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Standardwerke des Islam. Von Yasin Alder

„Al-Bidajat Al-Mudschtahid“ von Ibn Ruschd

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(iz). „Al-Bidajat Al-Mudschtahid wa Nihajat Al-Muqtasid“ des berühmten andalusischen Gelehrten Ibn Ruschd, im mittelalterlichen Europa unter dem Namen „Averroes“ bekannt , ist bis heute eines der bedeutenden Werke der vergleichenden islamischen Rechtswissenschaft. Es gibt einen Überblick über die Positionen der vier großen Rechtsschulen und deren Begründungen, bezieht aber auch frühere Schulen mit ein.

Ibn Ruschd ist in Europa vor allem durch seine Beschäftigung mit der griechischen, insbesondere aristotelischen Philosophie und seinen Erwiderung auf Imam Al-Ghazali über die Rolle der Philosophie bekannt geworden. Dabei ist weniger bekannt, dass er auch ein großer Rechtswissenschaftler (Faqih) war. Das Bidajat Al-Mudschtahid entstand zur Zeit der Herrschaft der Muwahidun („Almohaden“).

Ibn Ruschd

Abu’l-Walid Muhammad ibn Ahmad ibn Ruschd wurde im Jahre 520 n. H. (1128 n.Chr.) in Cordoba geboren. Er war der Enkel des berühmten malikitischen Rechtsgelehrten Muhammad ibn Ahmad ibn Ruschd, dessen „Muqaddima“ eines der großen klassischen Fiqh-Werke der Malikija ist und der aufgrund der Namensgleichheit zwischen beiden als „Al-Dschadd“, der Großvater, bezeichnet wird, während Ibn Ruschd als „Al-Hafid“, der Enkel, bekannt ist. Ibn Ruschds Großvater starb im selben Jahr, als er selbst geboren wurde. Es heißt, dass Ibn Ruschd von seinem Vater Abu’l-Qasim Hadith gelernt und auch die Muwatta von Imam Malik ibn Anas auswendig gelernt hat. Er studierte die islamischen Wissensgebiete sowie Philosophie bei verschiedenen Lehrern. Er befasste sich daneben nicht nur wie erwähnt mit Philosophie, sondern auch mit Medizin. Er wurde in beiden Bereichen durch herausragende Werke bekannt und wirkte auch als Arzt. Dennoch blieb er bis zum Ende seines Lebens als Richter (Qadi) tätig, wie sein Vater und Großvater zuvor, zunächst in Sevilla und dann zwei Mal in Cordoba.

Ibn Ruschd hatte sehr gute Beziehungen zu den Khalifen der Muwahidun, mit ‘Abd Al-Mu’min, dessen Sohn Abu Ya’qub Yusuf und wiederum mit dessen Sohn Abu Yusuf Ya’qub. Er gelangte unter ihnen in die höchsten Ämter und wurde im Jahre 578 Leibarzt von Abu Ya’qub Yusuf, dem selben Jahr, in dem er auch zum zweiten Mal höchster Richter von Cordoba wurde. Von den Chronisten wird er für die Gerechtigkeit seiner Urteile hoch gelobt und dafür, dass er nicht korrumpierbar war. Im Jahre 595 geriet Ibn Ruschd jedoch in ernsthafte Schwierigkeiten. Offenbar kam es zu persönlichen Animositäten zwischen ihm und anderen Gelehrten in Cordoba, die Teile vor allem seiner philosophischen Werke scharf kritisierten und ihm schwere Vorwürfe machten. Letztlich geriet Ibn Ruschd in Hausarrest, wurde jedoch später vom Khalifen Abu Yusuf Ya’qub rehabilitiert. Ibn Ruschd starb im Jahre 595/1198 in Marrakesch und wurde dort vorübergehend beigesetzt, ehe sein Leichnam drei Monate später nach Cordoba überführt wurde.

Bidajat Al-Mudschtahid

Das Bidajat Al-Mudschtahid ist eine systematische Zusammenstellung der Prinzipien der Herleitung von Urteilen im Fiqh und ein Standardwerk im Bereich des Khilaf beziehungsweise Ikhtilaf, der unterschiedlichen Rechtspositionen und Meinungsverschiedenheiten im Fiqh, sei es innerhalb einer Schule oder zwischen den Schulen. Vom Aufbau entspricht es der klassischen Anordnung von Fiqh-Werken. Dabei werden die unterschiedlichen Meinungen aber nicht nur aufgeführt, sondern vor allem auch die Gründe dafür erläutert, allerdings in sehr kompakter Form. Bei der Darstellung des Ikhtilaf geht es in der Bidaja darum, die Mechanismen aufzuzeigen, die zu unterschiedlichen Meinungen führen, und nicht darum, eine bestimmte Schule hervorzuheben. Es wird die Vielfalt rechtlicher Entscheidungsfindung gezeigt, wobei die Gültigkeit der einzelnen aufgeführten Positionen nicht in Frage gestellt wird. Dabei unterscheidet sich das Buch von ähnlichen Werken durch die Sorgfältigkeit und Genauigkeit, mit der es die Ursachen der Differerenzen aufzuzeigen versucht. Es wird dargelegt, dass alle unterschiedlichen Meinungen auf Qur’an und Hadith zurückgehen und daher ihre Existenzberechtigung haben. Zugleich ging es Ibn Ruschd, wie der Titel des Buches, der „angehende Mudschtahid“ andeutet, darum, zu zeigen, dass die Möglichkeit des Idschtihad, der selbstständigen Rechtsfindung, weiter offen bleibt und man sich nicht mit dem Überliefern von bestehenden Positionen der einzelnen Rechtsgebiete (Furu’) zufriedengeben solle. Darin deutet sich das Bestreben an, zu einer übergreifenden Rechtswissenschaft zu kommen, die über die bestehenden Schulen hinausgeht.

Der Stil der Bidaja ist so komprimiert, dass er manchmal nicht ganz leicht zu verstehen ist. Das Buch war ohnehin nur für einen begrenzten Leserkreis gedacht. Die Diskussion zu jedem einzelnen Fragethema folgt einem bestimmten Muster: Zunächst werden die Bereiche genau angeführt, in denen Übereinstimmung besteht, dann werden die Bereiche, in denen Ikhtilaf besteht, allgemein genannt, dann wird den Positionen bestimmter Juristen, die zu der Kontroverse beigetragen haben, Aufmerksamkeit geschenkt. In Folge werden diese Positionen im Hinblick auf die Ursachen für ihre Differenzen untersucht, und anschließend gibt Ibn Ruschd Vorschläge oder zeigt Wege auf, wie diese Differenzen rational verstanden und miteinander versöhnt werden oder zumindest in einer hierarchischen Abstufung ihrer Annehmbarkeit klassifiziert werden können. Die Rechtsgebiete werden dabei nur angeführt, um auf die Usul einzugehen, daher weist Ibn Ruschd selbst die Leser darauf hin, dass jene, die mehr über die einzelnen Rechtsfragen wissen wollen, in den spezialisierten Werken dafür nachsehen sollen. Als Nachschlagewerk über den Fiqh der verschiedenen Schulen eignet sich die Bidaja daher nur bedingt, da es dafür zu wenig detailliert ist.

In der brillianten Einleitung werden in kurzer Form die grundlegenden Prinzipien der Rechtsfindung dargestellt. Bemerkenswert ist, wie Ibn Ruschd immer wieder die Rolle hervorhebt, die generelle Prinzipien für die Rechtsfindung spielen, die aus dem Qur’an und der Sunna stammen, wie dies besonders im Maliki- und Hanafi-Fiqh der Fall ist, während die Schafi’i-Schule stets den Text einer authentischen Überlieferung vorzieht. Ibn Ruschd erklärt diese Prinzipien und ihre Anwendung. Am Ende des Buches versucht er, die grundlegenden Ziele der Schari’a zusammenzufassen und sieht diese als in vier Werten verkörpert: Reinheit, Gerechtigkeit, Courage und Großzügigkeit. Alle Arten von Handlungen der Anbetung, der ‘Ibada, seien wie Bedingungen für die Erfüllung dieser Werte. (YA)

In der nächsten Ausgabe stellen wir die „Risala“ von Al-Quschairi vor.

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