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Sprache zu verlieren, heißt, Realität zu verlieren

KO Masombuka über Sprachverhunzung als Herrschaftsinstrument

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Foto: Cage Skidmore

(iz). Eine der letzten Episoden des Weltgeschehens hat eine komplexe Welt in eine simple, manichäische Polarität verwandelt. Auf der einen Seite steht eine Partei, die sich als Wächter der Freiheit darstellt und auf der anderen die verfluchte Horde der Tyrannen. Beide Seite beanspruchen für sich das erstere Etikett und bezeichnen den Anderen als ­”Tyrannen“.

Durch das mediale Trommelfeuer werden die Massen gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden – sie müssen „Stellung beziehen“. Wer das nicht tut, kann beschuldigt werden, sich „auf die Seite des Feindes“ zu schlagen. Diese tribalistische Sprache ist selbst ohne jeden Kontakt zur Außenwelt. In diesem Text geht es darum, wie die Mächtigen die Sprache des Anderen verzerren, um an der Macht festzuhalten.

In seinen „Annalen“ schrieb Tacitus (römischer Historiker): „Die Ägypter waren die ersten, die Ideen mithilfe von Tieren darstellten. Diese frühen Denkmäler des menschlichen Einfallsreichtums sind noch heute in Stein gemeißelt. Sie beanspruchen, die ersten Erfinder des Schreibens zu sein. Von den Phöniziern, die das Meer kontrollierten, wird gesagt, dass sie die Schrift nach Griechenland brachten. Ihnen wurde die Entdeckung dessen zugeschrieben, was sie entliehen hatten.“

Abu Bakr ibn Wahschijja, irakischer Historiker des 9. Jahrhunderts, zeigte in seinem Buch „Kitab Schauq Al-Mustaham“, dass die arabische Schrift ihren Ausgang von Ägyptens Hieroglyphen nahm. Tacitus’ und Ibn Wahschijjas Ideen wurden von der akademischen Welt angenommen; das heißt, dass Ägypter das Schreiben erfanden. Die ägyptische Schrift wurde von den Phöniziern ­angepasst. Und deren Schrift wurde im Osten von Arabern und Juden adaptiert und im Westen von Griechen und Römern. Warum blieb die ägyptische Schrift unverändert, während sich die Phönizier weiterentwickelten? Zwei mögliche Gründe werden dafür angeführt.

Während die ägyptischen Hieroglyphen hunderte verschlungener Zeichen hatten, waren die Phönizier Händler. Und es war sicherlich wegen praktischer Überlegungen, die zur Vereinfachung der früheren ungeschickten Formen beitrugen. Korrespondenz für Handel und Gewerbe erforderte im Allgemeinen eine schnelle Ausführung. Da einfachere ­Zeichen schneller zu schreiben sind, kann die Schreibleistung erhöht werden.

Der zweite Grund bestand wahrscheinlich darin, dass sich die Priesterschaft gegen jede Erneuerung von Wirtschaft oder Kultur wandte. Wäre die Schrift allen zugänglich gewesen, dann wäre das priesterliche ­Monopol über Religion und Kultur des ­Landes in Gefahr geraten. Das Priestertum versuchte jahrhundertelang, die Reform der Hieroglyphen zu verhindern. Dies führte ­unweigerlich zu einer kulturellen Verknöcherung, da keine neuen Ideen zur Aktu­alisierung der ägyptischen Kultur aufgenommen werden konnten. Deshalb erlebte das pharaonische Ägypten einen Niedergang und wurde von anderen annektiert.

Das ist nicht das einzige Mal, dass ein solches Phänomen in der Geschichte auftrat. Damit der päpstliche Klerus an der Macht blieb, erlaubte er nur die vulgär-lateinische Bibelübersetzung als offizielle Version. Das ­bedeutete für die Massen, die kein Latein verstanden, eine Unmöglichkeit des Verstehens der göttlichen Texte. Aus diesem Grund verfiel die Kirche – sie betrieb den Ab­lasshandel der Sünden gegen finanziellen ­Gewinn. Sie entwickelte auch komplexe Theorien, die nur eine Handvoll der Priesterkaste begriff: die Lehre der Dreifaltigkeit, Transsubstantiation (die Wandlung von Brot und Wein in den Körper und das Blut Christi), päpstliche Unfehlbarkeit, Fegefeuer etc.

1522 übersetzte Martin Luther den Bibeltext ins Deutsche, William Tyndale und Miles Coverdale übersetzten ihn 1535 ins Englische. 1530 übersetzt Jacques d’Etaples ihn ins Französische. Diese Übertragungen waren ein Versuch der Reformer, den Massen die Bibel in ihrer eigenen Zunge zur Verfügung zu stellen, die sie als Mittel zum Widerstand der priesterlichen Abweichung von der ­Wahrheit verstehen konnten.

Im Bewusstsein, dass die Reformation ihr ­religiöses Monopol aufheben würde, startete die Kirche die Gegenreformation. Es warf Europa in einen Tsunami aus Blut, der heute als Europas Religionskriege bezeichnet wird. Harold Laski fasst die gesamte Reformation so zusammen: „Im Namen einer Theorie der religiösen Wahrheit wurden bestehende kirchliche Institutionen gestürzt.“

Dieser Sturz schloss das Kapitel des mittelalterlichen Zeitalters. 1789 eröffnete die Französische Revolution den Abschnitt der Moderne und ihrer Unruhen. In seinem Buch „Über die Französische Revolution“ schrieb Edmund Burke (bekannter britischer Konservativer): „Die Zeit der Ritterlichkeit ist vorbei. Ein Zeitalter der Sophisten, ­Ökonomen und Rechner hat gesiegt.“

Es war nach dem europäischen Bürgerkrieg (1914-1945), als die neue Machtelite die Macht übernahm. 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods schrieb sie die Blaupause des neuen Zeitalters. 1961 warnte der ­amerikanische Präsident Dwight Eisenhower die Welt vor einer Macht, die eine Regierung untergraben könnte. Im neunzehnten ­Jahrhundert hatte Proudhon diese neue Macht „La Secte (die Sekte)“ genannt. Im 20. Jahrhundert mutierten sie zu dem, was Eisenhower den „militärisch-industriellen Komplex“ nannte.

La Secte, um bei Proudhons Definition zu bleiben, hatte ihre eigene Priesterschaft, die Ökonomen, um durch Sprache ihren Machtgebrauch zu maskieren. Jetzt werden in der Ökonomie Konzepte und Produkte benutzt und gehandelt, die nur eine ausgewählte Gruppe verstehen kann. Dies bedeutet, dass man ungehindert arbeiten kann, während Regierungen sie nicht verstehen: hochverzinsliche Schulden, Verbriefung, ­Arbitrage-Handel, Derivate, Kreditausfalltausch, Zinsswap, das Black-Scholes-Modell, ­Deregulierungslehren oder Effizienzmarkthypothese.

Nach dem finanziellen Zusammenbruch von 2008 fragte Königin Elizabeth II. eine Gruppe Akademiker der London School of Economics: „Warum nahm niemand diese furchtbare Finanzkrise früher zur Kenntnis?“ Eine Gruppe führender Ökonomen kam ­zusammen, um die Frage zu beantworten. Sie verfassten ein Antwortschreiben an die Königin, in dem sie von „einem Scheitern des Vorstellungsvermögens vieler heller Köpfe“ sprachen. Mit anderen Worten, sie wussten nicht, warum die Finanzwelt zusammenbrach. Das war gelogen. Sie wollten einfach nicht, dass bekannt wurde, dass das ökonomische Fundament der westlichen ­Zivilisation Betrug ist.

Wir haben gesehen, wie Ägyptens Priesterkaste, die katholische Geistlichkeit und ­Finanzmanager Sprache (miss)brauchen, um Macht zu behalten. Heute können wir sehen, wie die gleiche Strategie von der politischen Klasse übernommen wurde. Um diese neue Macht zu verstehen, müssen wir nach ­Russland schauen. Wladislaw Surkow ist ein hochrangiger PR-Stratege für Präsident ­Wladimir Putin.

Adam Curtis sagte über ihn in seinem ­Dokumentarfilm „Hypernormalisation“: „Surkov ist einer von Putins Beratern und hat ihm geholfen, seine Macht fünfzehn Jahre lang aufrechtzuerhalten. Und er hat es auf eine neue Art getan. Er stammte ursprünglich aus der avantgardistischen Kunstwelt. Diejenigen, die seine Karriere studiert haben, sagen, Surkow habe Ideen der Konzeptkunst in das Herz der Politik transplantiert. Sein Ziel ist, die Wahrnehmung der Menschen von der Welt zu untergraben, damit sie nie wissen können, was wirklich passiert.

Surkow verwandelte die russische Politik in ein verwirrendes, sich ständig wandelndes Theaterstück. Er sponserte alle Arten von Gruppen – von neonazistischen Skinheads bis zu Menschenrechtsgruppen. Er unterstützte sogar Parteien, die gegen Präsident Putin waren. Der Schlüssel dabei war, dass Surkow bekannt machte, dass er es tat. Was bedeutete, dass niemand weiß, was echt oder falsch ist. Ein Journalist drückte es so aus: ‘Es ist eine Strategie der Macht, die jede Opposition ständig verwirrt. Eine unaufhörliche und nicht aufzuhaltende Formänderung, die nicht definierbar ist.“

Dem kann nicht widerstanden werden, weil es undefiniert und unverstanden bleibt. Das war das Mittel, mit dem Finanzeliten, katholischer Klerus und pharaonische Priester ihre Macht aufrechterhielten. Surkow nennt das nichtlineare Kriegsführung. Diese Strategie hat nicht nur in, sondern auch außerhalb Russlands funktioniert. Ein klarer Fall zeigt, wie sich der Kreml während seiner Annexion der Krim im Jahr 2014 verhalten hat – Manipulation transnationaler finanzieller Verbindungen, Media-Spin und Neukon­figuration geopolitischer Allianzen. Es war eine verwirrende Verwischung von Fakten und Fiktionen, die die internationalen ­Regierungen handlungsunfähig werden ließ.

Dies hat sich auf die amerikanische Politik ausgewirkt. Donald Trump hat es geschafft, Journalismus durch widersprüchliche Aussagen zu besiegen:

1. „Schauen Sie, ich bin sehr für Wahlfreiheit (bei Abtreibung).“ (NBC News, 24.10.1999) – „Ich bin sehr, sehr stolz zu sagen, dass ich für das Leben (Ungeborener) bin.“ (Cleveland/Ohio, 6.8.2015)

2. „Ich denke, die Institution der Ehe sollte zwischen einem Mann und einer Frau sein.“ (The Advocate, 15.02.2000) – „Wenn zwei Leute aufeinander abfahren, fahren sie ­aufeinander ab.“ (Trump University, 22.12.2005)

3. „Ich denke, die NATO ist eine gute ­Sache.“ (Washington Post, 21.03.2016) – „Ich denke, die NATO ist überholt.“ (ABC News, 27.03.2016)

4. „Angela Merkel macht einen fantastischen Job.“ (Twitter, 3.10.2013) – „Sie ruiniert Deutschland.“ (Twitter, 9.12.2015)

5. „Ich bin Umweltschützer.“ (CNN, 28.04.2010) – „Die globale Klimaerwärmung ist ein vollkommener und sehr teurer Betrug.“ (Twitter, 6.12.2013)

Dies sind nur einige der vielen widersprüchlichen Aussagen Trumps. Die Idee ist, Sprache zu missbrauchen, um Unschärfe zwischen Fiktion und Realität zu erzeugen. Nach dem Raketenangriff auf den mächtigsten iranischen General kommunizierten US-Beamte keine klare Haltung. David Miller, hochrangiger Mitarbeiter der Carnegie-­Stiftung für Internationalen Frieden, einer globalen Denkfabrik, sagte dazu: „Erklärungen wurden auf so vielen Ebenen von widersprüchlichen Aussagen verpfuscht. (…) Von Anfang an hat die öffentliche Nachrichtenübermittlung alle möglichen Fragen aufgeworfen, ob es ausreichend Anlass dazu gab, einen Angriff zu starten, um den wohl zweitmächtigsten Mann des Iran zu töten.“

Ian Dallas schrieb hierzu: „Sprache zu ­verlieren, heißt, Realität zu verlieren. Klare Sprache ist Gesundheit an sich.“ Das ist nicht nur ein politisches Argument, sondern hat ebenso psychologische und spirituelle ­Konsequenzen. Die Lösung findet sich in der erleuchteten Stadt.

‘Umar ibn Al-Khattab erhielt den Beinamen Al-Faruq. Dies bedeutet, dass er zwischen richtig und falsch unterscheiden konnte. ­Al-Bhuti überliefert, dass ‘Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte: „O Allah, zeig wir die Wahrheit als Wahrheit  an und leite mich so, dass ich ihr folgen kann. Zeige mir die Lüge als falsch an und leite mich, sie zu meiden.“ Dieses Bittgebet ist Medizin für die heutige Krise. Möge Allah uns beschützen.

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KO Masombuka

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