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Sollte man das Gespräch mit der AfD führen?

Der Beitrag: Gegendemonstrationen sind wichtig, aber sie reichen nicht, meint Wolf D. Ahmed Aries

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Foto: Die LINKE, flicks | Lizenz: CC BY 2.0

Hannover (iz). Als ich vor wenigen Wochen von der AfD-Fraktion im niedersächsischen Landtag gefragt wurde, ob ich mich an einer Podiumsdiskussion beteiligen würde, habe ich tief Luft geholt und – nach einigem Zögern – zugesagt. Um nicht in Schwierigkeiten zu geraten, erzählte ich es meinen Freunden, Kollegen und jedem anderen, der es hören wollte.

Die Reaktionen waren erstaunlich. Während eine eher kleine Gruppe meine Zusage begrüßte, wurde ich von einer zweiten – und größeren – Gruppe nicht nur beschimpft, sondern regelrecht angegriffen. Mancher versuchte, mich unter Druck zu setzen, wieder abzusagen. Kaum jemand suchte das Gespräch mit mir. Die allgemeine Tendenz war „mit denen redet man nicht“. Meine Argumentation nahm kaum jemand zu Kenntnis. Sie besteht aus drei Diskurslinien:

1. Die bürgerlichen Parteien sind in den letzten Jahrzehnten in die politische Mitte beziehungsweise nach links gerutscht, sodass rechts eine größere Leere entstand, in der sich eine neue Kraft entwickelt hat. Sie ist wirklich neu, weil sie andere Leitmotive aufgreift, als es die sogenannte Rechte früher tat. Die Themen „Heimat“ und „Angst vor dem Fremden“ sind nur Beispiele dafür.

2. Die außenpolitische Landschaft hat sich von einem bipolaren Gegeneinander zur unübersichtlichen Gemengelage entwickelt, sodass für Otto-Normalverbraucher kaum noch zu erkennen ist, wer was mit welcher Absicht und welchem Ziel will. Gleichzeitig sind die Gesellschaften Europas zu Experten-Gesellschaften geworden, in denen immer mehr Bürger die gängigen Expertisen jedoch kaum verstehen.

3. Während in der Öffentlichkeit als Konsequenz Bildung gefordert und gefördert wird, kümmert sich kaum jemand um all jene, die unsere Bildungswege verlassen oder abbrechen. In der Theorie unterscheidet man primäre und sekundäre Analphabeten, das heißt, Persönlichkeiten, die mühsam lesen können und solche, die die Bild-Zeitung am Wochenende buchstabieren. Hinzu kommen all jene Menschen, die die allgemeinen technischen und gesellschaftlichen Veränderungen nicht mehr zu verfolgen vermögen. Ein Tablet zu bedienen bedeutet, dass man seine Strukturen versteht.

In dieser gesellschaftspolitischen und kulturellen Situation kamen hoch ausgebildete Bürger mit jenen zuvor angesprochenen zusammen, welche die rechte Leere intellektuell ausfüllten, woraus ein schlichtes Vokabular entstand, das dem Idiom früherer Stammtische entspricht. Dazu wird die von den bürgerlichen Köpfen so geschätzte Vielfalt zur Einfalt reduziert, mit der man bequem zu leben und zu agieren vermag.

Politische Ereignisse, die durch europäische (Fehl-)Entscheidungen entstanden, werden auf „den“ Islam zurückgeführt, wozu gleich die passende Passage aus einer anti-islamischen Übersetzung des Qur’an oder ein Hadith als Beweis zitiert wird. Wem stehen schon die circa dreißig sehr unterschiedlichen Übersetzungen des Qur’an zur Verfügung?

Zu dieser Tendenz der passenden Vereinfachung kommt die Unkenntnis der eigenen Geschichte und selbst der Grundlagen unseres Rechtsstaates. Mir passiert es immer wieder, dass Gesprächspartner völlig verblüfft reagieren, wenn ich auf die Vocatio Dei der Präambel des Grundgesetzes hinweise, und erwähne, dass Muslime ihren transzendentalen Bezug ernst nehmen. Zahlreiche AfD Zuhörer sind so selbstverständlich säkular, dass es sie verblüfft, wenn jemand die Vocatio Dei überhaupt erwähnt. In einer Diskussionsrunde rief daraufhin jemand: „Das ist naiv!“

Dieser und andere Zwischenrufe machten mir deutlich, dass wir Muslime das Gespräch suchen müssen. Gegendemonstrationen sind wichtig, aber sie reichen nicht, weil die Sätze der Polemik im Raum stehen bleiben. Es ist daher weiterhin unglücklich, wenn die muslimischen Verbände und die vielen Engagierten „nur“ auf der Straße zu sehen sind. Wir müssen ihre Einladungen annehmen oder sie zu uns einladen, um ihnen inhaltlich entgegenzutreten. Wenn Menschen in diesem Lande überleben wollen, weil sie sich hier heimatlich verbunden fühlen, weil sie als SoldatInnen oder BeamtInnen ihren Eid mit Überzeugung auf die Verfassung abgelegt haben, dann sollten sie in den Diskurs gehen.

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Wolf D. Ahmed Aries

Wolf D. Ahmed Aries

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