mit dem Kopftuch zum Symbol für menschliche Größe geworden.

„Wir können die Verstorbenen nicht mehr zurückholen, wir müssen mit diesem Schicksalsschlag leben und ihn ertragen“, betont Mevlüde Genc im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Die schrecklichen Bilder des Anschlags begleiten sie Tag für Tag.

In der Nacht des 29. Mai 1993, in der Unteren Wernerstraße 81, brennt das Haus der Großfamilie Genc bis auf die Grundmauern nieder. Fünf Mädchen und Frauen sterben. Sie sind 4, 9, 12, 18 und 27 Jahre alt. Die 14 anderen Familienmitglieder überleben teils schwer verletzt. Einige werden viele Operationen über sich ergehen lassen müssen.

Mevlüde Genc und ihr Mann Durmus Genc (74) sind trotz des grausamen Anschlags in der Stadt geblieben. Sie haben sogar 1995 zusätzlich die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. „Ich lebe in Deutschland und in der Türkei. Natürlich ist beides Heimat.“ Sie habe immer auf Unterstützung bauen können, schildert Mevlüde Genc auf Türkisch. „Sowohl meine Familie als auch die Nachbarn haben mir in all den Jahren Liebe und Anteilnahme erwiesen.“

Noch immer zieht es das Paar regelmäßig an den Tatort, das frühere Zuhause. Fünf Kastanien sind damals nach dem Inferno gepflanzt worden, nehmen heute das gesamte Grundstück ein. Auch eine Gedenktafel erinnert an die Toten, die einer der folgenschwersten rechtsextremistischen Taten in der Geschichte der Bundesrepublik zum Opfer fielen. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht verhängte Höchststrafen, verurteilte die vier rechtsextremen Brandstifter 1995 wegen Mordes zu zehn Jahren Jugendhaft, einen damals 25-Jährigen zu 15 Jahren Gefängnis. Die Strafen sind verbüßt.

Auf die Frage, woher sie ihre Kraft nehme, sagt Mevlüde Genc: „Wenn Kinder im Schlaf lebendig verbrennen müssen, dann sind das in unserem Glauben Märtyrer.“ Damit meint sie unschuldige Opfer, die nach Vorstellung des Islam unsterblich seien. In diesem tröstlichen Glauben könne sie weiter dafür eintreten, „dass die Menschen sich in Freundschaft begegnen.“ Für ihren Einsatz hat sie viel Anerkennung und auch das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, betont: „Ich habe hohen Respekt vor dieser großartigen Frau. Sie hat trotz ihres schmerzhaften Verlustes standhaft für ein friedliches Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken geworben.“ Sie habe stets genau differenziert zwischen den Brandstiftern und der großen Mehrheit in Deutschland. Sofuoglu erinnert sich: „Es war eine Angstserie für uns Türkeistämmige.“ Zuvor hatten schon ausländerfeindliche Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991, in Rostock-Lichtenhagen und Mölln 1992 Entsetzen ausgelöst. Ende 2011 flog der NSU auf, dem zehn Morde zur Last gelegt werden. Neun Morde waren rassistisch motiviert, acht Opfer waren türkischstämmig.

Das Ehepaar Genc möchte nicht über die NSU-Morde, die deutsche Sicherheitspolitik oder die frostigen deutsch-türkischen Beziehungen reden. Sie wollen trauern, still, ungestört von politischem Streit. Die öffentliche Debatte über die Ansprache des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu bei der Gedenkfeier am 29. Mai empfinden sie als ärgerlich: „Warum immer diese politischen Fragen an diesem Tag des Schmerzes?“, will Durmus Genc wissen. Mevlüde Genc betont: „Ich möchte meiner getöteten Kinder gedenken. Politisches will ich nicht dabei haben.“

Dass wieder ein türkischer Minister nach Solingen kommt, war Wunsch der Familie Genc. Die Rede zur Gedenkfeier fällt zeitlich mitten in den türkischen Wahlkampf. Was Befürchtungen ausgelöst hatte, Cavusoglu könne seine Ansprache zu Wahlkampfzwecken missbrauchen. Mevlüde Genc wünscht sich gleichermaßen persönliche Anteilnahme von deutschen wie von türkischen Staatsvertretern. Ihre persönliche Botschaft bei der Gedenkstunde zum 25. Jahrestag werde sein: „Lasst uns zusammen als Freunde leben. Ich möchte alle um Menschlichkeit bitten.“

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