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Sprache kann das Sein erschüttern

Worte sind Heimat: Ahmet Aydin stellt das neue Buch von Kübra Gümüşay vor

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Foto: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, via flickr | Lizenz: CC BY-SA 2.0

(iz). Alle MuslimInnen begeistern sich für die Sprache. Alle Frauen, die in Deutschland mit einem Kopftuch die Wohnung ­verlassen, lieben Sprache. Sie lieben es die deutsche Sprache zu vergleichen mit dem Türkischen, Arabischen und Persischen – woher ich das weiß? Kübra Gümüşay interessiert sich für Sprache. „Das lässt sich aber nicht verallgemeinern.“ Ganz genau, lässt es sich nicht. Über Rot zu gehen auch nicht.

Wofür interessiert sich Gümüşay? Sie interessiert sich dafür wie bestimmte Gefühle nur in einer Sprache zum ­Ausdruck gebracht werden können – dafür wie sie im Deutschen umschreiben muss, was aciziyet bedeutet und kein gleichbedeutendes Wort findet. – Gleichbedeutendes Wort… das heißt Äquivalent würde nun jemand ein­wenden, der es anscheinend liebt zu ­hofmeistern. Ich möchte aber gleichbedeutendes Wort sagen. Es gibt für viele Begriffe des Türkischen kein gleichbedeutendes Wort im Deutschen. Ich sage yardımsever und Pons und Langenscheidt sagen „hilfsbereit“. Bereit zu helfen. Passiv. Yardımsever bedeutet aber mehr. Es bedeutet „helfenliebend“. Proaktiv, jemand, der es liebt zu helfen. Dieses Wort fällt mir persönlich ein, wenn Gümüşay von aciziyet spricht. Sind wir nicht alle aciz unseren Gefühlen mit Worten Ausdruck zu verleihen, auf eine Art und Weise, die es ermöglicht, das Empfundene beim Lesen oder Hören der Worte, wirklich nachzuempfinden?

Das erste, was mir beim Lesen des in Erstaunen versetzenden ersten Kapitels in den Sinn kam, war das Wort: Deryadil. Es ist osmanisches Türkisch. Auch heute in der Türkei nicht benutzt. Doch das Wort existiert. Es ist eine Zusammensetzung aus zwei persischen Begriffen: Derya = Meer und Dil = Herz. Meeresherz, meeresherzlich. Was bedeutet dieses Wort? Es bedeutet, dass jemand ein Herz so groß wie ein Meer besitzt. Jemand, der einen Menschen mit einem Meeresherz respektlos behandelt, wirft metaphorisch Abfälle in das Meer. Doch das Meer ist so groß und weit, dass es reinigend wirkt für diese Abfälle, das heißt für die Respektlosigkeiten. Es ist das Wort einer Nation, die von Rumi erzogen wurde: „Achtsamkeit“ (wörtl. Edep – noch so ein Wort, das nicht wirklich zu übersetzen ist…), „Achtsamkeit“, so Rumi, „bedeutet die Achtlosigkeiten, die von anderen ausgehen, geduldig zu ertragen.“ Dies sagt er in seinem Jahrtausendwerk: dem „Mesnevi“.

Doch wir weichen vom Buch Gümüşays ab – oder doch nicht? Handelt das Buch nicht gerade davon: Es fehlen türkischstämmigen Jugendlichen die Worte dafür, ihre Gefühle im Deutschen wiederzugeben. Gleichzeitig ist das aber nicht sonderlich schlimm, denn: Ihnen will ohnehin keiner zuhören… wer möchte von einer kopftuchtragenden Frau gesagt bekommen, was aciziyet bedeutet? Wer möchte die Gefühle einer Frau kennenlernen, die nach London muss, um zum ersten Mal zu erfahren, was es bedeutet als Individuum wertgeschätzt zu werden? In London war die Frage: „Warum trägst du eigentlich ein Kopftuch?“ zum ersten Mal nicht Teil des Smalltalks. Dieses befreiende Erlebnis bringt uns Gümüşay mit nach Deutschland. An diese Erkenntnis führt sie uns in Deutschland lebende und von unseren Erfahrungen eingeengte Menschen heran, indem sie uns Fragen stellt:

Was würde ich tun, denken, schreiben, worüber würde ich sprechen, wozu würde ich arbeiten, wenn es auf dieser Welt keinen Hass, keinen Extremismus, keinen Krieg, keine Diskriminierung gäbe? Was ist es, was mich bewegt? – Mit mir selbst konfrontiert, ich ein Deutsch-Türke, türkischer Deutscher, Türke, Deutscher mit Migrationshintergrund und wie mich alle Welt bezeichnet, eben diese Frage: Was bewegt mich? – Mich bewegt die osmanische Sprache. Aber das darf sie nicht. Denn Türkisch ist auf den Schulhöfen verboten. Ja, ich wusste es: Auf Deutschlands Schulhöfen sind Meeresherzen verboten. Schade. Türkisch wird nicht gelernt, Türkisch wird verlernt. Die Erfahrung machte nicht nur Gümüşay… – Die Lehrer meiner Schule gingen noch weiter: Wer Türkisch spricht, musste eine Strafe zahlen. Das ist praktiziertes Grundgesetz in Niedersachsen.

Gümüşay spricht in ihrem Buch über die Ursachen dafür, warum sie lange Zeit nicht wusste, was sie bewegt: „Jede Frage, die mir gestellt wurde, verstand ich als einen Auftrag. Iran, Irak, Afghanistan – ich ließ mir von wildfremden Menschen vorschreiben, worüber ich informiert zu sein, was ich zu wissen hatte, nur aufgrund eines Stückes Stoff auf meinem Kopf, nur aufgrund meines Glaubens.“ „Verzerrte Fremdbilder werden zu Selbstbildern und definieren den Horizont. Die Grenzen ihres Seins.“

Mangelndes Bewusstsein darüber, wer man selbst ist, das ist der Missstand, den Gümüşay benennt. Und wer meint, sie würde keine Lösung bieten, der liest nicht aufmerksam: Gümüşay bietet uns ihre Lösung an. Was ist ihre Lösung: Sie schreibt ein Buch, um sich als Individuum bemerkbar zu machen. Dadurch brüllt sie mit leiser Stimme: Ich bin nicht die Repräsentantin der 1,9 Milliarden Muslime auf Erden. Wenn ich über Rot gehe, dann tue ich das, weil ich ganz persönliche Gründe habe, es eilig hatte, nachts um 11 weit und breit kein Auto zu sehen war oder warum auch immer, aber: Ich tue es nicht, weil im Quran steht, dass es erlaubt sei. Ich tue es nicht, weil ich die demokratische Grundordnung Deutschlands angreifen möchte und wenn ich es tun sollte, tue ich es als Individuum, unabhängig von anderen Menschen. Unabhängig von anderen Muslimen.

Was ist ihre Message? Lebe das wundervolle Leben, das in dir ist! Schaue in den Spiegel und stelle dir die Frage: Was macht dich glücklich? Was bewegt dich morgens aufzustehen! Und dann gehe raus und stehe dafür ein. Sprich über Dinge, die dich begeistern, statt über die Dinge, die andere von dir erwarten – breche Erwartungen!  Das lese ich zwischen jeder Zeile des Buches „Sprache und Sein“ heraus.

„Sprache kann unsere Welt begrenzen – aber auch unendlich weit öffnen.“ So endet das Feuerwerk des ersten Kapitels! So sehr meine Welt beim Lesen des Buches eröffnet wurde: Drei Bezeichnungen, die immer wieder auftauchten, begrenzten mich: Weiße Menschen, Schwarze Menschen, People of Color.

Was sind weiße Menschen? Ich muss da immer an das Gedicht des durch und durch rassistischen, bisher jüngsten Literaturnobelpreisträgers Rudyard Kipling, den Verfasser „des Dschungelbuches“ denken: In „Die Bürde des Weißen Mannes“ lässt er seinen rassistischen Fantasien freien Lauf – wenn ich an Schwarze Menschen denke, fällt mir persönlich Malcom X als erster ein… für ihn stellte ich, der von Türken abstammt, ganz sicher keinen Schwarzen dar… und was sind People of Color? Ist Necip Fazil Kisakürek ein Schwarzer, weil er Türke oder weil er Muslim ist, hat er doch in Frankreich beim jüdischen Nobelpreisträger Henri Bergson studiert? Weiß, Schwarz … ist der hochgelobte Avicenna ein Weißer? Er ist doch Araber und Muslim? Darf man da Weiß sein? Fragen über Fragen stellen sich mir, wenn ich diese Begriffe höre… diese Kategorien: Ich empfinde sie als Entwürdigung des Menschen. Doch Gümüşay benutzt lediglich die Worte, die sie in der hiesigen Gesellschaft vorfindet – sie bildet die Realität ab. Es kann und sollte drüber gelesen werden. Schwarz, Weiß, People of Color – es gibt hellhäutige Menschen und dunkelhäutige. Akzidenzien würden Philosophen wie Ghazali sagen. Mehr nicht. Haut­farben bewegen mich nicht. Noch weniger das Nachdenken über Hautfarben. Ideen, die den Herzen und Köpfen entspringen, sie bewegen. Wunderschöne und humanistische Ideen in Worte zu fassen kann unser aller Sein erschüttern. Mein Herz war mehr als einmal gerührt und wurde erschüttert.

Danke liebe Kübra Abla, für dieses wundervolle Buch!

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein, Hanser Verlag, Berlin (2020), 208 Seiten, gebunden, ISBN 978-3446265950, Preis: EUR 18.-

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Ahmet Aydin

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