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Staunen der Welt

Yossef Rapoports „Islamische Karten“ und die Geburt der Kartographie aus dem Geist des Orients

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Foto: Konrad Miller, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

(iz). Als Europa noch den Schlaf des Mittelalters schlief, blühten im Orient Wissenschaft und Künste. Was das konkret bedeutete, illustriert der britische Historiker Yossef Rapoport in einem prachtvollen, großformatigen Band mit „islamischen Karten“ aus sieben Jahrhunderten.

Rapoport, der seit 2008 an der Queen Mary University London lehrt, nimmt uns mit auf die Reise durch sechs verschiedene Stationen islamischer Kartographie. Er zeigt, wie nahtlos die griechisch-ptolemäische Tradition auf muslimische Gelehrte überging – und wie intensiv der Kulturaustausch im Mittelmeer war: trotz des religiösen Gegensatzes sei der Mittelmeerraum nicht etwa zwischen Norden und Süden, sondern zwischen (hochzivilisiertem) Osten und (weniger zivilisiertem) Westen geteilt gewesen. Der byzantinisch-arabische Kulturtransfer zeige sich etwa daran, dass die islamischen Kartographen oftmals die ­griechischen Toponyme in der Levante übernahmen: so wurde aus etwa aus dem Fluss Basileus („König“) auf Zypern der nahr ­al-malik, also der „Fluss des Königs“.

Eine merkwürdige Fügung ist, dass die Geschichte arabischer Kartographie ausgerechnet mit al-Kwarizmi beginnt, dem Schöpfer der Algebra und Namensgeber des Logarithmus. Seinem Buch über das Bild der Erde, das im frühen 9. Jahrhundert am Abbasidenhof in Bagdad entstand, verdanken wir nicht nur eine Nilkarte, sondern auch ein geographisches Koordinatensystem, dessen Ausschriftung ein überraschend präzises Bild der Nordhalbkugel ergibt. Die nächsten Meilensteine islamischer Kartographie sind das Buch der Wege und Reiche des persischen Gelehrten al-Istakhri aus dem 10. (hervorzuheben ist seine Karte des Persischen Golfs) sowie vor allem das so genannte Buch der Merk­würdigkeiten aus dem 11. Jahrhundert.

Diese Sammlung von Karten und zugehörigen Abhandlungen, die erst im Jahr 2000 auf einer Auktion in London sensationell wiederentdeckt wurde und seitdem in der Bodleian ­Library in Oxford aufbewahrt wird, entstand um das Jahr 1050 am fatimidischen Hof in Kairo. Ihre Glanzstücke: eine Karte Siziliens (die älteste der Insel überhaupt) und die so genannte „rechteckige Weltkarte“, die älteste erhaltene Karte mit einem Maßstab. Der ­Autor des Buchs der Merkwürdigkeiten ist bis heute unbekannt.

Wiederum hundert Jahre später, zwischen 1100 und 1166, lebte und wirkte am sizilianischen Königshof der marokkanische Prinz Sharif al-Idrisi, und er schuf etwas wahrhaft Revolutionäres: eine Weltkarte, bestehend aus siebzig Teilkarten, gegliedert in sieben ­meridionale und zehn longitudinale Zonen. Wer diese bekannteste Weltkarte zwischen Antike und Neuzeit auf den Kopf stellt (sie ist, wie alle islamischen Karten, nach Süden ausgerichtet mit Mekka in der Mitte), sieht ein erstaunlich maßstäbliches Abbild der cisatlantischen Nordhalbkugel. Diese quadrierte sowie eine (nicht in allen der zehn bekannten Abschriften enthaltene), ebenfalls sehr realistische, zirkuläre Weltkarte bilden das Buch der Unterhaltung für jenen, der sich danach sehnt, die Welt zu bereisen, auch bekannt als Tabula Rogeriana. Dieses Meisterwerk schuf al-Idrisi von 1138 und 1154 im Auftrag König Rogers II. von Sizilien, des Großvaters Kaiser Friedrichs II. von Hohenstaufen. Für dreihundert Jahre blieb die Tabula Rogeriana das wichtigste Kartenwerk, bis zur Entdeckung Amerikas. Auch Christoph Kolumbus und Vasco da Gama nutzten sie.

Den Höhepunkt orientalischer Kartographie bildet die berühmte Weltkarte des Piri Reis aus dem Jahr 1513, deren erhaltenes Fragment vor allem den Verlauf der Ostküste Südamerikas beinahe fotorealistisch abbildet. Die Karte des osmanischen Admirals (und ­Seeräubers), die sich an der so genannten Planispähre des Alberto Cantino von 1502 orientiert, ist allerdings nicht konkurrenzlos: schon Juan de la Cosa (1500) und Martin Waldseemüller (1507) hatten 1492 Amerika kartiert, wenn auch längst nicht so präzise wie Piri. Dennoch hätte man sich eine vergleichende Einordnung gewünscht, und ebenso eine Legende der Orte. Dass Piri Reis auf eine heute verschollene „Urkarte“ von Kolumbus zurückgegriffen habe, wie vielfach angenommen wird, bezweifelt Rapoport.

Das letzte Kapitel seines Buches widmet er den Astrolabien, die am persischen Kaiserhof zu Isfahan vom 16. bis 18. Jahrhundert hergestellt wurden. Dabei handelte es sich um metallene Gravuren zyklischer Weltkarten, die dabei helfen sollten, die Qibla, also die Gebetsrichtung nach Mekka, zu bestimmen. Hatte es derlei Instrumente schon seit dem Auftreten des Islam gegeben, so lag die entscheidende Neuerung aus safawidischer Zeit darin, dass diese Astrolabien einen Quadranten besaßen, mit dem sich der Stand der Sonne ablesen und hierüber die Lage von Mekka bestimmen ließ. Mit einem solchen Gerät ausgestattet, konnte ein Muslim also von jedem beliebigen Standpunkt auf der Erde aus die Qibla bestimmen. Eine geniale Erfindung in Zeiten ohne GPS!

Yossef Rapoports Islamische Karten werden dem Leser, der hier auch Betrachter ist, viel Freude bereiten. Sie sind einzigartige Zeugnisse einer theoretischen Neugierde, deren Zugriff auf die Welt, der ohne elektronische Hilfsmittel auskommen musste, immer wieder in ungläubiges Staunen versetzt.

Yossef Rapoport: Islamische Karten. Der andere Blick auf die Welt. Aus dem Engl. von Jörg Fündling. WBG Theiss 2020, 192 S. mit rund 70 farbigen Abbildungen und Karten, 27,4 x 32 cm, 50 (ab 1.2.2021: 70.–).

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Konstantin Sakkas

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