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Spanien: Garnata 2000 und das alte Andalusien

Über eine bürgerliche Bewegung für die Aufarbeitung der mittelalterlichen Geschichte

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Interview von IZ-Online mit der Sprecherin von Garnata 2000, Frau Carmen Perez Callejon. Garnata ist eine Bewegung spanischer Bürger – ohne politische oder religiöse Voreingenommenheit – die zur Aufarbeitung der andalusischen Geschichte beitragen wollen.

IZ-Online: Was ist Garnata 2000? CP: Das ist eine Initiative von Mitbürgern, die das Erbe des andalusischen Mittelalters aufarbeiten wollen; dieser Initiative gehören bislang 7 Kulturvereine, sowie 150 Personen aus Kultur, Wissenschaft und Erziehung aus ganz Spanien an. Merkwürdig dabei ist, dass sich uns bisher keine muslimische Gruppe Spaniens angeschlossen hat, obwohl unser Mittelalter ein islamisches war.

IZ-Online: Ist Garnata 2000 eine politische oder eine religiöse Vereinigung? CD: Garnata 2000 macht weder Politik, noch gehört es einer Religion an. Wir wollen unser Mittelalter kennen lernen und dies vermitteln: es handelt sich um 1000 Jahre unserer Geschichte. In Andalusien gehen die Archive nur bis zum 16. Jahrhundert zurück. Die 1000 Jahre islamische Geschichte, die sich davor ereignet hat, stellt für uns eine große Leere dar, die uns nur durch wenig vertrauenswürdige und ungesicherte Quellen bekannt ist; die meisten dieser Quellen stammen von christlichen Mönchen. Das Motto von Garnata 2000 lautet: ” Ein Volk, das seine Vergangenheit nicht kennt, hat keine Zukunft.”

Granada war das erste Sarajewo Europas. Hier gab es eine Produktion von arabischen Manuskripten – über Jahrhunderte hinweg war das Arabische unsere Landessprache – die in die ganze Welt exportiert wurden. Berühmt waren beispielsweise eine Schule weiblicher Kalligraphinnen, deren handgearbeitete Kopien ganze Bücher kopiert haben. Auch das Papier wurde hier aus Leinen und gepresster Baumwolle hergestellt. 1499 brach Kardinal Cisneros die Verträge der Stadtübergabe, die mit den Muslimen zuvor geschlossen worden waren, indem er über 4000 Muslime zwangstaufen und 1501 alle arabischen Manuskripte auf einem großen Scheiterhaufen auf der Plaza Bibrambla öffentlich verbrennen ließ.

Das Feuer, in das unschätzbare Bibliotheken aus ganz Andalusien geworfen wurden, loderte wochenlang. Viele Bücher wurden jedoch vor den Flammen gerettet. Es gab Leute, die ihr Leben dafür riskierten, um diese Bücher zu verstecken. Andere haben sie von der spanischen Halbinsel geschafft; heute findet man diese Manuskripte in den Bibliotheken von Fez, Timbuktu, Rabat und Tunis. Die Inquisition selbst verschonte etwa 4000 Bände, aus den Bereichen Medizin und Botanik, mit denen Phillip II. die königliche Bibliothek des Escorial begründete. Diese Werke übertreffen die berühmten Manuskripte des Klosters Cluny bei weitem an Schönheit und Alter. Sie gehen bis auf Zeit zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert zurück. Die Umschläge dieser Werke sind mit Gold, Silber und Perlmutt verziert, für die Gepflogenheiten des islamischen Kulturkreis sind sie außerordentlich bilderreich. In diesen Werken finden sich Hinweise zur Homöopathie, sowie zu anderem medizinischem und botanisch-pharmazeutischen Themen. Diese Bände stellen schon deshalb eine Einzigartigkeit dar, weil Phillip II. 1567 die Vernichtung jedes Stückchen Papiers anordnete, die ein arabisches Schriftzeichen trug, da er diese Sprache aus dem kulturellen Gedächtnis der Bevölkerung tilgen wollte.

IZ-Online: Gibt es weitere Aktivitäten von Garnata 2000? CD: Wir bitten das Königshaus uns diese 4000 Bände zurückzugeben. Sobald diese Bücher nach Granada zurückgekehrt sind, werden viele Historiker aus ganz Europa nach Granadaa kommen, um diese Werke zu studieren. Dies wäre auch wirtschaftlich für die Stadt von großem Interesse.

Viele dieser arabischen Bände wurden in Phillips Zeit von Alonso del Castillo ins Lateinische übertragen; diese Übertragungen können natürlich im Escorial verbleiben. Die erfolgte Rückgabe der Libros Plumbeos, einer vatikanischen Sammlung historischer Manuskripte aus der andalusischen Zeit Granadas, ist ein früheres Beispiel einer geglückten Rückführung historischer Dokumente, die Jahrhunderte lang im Vatikan lagerten, bevor sie an ihren Ursprungsort zurück gegeben wurden. Wenn der Vatikan selbst ein Einsehen zeigte, warum sollte der Jeronimos-Orden, dem die betreffenden 4000 Bände, um die es uns geht, von Phillip II. übergeben worden war, uneinsichtig sein?

Die arabischen Originale sind darüber hinaus aber auch von immensem symbolischen Wert; wir sind davon überzeugt, dass sie einen immensen Beitrag für unser Erbe und unsere Kultur darstellen – nicht nur für die Stadt Granada, sondern für ganz Europa. Der Islam aus der Zeit von Al-Andalus kann das Vorbild sein, das unsere Gesellschaft für das 21. Jahrhundert sucht. Damit könnten wir dem Fundamentalismus und dem Integrismus aller Art begegnen – und ich beziehe mich hier ausdrücklich nicht nur auf den Fundamentalismus islamischer Herkunft! Wir wollen in diesem Land einen Islam, wie wir ihn hatten, voller Kultur und Weisheit. Mit einer Wissenschaft, die eine Ethik hatte und mit einer sozialen Gesetzgebung, die dem heutigen Europa vieles beizubringen wüsste. Niemand kann von außen kommen und uns sagen, was Islam ist. Wir blicken auf eine Tradition von 1000 Jahre Geschichte zurück – lernen wir sie endlich kennen! Wir wollen uns nicht über den Verlust der Vergangenheit beklagen, sondern das Verbliebene feiern. Am Tag der Rückgabe dieser Bücher werden wir ein Fest veranstalten, um jene sozusagen “von der Geschichte ausgewählten” Werke, diejenigen Bücher, die die Inquisition selbst gerettet hat, willkommen zu heißen. Wir werden den Behörden vorschlagen sie zu übersetzen und zu veröffentlichen, damit wir Andalusier – indem wir einen Zugang zu unserer Vergangenheit bekommen, auch wissen, wie unsere Zukunft aussehen kann. Übrigens belegt eine katalanische Geschichtslehrerin, die auch Mitglied in unserem Verein ist, dass auch Katalonien zu Al-Andalus gehört hat.

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