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Steingewordene Ringparabel in Zartrosa

Deutschlands schönste Fake-Moscheen (3). Eine Serie von Fabian Goldmann

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Foto: pixabay.com

(iz). Sie verfügen über goldene Kuppeln, prächtige Minarette und reich verzierte Innenräume. Nur betende Muslime trifft man in einigen der schönsten Moscheen Deutschlands nie an. Fabian Goldmann stellt Moscheen vor, die keine sind.

Mann kann kaum erahnen, wie viele Muslime bei einem Besuch der „Roten Moschee“ im Schwetzinger Schlossgarten schon ungläubig den Kopf geschüttelt haben: Da steht einerseits ein prachtvoller Kuppelbau mit Minaretten, dessen offene Wandelgänge fast schon an weltberühmte Vorbilder wie in Córdoba oder Damaskus erinnern. Doch im Innenhof scheint jemand den für die rituelle Waschung der Gläubigen nötigen Brunnen vergessen zu haben. Im Inneren der Moschee prangen wertvolle Mamormosaike, doch die obligatorische Gebetsnische, wie jede Hinterhofmoschee sie besitzt, sucht man vergeblich. Kunstvoll gemeißelte Koransuren an den Fassaden künden von der Unität Allahs. Doch die sind so voll mit Fehlern, als hätte sie ein arabischer Erstklässler in den Stein gehauen. Wie kann es sein, dass ausgerechnet die Erbauer von Deutschlands schönster Moschee von grundlegendsten Erfordernissen eines islamischen Gebetshauses offenbar keine Ahnung hatten? Die Antwort ist einfach: Die „Rote Moschee“ nahe Mannheim ist gar keine.

Verantwortlich für Deutschlands schönste Moschee-Attrappe ist Karl ­Philipp Theodor. Sein Beruf: Kurfürst von Pfalz-Bayern. Eines seiner Hobbys: ungewöhnliche Schlossparkgestaltung. Im Jahr 1778 wies er seinen Hofarchitekten Nicolas de Pigage an, seinen Schwetzinger Schlosspark um einen „türkischen Garten“ und eine „Moschee“ zu erweitern. Von authentischer islamischer Architektur hatte der allerdings wenig Ahnung und so holte er sich seine Inspirationen nicht in Kairo oder Istanbul, sondern in London. In den königlichen Parkanlagen war dort im Jahr 1761 die „The Alhambra at Kew Gardens“ entstanden. Das erste pseudoislamische Bauwerk Westeuropas, ein kleines Gebäude im Moschee-Look, wurde allerdings bereits im Jahr 1785 unter bis heute ungeklärten Umständen wieder abgerissen.

Mit echten Muslimen oder der islamischen Welt hatten sowohl „The Alhambra at Kew Gardens“ wie auch die „Rote Moschee“ nichts zu tun. Zwar gibt es Gerüchte, wonach Karl Philipp Theodor bei der Planung auch an den möglichen Einzug einer echten muslimischen Prinzessin dachte. Wahrscheinlicher ist hingegen, dass der Kurfürst einer anderen Sehnsucht verfallen war: dem Orientalismus. Wie in vielen Fürstentümern jener Zeit galt es auch im Baden des 18. Jahrhunderts schlicht als schick im „türkischen“ oder „maurischen“ Stil zu bauen.

Gut möglich ist außerdem, dass die Schwetzinger Moschee zudem als Symbol von Aufklärung und religiöser Verständigung gedacht war: eine steingewordene Ringparabel in zartrosa. Was überall im Schlosspark wie ein heilloses Durcheinander verschiedener Architekturstile anmutet, lässt sich auch als bewusster Dialog der Kulturen lesen.

Da treffen deutsche Linden auf japanische Kirschbäume, barocker Kitsch auf freimaurerische Symbolik und „römische“ Tempel auf eine „türkische“ Moschee. Deren Minarette erinnern wiederum an römische Säulen. Die Wandelhallen im Moscheeinnenhof könnten auch als Kreuzgänge in einem mittelalterlichen Kloster durchgehen. Und viele der vermeintlichen Koransuren sind so allgemein gehalten, dass auch kein christlicher ­Katholik mit ihnen ein Problem haben dürfte: „Lobpreise Gott und bitte ihn um Vergebung. Er ist gnädig.“

Rückschlüsse auf reale politische Verhältnisse, wie es mancher Reiseführer auch heute noch tut, sollte man aus den Bauten allerdings nicht ziehen. Hinter der rosafarbenen Toleranz-Fassade verhielt sich Kurfürst Karl Theodor als entschiedener Verbreiter des Katholizismus. Nicht nur im Schwetzinger Schlosspark trügt der Schein. Dass der Trend zur „Türkenmode“ so schnell verschwinden kann wie er kam, zeigte sich an vielen pseudoislamischen Bauten, die oft fast so schnell verfielen wie sie gebaut wurden. In Schwetzingen sorgten echte Muslime und andere Kulturfremde dafür, die Lebenszeit der „Moschee“ etwas zu verlängern. Während des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 sollen in ihr tatsächlich einmal Muslime untergebracht worden sein: französische Kriegsgefangene aus Nordafrika. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwandelten amerikanische GIs die Moschee für kurze Zeit in einen Jazzclub. Als die abgezogen waren, ging es auch mit der „Roten Moschee“ bergab. Eine Broschüre aus den 1980ern beschreibt den einstigen Prachtbau als „völlig verrottet“. Die Wandelgänge aus Sandstein verwittert, die Holzkonstruktion der Kuppel morsch.

Es dauerte bis ins aktuelle Jahrhundert bis das Land Baden-Württemberg sich seines „orientalischen“ Erbes erinnerte. Für rund zehn Millionen Euro wurde die Moschee in den Nuller-Jahren von Grund auf restauriert. Im Jahr 2015 lud dann der Nachfolger von Kurfürst Karl Theodor, Winfrief Kretschmann, erstmals Muslime zum Fastenbrechen ins Schwetzinger Schloss. Fast 250 Jahre nach ihrem Bau erlebte die „Rote Moschee“ schließlich doch noch echte betende Muslime.

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