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Spielen. Shoppen. ­Internet. Was uns und unsere Kinder süchtig macht – Interview mit dem Suchtexperten ­Kurosch Yazdi über die Süchte der Zukunft und was wir dagegen tun können

Die neuen Süchte der Zukunft

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(iz). Der Mensch ist, so eine bekannte Weisheit, ein Gewohnheitstier. Was aber geschieht mit uns, wenn normales, unschuldiges Verhalten auf einmal schädlich für uns wird? Beim Konsum von Tabak, Zucker oder Essen sind die Folgen und das begleitende Suchtverhalten aber bekannt, über das auch von gesellschaftlicher Seite aus aufgeklärt wird. Bei Verhaltensweisen, die durch neue Technologien, Trends und kommerzielle Absichten beeinflusst sind, mangelt es bisher an ausreichen­der Aufklärung.

„Ein Teil der Industrie und Wirtschaft profitiert von Verhaltenssüchtigen, die sinnlos kaufen, ihr Geld verwetten oder ständig online sind“, ist das ­Fazit des österreichischen Suchtexperten Kurosch Yazdi. In seinem bei edition a erschienen Buch „Junkies wie wir“ schreibt er über „Spielen. Shoppen. Internet. Was uns und unsere Kinder süchtig macht“. Wir befragten ihn danach, wie Süchte entstehen und wie wir ihnen vorbeugen können.

Islamische Zeitung: Lieber Kurosch Yazdi, Sie sprechen in Ihrem Buch „Junkies wie wir“ vom Problem der Verhaltenssüchte und erkennen gar eine „Unterwanderung der Gesellschaft“…

Kurosch Yazdi: Über die Gefahren von Heroin, Nikotin und Alkohol ­wissen die meisten Menschen und dieses ­Wissen wird auch an Schulen und in der Erziehung (meist) vermittelt. Aber das ­Thema der Verhaltenssüchte wie Glücksspiel oder Online-Süchten gehört noch nicht zum Allgemeinwissen der Gesellschaft. Gerade in der Erziehung geht das ­Thema meist unter, weil die Elterngeneration selbst nicht damit aufgewachsen ist.

Unsere Kinder haben speziell im Bereich des Internets oft einen Wissensvorsprung. Zusätzlich kommt dazu, dass es gesetzlich wenig Regulation gibt, während die meisten Drogen verboten sind, bei Alkohol eine Altersgrenze ­vorgesehen ist und es Rauchfrei Zonen gibt.

Ein Teil der Industrie und Wirtschaft profitiert außerdem von Verhaltenssüch­tigen, die sinnlos kaufen, ihr Geld verwet­ten oder ständig online sind. Gefördert von der Profitgier und raffinierten Onli­ne-Marketingstrategien steigt die Zahl dieser Verhaltenssüchtigen an. Wenn die Zahl der Heroinsüchtigen so rasant wachsen würde, wäre das ein Skandal. Aber bei den Verhaltenssüchten scheint das die Gesellschaft nicht besonders ­aufzuregen.

Islamische Zeitung: Es geht auch um biochemische Prozesse im Gehirn der Betroffenen. Wie sehen diese aus und welche Wirkung haben sie?

Kurosch Yazdi: Prinzipiell hat jeder Mensch ein so genanntes Belohnungszentrum im Gehirn, übrigens auch jedes Säugetier. Diese Hirnstruktur soll uns motivieren, Mühen auf uns zu nehmen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Aber bei Suchterkrankungen zielt das Verhalten der Betroffenen darauf ab, dieses Belohnungszentrum ständig zu erregen beziehungsweise überzuerregen (im Sinne ­einer übermäßigen Dopaminausschüttung).

Darin unterscheiden sich Verhaltenssüchte von anderen Süchten kaum. Die Betroffenen benötigen letztlich immer höhere Dosen von einer Substanz oder von einem Verhalten, um kurzfristig zufrieden gestellt zu sein. Dadurch ­richten sich bei schweren Suchterkrankungen das ganze Leben nur noch danach, der Sucht nachzukommen.

Islamische Zeitung: Salopp gefragt, hieße das, dass ein Verhaltensabhängiger – beispielsweise beim Internet – bei einer Enthaltung unter Entzugser­scheinungen leidet, wie es bei suchtbil­denden Substanzen der Fall ist? Wenn ja, kann beziehungsweise muss er im Extremfall medikamentös behandelt werden?

Kurosch Yazdi: Entzugserscheinungen hat ein Verhaltenssüchtiger auch. ­Allerdings unterscheiden wir zwischen körperlich und psychischen Ent­zugs­erschei­nungen: Beim schweren Alkoholiker kann es im Entzug sogar zu epilep­tischen Anfällen und selten sogar zu Tod kommen.

Bei Verhaltenssüchtigen kommen folgende psychische Entzugserscheinungen vor: Nervosität, Gereiztheit, Schlaflosigkeit, ständiges Denken über die Sucht und dadurch Konzentrationsstörung; diese psychischen Symptome können sich dann aber auch körperlich zeigen durch beispielsweise Schwitzen und erhöhten Blutdruck; eine medikamentöse Behand­lung von rein psychischen Entzugserscheinungen ist meist nicht notwendig.

Islamische Zeitung: Sie sprechen von einer Triade – Spielen, Shoppen, Inter­net. Gibt es noch andere Gebiete, die suchtbildend sind?

Kurosch Yazdi: Jede Substanz und ­jedes Verhalten, welches das Belohnungszentrum stimuliert, also in gewisser Weise kurzfristig ein Glücksgefühl auslöst, kann süchtig machen – zum Beispiel Sex, Sport, Schokolade, Kaffee, ­Geschwindigkeit usw.

Islamische Zeitung: Vermeintlich „soziale Netzwerke“ sowie die entsprechenden Handheld-Geräte sind mittlerweile nicht nur Alltag. Für viele Menschen – aus unterschiedlichen Gründen – sind sie zum unverzichtbaren Bestandteil ihres Lebens gewor­den. Wie können Normalnutzer erken­nen, ob ihre Aktivitäten die Grenze zur Sucht überschritten haben, und lässt sich dieser vorbeugen?

Kurosch Yazdi: Vorbeugen ja, indem ich darauf achte, dass diese Online-Plattformen nicht die einzige Quelle meiner Befriedigung und Lustgewinn werden; das heißt, ich sollte verschiedene Hobbys haben, mit Menschen nicht nur online kommunizieren usw.

Die Grenzen der Sucht sind klar definiert. Folgende Symptome müssen zutreffen, damit man von einer Suchterkrankung sprechen kann: Kontrollverlust (man konsumiert mehr, als man will, weil man nicht aufhören kann), Gewöhnung (man braucht immer mehr, um befriedigt zu sein), Entzugserscheinungen bei Abstinenz, Weitermachen trotz offensichtlichen Nachteilen (für ­einen selbst oder die Umgebung) und subjektiv empfundener innerer Zwang weiterzumachen.

Islamische Zeitung: Sie machen Kinder als die ersten Opfer einer ­Industrie aus, die die Erkenntnisse über „klassische“ Süchte für ihren Absatz gezielt nutzen würde. Wieso sind Kinder besonders anfällig für diese. sich ausbreitende Abhängigkeit, über die Sie schreiben?

Kurosch Yazdi: Kinder haben bereits ein ausgeprägtes Belohnungszentrum. Aber die Gehirnteile, die für ­vernünftige Selbstkontrolle zuständig sind (präfrontaler Cortex) sind bei Kindern noch nicht ausgereift. Dadurch rutschen Kinder rascher in einen Kontrollverlust. ­Außerdem sind Kinder durch Werbung manipulierbarer, weil ihre Persönlichkeit (im Sinne der Idendität) noch nicht ausgereift und stabil ist.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Yazdi, in Folge stellen Sie einen Bezug zwischen menschlichen Beziehungen und Verhaltenssüchten her. Und Sie sprechen von der Wichtigkeit, Kindern „Beziehungsangebote“ zu machen. Das erinnert ein wenig an Gordon Neufelds und Gabor Mates (der auch in der Suchtforschung aktiv war) Buch „Unsere Kinder brauchen uns!“, die ebenfalls die Wichtigkeit der Beziehung zu den Kindern als Ausgleich zur dominanten Peer-Culture betonen. Sind die Verhaltenssüchte die Ursache von Beziehungsunfähigkeit oder ihr Ausdruck?

Kurosch Yazdi: Beides, alle Menschen sind Beziehungswesen. Wir suchen ständig nach neue Beziehungen und/oder Stärkung der bereits bestehenden Beziehungen (wenn wir gesund sind). Denn Beziehungen stimulieren auch das Beloh­nungszentrum im Gehirn, sofern die Beziehungen als positiv erlebt werden. Das ist ein normaler Vorgang und motiviert uns, uns weiterhin um Beziehungen zu bemühen.

Wenn wir einsam sind (und man kann einsam sein, auch wenn man Menschen um sich hat), dann neigen wir besonders zu süchtigem Verhalten. Das zeigt, dass wir dann süchtig machendes Verhalten oder Substanzen mit Beziehungen verwechseln. Leider ist es aber nun mal eine Verwechslung. Denn wenn jemand auf Facebook 752 „Freunde“ hat, dann bleibt er einsam, sofern keine wohlwollenden Menschen in der realen Welt mit ihn in Beziehung stehen. Gleichzeitig verlernen wir Beziehungsfähigkeit, wenn wir nicht in (realen) Beziehungen stehen. So wie der Mensch jede Fertigkeit verliert, wenn er es lange nicht ausübt.

Islamische Zeitung: Sind solche ­Verhaltenssüchte wirklich verwunderlich, wo wir doch in unserem sozialen und wirtschaftlichen Alltag regelmäßig irrationales Verhalten – wie das unbegrenzte Drucken von Geld oder die Vorstellung eines niemals enden wollenden Wachstum – nicht nur als rational betrachten, sondern auch noch durch Respekt und Anerkennung honorieren?

Kurosch Yazdi: Ich bin kein Wirtschaftsexperte und will mich deshalb dazu nicht äußern. Verhaltenssüchte sind ­deshalb nicht verwunderlich, weil wir Menschen nun mal zu süchtigem Verhalten neigen (allein schon wegen unserer ­Biologie und auch wegen unseren Sehnsüchten) und stets auf der Hut sein sollten.

Islamische Zeitung: Sie setzen unter anderem auf die Schule als Ort, an dem Kinder beziehungsfähig und damit widerstandsfähiger gemacht werden sollen. Bevor sich hier ein Umdenken durchsetzt: Haben Sie praktische Empfehlungen und Tipps, wie sich solche Süchte vorab vermeiden lassen?

Kurosch Yazdi: Ja, habe ich. Ich schlage ein Drei-Säulen-Modell vor.
1. Jeder erwachsene Mensch ist für sich und seine (minderjährigen) Kinder verantwortlich und soll sein Leben möglichst Gesund gestalten. Ich möchte aber betonen, dass Genussfähigkeit sehr wohl zum Gesundsein dazugehört. Sucht ist aber ein übertriebenes Verhalten, ­welches keinen Genuss mehr beinhaltet.
2. In der Pädagogik braucht es ein Umdenken: Unsere Kinder müssen nicht perfekt Altgriechisch und Latein können. Sie sollen lieber Beziehungsfähig sein.
3. Die Gesellschaft beziehungsweise die Politik muss bei Suchtgefahr regulierend eingreifen, so wie auch Substanzen wie Heroin und sogar Nikotin stark reguliert werden.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Dr. Yazdi, vielen Dank für das Interview.

Kurosch Yazdi, Junkies wie wir, edition a, März 2013, gebunden, 240 Seiten, Preis: EUR 19,95, ISBN 978-3-99001-052-5

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