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Standarwerke des Islam. Von Yasin Alder, Bonn

Dieses Mal: Das „Mathnawi“ von Dschalal Ad-Din Rumi.

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(iz). Maulana Dschalal Ad-Din Rumi (auch: ­Mev­lana), gehört zu den größten spirituellen Lehrern des Islam. Die nach Rumi benannte Mevlevi-(oder Mawlawi-)Tariqa mit ihrem charakteristischen Sema-Ritual, dem kreisenden Tanz, ist auch vielen Nichtmuslimen bekannt.

Dschalal Ad-Din Muhammad ibn Muham­mad Walad, genannt Rumi, wurde im Jahre 605 (1207/1208) in Balkh im Nordwesten des heutigen Afghanistan geboren, in einer Familie von Gelehrten. Sein Vater Baha Ad-Din Walad war Gelehrter und Lehrer in einer Madrassa. Auf der Flucht vor dem Vormarsch der Mongolen, reiste Rumi mit seiner Familie längere Zeit in der islamischen Welt, unternahm die Pilgerfahrt nach Mekka und ließ sich schließlich im anatolischen Konya nieder, wo er dann im Jahre 629 (1231) seinen Vater in dessen Position als islamischer Gelehrter ablöste. In Konya herrschten seinerzeit die Seldschuken, die hier auch ihre Hauptstadt hatten. Der Beiname „Rumi“ kommt von „Rum“, der arabischen Bezeichnung für das oströmische Reich von Byzanz. „Maulana“ ist ein gebräuchlicher Ehrentitel für herausragende Gelehrte, es bedeutet „unser Herr“.

Maulana Rumi war gebildet im Arabischen, war bekannt dafür, sehr gute Khutbas (Freitagspredigten) zu halten, er lehrte den Qur’an und Qur’an-Kommentar und war berühmt für seine Befolgung des islamischen Gesetzes. Rumi wurde von dem wandernden Derwisch Schams Ad-Din Tabrizi auf den Weg des Tasawwuf geführt. Schams Ad-Din verschwand nach ein paar Jahren spurlos; manche vermuten, dass er umgebracht wurde. Die starke geistliche Liebe zu Schams Ad-Din Tabrizi und der Schmerz über dessen Verlust fand ihren Ausdruck in einer Flut von Musik, spirituellem Tanz (Sama) und Gedichten. Der Kreis der Schüler Rumis wuchs an. Sie ­kamen aus allen gesellschaftlichen Kreisen, doch galt später die Mevlevi-Tariqa im ­Osmanischen Reich auch als die Tariqa der gebildeten Kreise.

Rumis bekannteste Werke sind das ­Mathnawi, ein langes Lehrgedicht, das „Fihi ma fihi“, in dem Ansprachen an seine Schüler festgehalten sind, und der Diwan Al-Kabir mit 40.000 Zeilen Dichtung, die vor allem von Schams Ad-Din Tabrizi ins­piriert ist.

Maulana Dschalal Ad-Din Rumi starb im Jahre 672 (1273). Es wird berichtet, dass Angehörige von mehreren Religionen seiner Bahre folgten, denn er hatte bereits zu Lebzeiten auch hohes Ansehen unter Nichtmuslimen. Sein Grab, die Yesil Türbe, ist gewissermaßen das Wahrzeichen Konyas und wird nach wie vor viel besucht.

Das Mathnawi

Das Mathnawi ist ein didaktisch-poetisches Werk, ein Lehrgedicht, das Rumi in persischer Sprache verfasste, und eines der bedeutendsten Werke islamischer Spiritualität. Es ist sicherlich das bekannteste und berühmteste Werk Rumis, auch im Westen – in den 90er Jahren waren Übersetzungen des Mathnawi, die freilich von sehr unterschiedlicher Qualität waren, Bestseller in den USA. Die Bezeichnung Mathnawi ­bezieht sich auf die Doppelverse, in denen es verfasst ist. Die Textform des Mathnawi entstand laut Prof. Annemarie Schimmel in Persien. Obwohl es auch andere bekannte, spirituelle Texte in Form des Mathnawis gab, etwa von Sana’i oder Farid Ad-Din ­Attar, wurde das Mathnawi Rumis bald zum berühmtesten und zu „dem“ Mathnawi schlechthin.

Über die Entstehung des Mathnawi heißt es, dass ein Schüler Rumis, Husam Ad-Din Tschelebi, seinen Schaikh eines Tages bat, ein erzählerisches, lehrendes Gedicht zum Nutzen seiner Schüler zu verfassen. Maulana Rumi habe daraufhin die ersten 18 Verse des Mathnawi rezitiert, jene berühmten Verse, die als das „Lied der Rohrflöte“ bekannt sind und von der Sehnsucht der Rohrflöte nach dem Röhricht sprechen, was eine Metapher für die von ihrem Ursprung getrennte menschliche Seele darstellt, die sich zu ihrem Schöpfer zurücksehnt. Das Mathnawi ist in sechs Bücher unterteilt und enthält insgesamt rund 25.000 Verse. Es entstand nach und nach über Jahre; Prof. Annemarie Schimmel schätzte den Beginn auf etwa das Jahr 1256, während die letzten Verse kurz vor Maulana Rumis Tod 1273 entstanden.

Der innere Aufbau ist schwer zu beschreiben. Manche vergleichen das Mathnawi mit einem Kaleidoskop, in dem Rumi die verschiedenen Muster der menschlichen Existenz aufzeigt. Schimmel verglich den Text mit einem Strom, in dem die Worte fließen, wobei oft Assoziationen ausgelöst werden, die sich dann wiederum verzweigen, ehe wieder der Hauptfaden der Geschichte aufgenommen wird, und nennt das Werk einen gewaltigen Teppich, der aus ganz verschiedenen Fäden gewoben sei. Manchmal sind auch mehrere Themen miteinander verwoben. Diese Fäden sind laut Schimmel bekannte Erzählungen, Geschichten über die im Qur’an erwähnten Propheten, ­Geschichten von Schaikhs des Tasawwuf und Au­lija, Tierfabeln, Redensarten, Anspielungen auf das tägliche Leben in Konya und volkstümliche Erzählungen. Überall im Mathnawi finden sich Anspielungen auf den Qur’an und Interpretationen des Qur’an (Tafsir), was zeigt, dass Rumi tief vom Qur’an geprägt war und alles durch den Qur’an betrachtete. Ebenso finden sich in dem Werk viele überlieferte Aussprüche des Propheten Muhammad. Jedes der sechs Bücher (Daftar) des Mathnawi enthält eine Einleitung, die sich mit einem oder zwei spirituellen Themen befasst. Das Mathnawi ist gewissermaßen eine Erklärung des Qur’an, es zeigt das Wirken Allahs in der Schöpfung und erinnert an die Rückkehr zu Allah und die Notwendigkeit, sich auf diese Rückkehr vorzubereiten.

Die Geschichte der Übersetzungen des ­Mathnawi in europäische Sprachen wäre ein eigenes Kapitel für sich, eines mit Höhen und Tiefen. Die berühmteste und beste englischsprachige stammt von R.A. Nicholson und erschien von 1925 bis 1940 in acht Bänden. Im Deutschen gibt es bisher nur auszugsweise Übersetzungen, etwa von Annemarie Schimmel, von Bahn/Full sowie eine von Schaikh Osman Nuri Topbas wunderbar kommentierte und erklärte („Ein Krug voll Wasser aus den Gärten des ­Mathnawi“). Annemarie Schimmel war der Auffassung, dass das Werk dennoch letztlich unübersetzbar sei, „da sich immer neue Aspekte, neue Verbindungen ergeben“.

Im Westen wird immer wieder versucht, die Lehre Rumis esoterisch und universalis­tisch zu deuten und so vom Islam zu lösen, obgleich Rumi und seine Lehre tief und untrennbar im Islam verwurzelt sind. Wie ­Lewis richtig anmerkte, gelangte Maulana Rumi zu seinem Wissen nicht durch die Abwendung vom traditionellen Islam, ­sondern durch ein Eintauchen in den­selbigen. Durch diese Fehlrezeption kam es zu vielen unbrauchbaren Übersetzungen und Fehldeutungen.

Schaikh ‘Abdullah Halis Dornbrach, ­autorisierter Lehrer der Mevlevi-Tradition, sagte einmal in der IZ über Rumi: „Die ­Essenz seiner Lehre ist die Liebe. Was ist ­Liebe? Was bedeutet dieses ‘Aschq’? Es ­bedeutet einfach Zuwendung, denn wir wenden uns dem Gegenstand, dem unsere Liebe gilt, ohne Wenn und Aber zu. Und wenn wir sagen, dass wir Allah lieben, dann wenden wir uns Allah zu. Und was Er uns gibt ist ‘Hubb’, Zuwendung. Das sollte man unter dem Begriff Liebe verstehen. Natürlich sagte Rumi: ‘Solange mein Leben währt, bin ich ein Diener des Qur’an und ein Staubkorn auf dem Wege Muhammads, des Verehrten.’“

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