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„Somewhere in America” hat Debatten ausgelöst. Von Massouda Khan

Hipsters, Mipsterz, Hijabistas

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„Der Prozess der Schaffung des ‘Normalen’ entzieht uns – gerade Frauen – zentrale Elemente unseres Glaubens. Das Mipsterz-Video ist deshalb für viele nur schwer verdaulich, weil es einem die wachsende Kultur eines Lyfe-Style-Islam direkt unter die Nase hält. Laufstegtauglich, auf dem Catwalk stolzierend und mit der passend trotzigen Haltung scheinen sie das Gegenteil von dem zu repräsentieren, was wir als islamische Bescheidenheit kennen und – manchmal übereilt – erwarten. (…) Heute sind wir das Bild, das wir schaffen und an den Tag legen. Also, welches geben wir individuell und kollektiv ab?“ (Sanaa Saeed, The Islamic Monthly)

(iz). Unter US-Muslimen ist ein aufschlussreicher und hochspannender Streit darüber entstan­den, wie das Kurzvideo „Somewhere in America“ (unter Mitwirkung junger Musliminnen mit verschiedensten Hintergründen) zu verstehen sei. Die Protagonistinnen des Trends – manche KritikerInnen weigern sich, von einer echten Bewegung zu sprechen – nennen sich in Anlehnung an die allgemeinen Hips­ter auch „Mipsterz“.

Worüber gerieten sich Musliminnen – sowie vereinzelte männliche Muslime – die wie „Konservative“ klingen mögen, aber feministisch und „liberal“ argumen­tieren, und die Darstellerinnen der Szene in die Haare? Unterlegt mit einer jugendschutztauglichen Version von Jay-Z’s Song „Somewhere in America“ tummeln sich in einem erstaunlich professionell produzierten (mehrheitlich von muslimi­schen Männern!), 2:28 Minuten langen Video.

//1// Der Stein des Anstoßes. Framegrab von “Somewhere in America”.

Eine bunt gemischte Gruppe junger Fräuleins in allen Facetten der Aufmachung agiert mit laufstegkompatiblen Posen und Gesten in der urbanen Landschaft verschiedener US-amerikanischer Städte. Während die modeindustrie­tauglichen Jungmodels durch ihre diversen Stylez und Formen der Selbstdarstellung Individualität verkörpern (wollen), wirken sie seltsam identitätslos. Nichts in dem Clip steht für einen tiefe­ren persönlichen Inhalt. Beim mehrfachen Anschauen beschleicht mich das Gefühl, sie hätten nicht viel mehr als ihre Moves, Stylez und Tücher. Gelegentlich schwingt aber postmoderne Ironie mit, wenn eine Handvoll junger Frauen auf einem Skateboard durchs Bild fährt oder eine einzelne Protagonistin mit der Axt am Baum scheitert.

Amina Sheikh, eine der Darstellerinnen hat ihren Beitrag deutlich ­gegenüber Kritikerinnen wie Sanaa Saeed gerechtfertigt. „Meine Schwierigkeit mit allen Kritiken, die ich lese, ist, dass sie mir die Handlungsfähigkeit und Macht absprechen wollen“, widersprach Sheikh den Kritikerinnen. Gerade weil sie aus der Hijabi-Bewegung komme, aber mit einigen ihrer Aspekte Probleme habe, sei sie mit den Darstellerinnen überhaupt zusammengekommen „Ich habe diese Wahl getroffen“, schreibt die studierte kanadische Orientalistin. Das Video sei eine Reflexion von ihr und vielen musli­mischen Frauen. „Euch mag es nicht gefallen, was OK ist. Es mag euch nicht repräsentieren, was sogar besser ist. Und ihr kennt wahrscheinlich niemanden, der wie wir ist – das ist um so vieles besser!“

Undenkbar für uns Hiesige hat der Streit darüber, was eine zulässige und für andere Frauen verbindliche Präsentation sei, längst Blogs und soziale Medien verlassen. Von muslimischen Community-Medien, über das hippe Frauenmagazin „Jezebel“ bis zur längst etablierten „Huffington Post“ hat er Wellen geschlagen. Geht es doch – vielleicht für die meisten unbewusst – um Fragen wie Selbstverständnis und -ermächtigung amerikanischer Musliminnen.

Die eingangs zitierte Sanaa Saeed hat mit dem ganzen Ansatz so ihre ­Probleme. Ja klar, das Video sei cool, schrieb sie in „Islamic Monthly“, aber das war’s dann halt auch. Sie sei daran gescheitert, eine Absicht in dem Video zu erkennen. Darüber hinaus tue es wenig dafür, Vorurtei­le zu bekämpfen. „Es sind im sprichwört­lichen Sinne junge muslimische Frauen mit einem beeindruckenden Modegeschmack, während in der Kulisse Jay-Z darüber singt, wie Miley Cirus mit ihrem Hinterteil wackelt.“

Unabhängig davon, ob wir uns für eines der beiden Argumente entscheiden wollen oder nicht, es lohnt sich über den Großen Teich zu schauen. Die US-DiskutantInnen machen sich die Mühe, den Streitgegenstand nicht nur nach „verboten“ oder „erlaubt“ zu beurteilen. Sie reflektieren darüber, was den ästhetischen Gehalt dieser Sache ausmacht. Eine Prise davon könnte uns guttun, nachdem wir jahrelang die – ästhetisch gelegentlich fragwürdige – „muslimische Popkultur“ durchgewunken haben.

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Massouda Khan

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