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Standardwerke des Islam. Von Yasin Alder

Die „Risala“ von Al-Quschairi

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(iz). Die Risala von Imam Al-Quschairi, mit vollständigen Titel „Ar-Risala Al-Quschairia fi ‘Ilm At-Tasawwuf”, was ungefähr zu übersetzen ist mit „Botschaft über das Wissen von Tasawwuf”, ist eines der klassischen Kompendien über die Wissenschaft von Ihsan.

Der Autor

Abu’l-Qasim Abdulkarim ibn Hawazin Al-Quschairi wurde im Jahre 376 (986) in der Nähe von Nischapur in Khorasan, im Nordosten des heutigen Iran, geboren – jener Region, aus der zahlreiche große Gelehrte und Weise kamen, unter ihnen Imam Al-Ghazali. Al-Quschairi stammte vom arabischen Stamm der Quschair ab und, über seine Mutter, von dem der Sulaim. Er erhielt als Kind eine tiefgründige Ausbildung in arabischer Sprache und war nicht nur für seine schöne Poesie und Prosa bekannt, sondern auch dafür, ein guter Reiter und Schwertkämpfer zu sein. Nachdem sein Vater gestorben war, ging er noch als Jugendlicher nach Nischapur und studierte dort zunächst Mathematik. Es war die Zeit der Regierung Mahmud von Ghaznas und der nach ihm benannten Ghaznaviden. Nischapur war damals eines der intellektuellen und geistigen Zentren der islamischen Welt, insbesondere des Ostens, eine Hochburg des sunnitischen Islams und namentlich des Schafi’i-Fiqh und des asch’aritischen Kalam. Al-Quschairi nahm in seiner Jugend an Unterrichten und Sitzungen des bekannten Sufi-Schaikhs Abu ‘Ali Al-Hasan Al-Daqqaq teil, der ebenfalls den Kalam nach Al-Asch’ari vertrat. Al-Quschairi schloss sich ihm als Schüler an. Auf Anweisung seines Schaikhs studierte Al-Quschairi Fiqh und asch’aritischen Kalam bei den großen Gelehrten Nischapurs. Ad-Daqqaq selbst lehrte Al-Quschairi in den inneren Wisenschaften, dem Tasawwuf. Nachdem seine Ausbildung eine gewissen Stand erreicht hatte, heiratete Al-Quschairi Fatima, die Tochter seines Lehrers, die selbst einen Namen als Gelehrte, Sufi und Hadith-Überlieferin hatte. Nach dem Tod seines Lehrers gab es eine Begegnung zwischen Al-Quschairi und dem großen Schaikh Abu Abdurrahman As-Sulami, der der Lehrer des Lehrers von Ad-Daqqaq gewesen war und zu diesem Zeitpunkt ungefähr 85 Jahre alt war. As-Sulami war ein berühmter Autor vieler Werke, wie den „Tabaqat As-Sufija”, dem ersten umfassenden biografisch-historischen Werk zum Tasawwuf. Al-Quschairi zitiert As-Sulami in seiner Risala auch sehr häufig.

Als Al-Quschairi das fünfzigste Lebensjahr vollendet und bereits seinen bekannten Qur’an-Kommentar, „At-Tafsir Al-Kabir Lataif Al-Ischarat bi Tafsir Al-Qur’an” verfasst hatte, geriet er infolge der Eroberung Nischapurs durch die Seldschuken zusammen mit anderen Gelehrten der Stadt, darunter auch Al-Dschuwaini, der spätere Lehrer Al-Ghazalis, zeitweise in politisch begründete Schwierigkeiten und ging schließlich nach Bagdad.

Dort bekam er seine eigene Schule, wo er viele Schüler unterrichtete, und vermutlich wurde dort auch die Risala vollendet. Nach sieben Jahren in Bagdad machte sich Al-Quschairi nach Mekka zur Hadsch auf. Anschließend kehrte er nach Nischapur zurück, nachdem sich das politische Klima dort zwischenzeitlich geändert hatte, und lebte dort noch acht Jahre. Er verfasste ungefähr zwanzig Werke. Einer seiner Schüler, Abu ‘Ali Al-Farmadi, wurde später zu einem der bedeutendsten Lehrer von Al-Ghazali. Al-Quschairi starb im Jahre 465 (1074) in Nischapur und wurde beim Grab seines Schaikhs und Schwiegervaters Abu ‘Ali Ad-Daqqaq, das sich in dessen Madrassa befand, beigesetzt.

Die Risala

Die Risala steht in der Tradition anderer klassischer Handbücher des Tasawwuf, wie dem „Kitab Al-Luma li At-Tasawwuf” von Abu Nasr At-Tusi As-Sarradsch, dem „Qut Al-Qulub” von Abu Talib Al-Makki oder dem später verfassten „‘Awarif Al-Ma’arif” von Abu Hafs ‘Umar As-Suhrawardi. As-Sarradsch war wie dessen Lehrer Ibn Khafif Lehrer von As-Sulami. Die Risala ist das wohl am weitesten verbreitete dieser Handbücher in der islamischen Welt. Sie ist gewissermaßen eine Zusammenstellung von Aussagen, Geschichten und Definitionen, die in einer formal strukturierten Weise nach Themen geordnet sind.

Die Risala erschien zu einer Zeit, in der Bücher als Medium für die Aufzeichnung von Wissen an Bedeutung gewonnen hatten. Es entstanden erste Bücher über die Wissenschaft des Tasawwuf, die versuchten, dieses Wissen in einer ansatzweise strukturierten Form zugänglich zu machen, wie die bereits oben erwähnten Werke oder auch jene von Al-Hudschwiri und Al-Kalabadhi. Darin wurde der Tasawwuf mit Belegen aus Qur’an und Hadith gestützt und das äußere und das innere Wissen und Handeln, also die Schari’a und die Haqiqa, als untrennbar miteinander verbunden gezeigt, und dass das eine ohne das andere unvollständig und nicht korrekt ist. Die Handbücher, so auch die Risala, versuchten, einen ausgewogenen Weg zwischen den beiden Extremen der Ablehnung des Tasawwuf und die Grenzen der Schari’a nicht mehr einhaltenden so genannten Sufis zu vermitteln – also nichts weniger als die Haltung der meisten Sufis von jeher zu vertreten. In ähnlicher Weise hat dies später auch Al-Ghazali mit seiner „Ihja ‘Ulum Ad-Din” geleistet, der auf den genannten früheren Werken und der geistigen Überlieferung der genannten aufbaute. Die Risala war laut dem großen Schafi’i-Fiqh-Gelehrten As-Subki „ein solcher Segen für die Muslime”, dass sich ein Exemplar davon in beinahe jedem Haus gefunden habe. Der „orthodoxe sunnitische” Tasawwuf wurde zu jener Zeit gewissermaßen zum Mainstream der Umma. Die Seldschuken als Förderer der Sunna unterstützten insbesondere unter Nizam Al-Mulk sowohl den Tasawwuf als auch den orthodoxen Fiqh und Kalam. Es kam zu einer Festigung der Sunna im Äußeren und Inneren, die um das Jahr 500 (1100) abgeschlossen war.

Nach einer brillianten Einleitung, die sich mit den Grundlagen des Tasawwuf im Hinblick auf die ‘Aqida und den asch’aritischen Kalam beschäftigt, folgt ein Kapitel mit zahlreichen Biografien großer früherer Sufis, gefolgt von solchen mit Erklärungen und Definitionen von Begriffen beziehungsweise Termini, die in dieser Wissenschaft wichtig sind, wie Tauba, Taqwa, Zuhd, Tawakkul, Muraqaba, Irada, Sidq, Wilaja, Adab, Schauq und vielen mehr sowie Erklärungen bestimmter Zustände, Abschnitte über die Wunder der Aulija, das Verhältnis zum Schaikh oder auch strittiger Fragen wie dem Hören von Musik, ekstatische Zustände oder diffizilere Begriffllichkeiten wie „Vereinigung und Trennung”, „Entwerden und Bestehen” und andere. (Von Yasin Alder)

In der nächsten Ausgabe stellen wir das Buch „At-Tabaqat“ von Ibn Sa’d vor.

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