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Streitobjekt Kölner Zentralmoschee: Interview mit dem Architekten Orhan Gökkus

„Mit Politik hat das nichts zu tun“

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(iz). Es hat beinahe etwas Beruhigendes, dass Bauwerke immer noch ein Stein des Anstoßes sein können; zumindest in kultureller Hinsicht. Ärgerlich ist es aber, wenn die normale Entscheidung eines Bauträgers, sich von einem Architekten zu trennen, politisiert wird. Genau dies ist der Fall bei der so genann­ten „Zentralmoschee“ im Kölner Stadtteil Ehrenfeld.

Was in der Privatwirtschaft ein ­bloßes Schulterzucken hervorruft, hat zu ­einer substanzlosen Aufwärmung des vergangenen Kölner Moscheestreites geführt. Nach erheblichen Debatten, und unter diffamierenden Attacken professioneller Islamkritiker, gelang es dem türkischen Moscheeverband Ditib, die mehrheitliche Zustimmung der Kölner Öffentlichkeit zu erlangen. Wohl auch, weil man den bisherigen Kirchenbaumeister Paul Böhm mit Planung und Bauleitung beauftragt hatte. Mittlerweile ist das ­beiderseitige Verhältnis nach Bekanntwerden erheblicher baulicher und planerischer Mängel (in der Sicht des Moscheeverbands) zerrüttet, nachdem Böhm gekündigt wurde.

Während die Position des Kölner Architekten ausreichend in der Presse vertreten wurde, unterstellte man dem türkischen Dachverband unlautere Absichten, und vermutet „konservati­ve Muslime“ am Werk. Hierzu sprachen wir mit dem Architekten Orhan Gökkus. Er arbeitet zur Zeit im Auftrag der Abteilung für Bauwesen und Liegenschaften der Ditib.

Islamische Zeitung: Es schien so zu sein, als wäre das Bauprojekt der Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld trotz anfänglicher Proteste auf einem guten Wege. Was war der konkrete Anlass für die Kündigung des Arbeitsvertrages mit dem ­Architekten Paul Böhm?

Orhan Gökkus: Ich arbeite seit Anfang des Jahres in meiner jetzigen Position. Der Bau fing bereits im Februar 2009 an. Als ich meine Stelle antrat, hatten wir den Rohbau zu rund 70 Prozent fertig. Zu diesem Zeitpunkt war die Fassade langsam sichtbar. Innerhalb von vier Wochen wurden sämtliche Unstim­migkeiten und Fehler des Baus deutlich – und wie reden hier von den gravierenden. Das veranlasste uns zu der Entschei­dung, eine Gruppe Baugutachter zu Rate zu ziehen.

Uns ging es dabei auch um die Beweis­sicherung der entstandenen Baumängel. Obwohl wir uns bereits mit der ­Materie ­beschäftigten, fielen uns immer mehr an den Details, aber auch am Projekt, das heißt Planungsfehler, auf. Als Einzelperson oder Teil eines kleinen Teams konnten diese nicht behoben werden. Deshalb informier­ten wir den Ditib-Vorstand, damit dieser den Rohbau des Gesamtgebäudes begutachten lassen konnte. Das war auch sinnvoll für den Archi­tekten, damit nicht weitere Fehler verur­sacht werden.

Diese gravierende Mängel wurden von einer Rohbaufirma verursacht. Die Verantwortung des Architekten besteht hierbei insofern, als dass er die Rolle des Bauleiters inne hatte. Während der ­Arbeiten wurden diese Fehler anscheinend nicht ausreichend begutachtet.

Die Gutachter begannen mit ihren Untersuchungen im Februar dieses Jahres und brauchten drei Monate dafür. Die Baustelle wurde bis ins kleinste Detail in Augenschein genommen. Hierbei wurden 2.300 Mängel festgestellt, die auch an den Architekten Paul Böhm weitergeleitet wurden. Islamische Zeitung: Wie hatte der Architekt der Moschee bis dato reagiert?

Orhan Gökkus: Die Reaktion fiel wechselhaft auf. Zu Beginn wurde auf einige Fehler reagiert. Uns wurde mitgeteilt, dass manches geändert bezie­hungsweise saniert werden sollte. Die ­Kernaussage war, dass im Grunde alles in Ordnung sei, da es sich hier um ein Betonwerk handle. Böhm verwies dabei auch auf die jahrzehntelange Tradition ­seiner Firma mit Umgang mit diesem Werkstoff.

Grundsätzlich sei alles in Ordnung. Dies wurde immer wieder betont. Andererseits räumte er ein, dass gelegentlich etwas geändert werden müsste: die Kuppel zum Beispiel. Manchmal lehnte er dieses aber auch ab. Das Ganze kam auch nicht auf einmal. Wir beschäftigen uns mit dem gesamten Vorgang seit Anfang dieses Jahres. Das heißt, wir sprechen hier von einem Zeitraum zehn bis elf Monaten.

Islamische Zeitung: Böhm kritisierte, er sei quasi überfallartig mit den Mängeln konfrontiert worden und dass der Beirat auch nicht informiert wurde?

Orhan Gökkus: Das stimmt einfach nicht. So kann man nicht agieren. Wir sind doch alle ­Profis. Wir wissen, worum es geht, und wie solche ­Sachen ablaufen. Die Gutachter haben immerhin drei Monate lang gearbeitet und dabei sogar teilweise mit Herrn Böhm kooperiert. Das war ja auch nötig, wenn sie Fragen an die Bauleitung hatten oder Verträge einsehen mussten.

Es wurde übrigens nicht nur die Bauqualität begutachtet, sondern auch die abgeschlossenen Verträge. Dazu zählten sämtliche Vereinbarungen mit dem Architekten und Bauunternehmern. Dabei kam heraus, dass der Entsorgungsfirma, die am Abbruch [des vorherigen Gebäudes] beteiligt war, 140.000 Euro zu viel bezahlt wurde. Das mussten wir nachträglich feststellen. Im Augenblick ­befinden wir uns mit dieser Firma auf dem Klageweg. Es ist nachgewiesen, dass wir zu viel bezahlt haben. Aufgefallen ist das erst den Gutachtern. Mit Politik oder mit einem Wechsel des Vorstands hatte das überhaupt nichts zu tun. Ich bin von Haus aus Architekt, betreibe ein eigenes Atelier und habe nichts mit dem Ditib-Vorstand zu tun. Als quasi unabhängige Fachleute informierten wir den Vorstand überhaupt erst, damit dieser reagieren ­konnte. Fakt ist, dass wir es hier mit teilweise sehr gravieren­den Mängeln zu tun haben, die auf jeden Fall ­saniert werden müssen. Mit anderen Sachen könnte man leben. Wir haben beispielsweise eine Schlussbegehung mit dem Architekturbüro von Herrn Böhm, der beteiligten Rohbaufirma und unserer Gutachter­gruppe gemacht.

Einige dieser Mängel wurden bereits von Herrn Böhms Firma und den Rohbauern saniert. Die Untersuchungen waren im April abgeschlossen, sodass der Chefarchitekt seit bereits sechs bis sieben Mona­ten informiert worden war.

Von der schlechten Qualität einmal abgesehen: Die Preise haben sich beinahe verdoppelt. Es war meine Aufgabe, diese Probleme dem Vorstand zu melden. Hätte dieser sich einverstanden gezeigt, dann hätten wir nichts mit der Presse zu tun ­gehabt. Dann wäre der Bau im Mai 2012 fertig geworden, allerdings in schlechter Qualität. Nach einer ­solchen Eröffnung hätten wir direkt mit der Sanierung der Moschee beginnen müssen.

Islamische Zeitung: In vielen Medien wurde der Eindruck erweckt, als würde der Bauträger mit der Kündigung kein Interesse mehr an dem künstlerischen Entwurf des Architekten Paul Böhm haben?

Orhan Gökkus: Zu diesem Punkt gibt es zwei Dinge zu sagen. Bei der Vertragsgestaltung mit Böhm wurde die Regelung des Innenausbaus bewusst herausgehalten. Es gab sogar einen gesonder­ten Vertragspassus, der festlegt, dass die Innenarchi­tektur nicht dazu gehört. Dieser wurde 2008 vom Ditib-Vorstand und Paul Böhm unterzeichnet. Das ist Fakt.

Herr Böhm wollte immer wieder Einfluss auf die Innengestaltung nehmen und den Auftrag dafür bekommen. Bereits damals deutete er gegenüber Presse und Moscheebeirat an, dass er diese Gestaltung ebenfalls übernehmen werde. Damals wurde er schriftlich abgemahnt, dass er solche ­Äußerungen nicht tätigen dürfe. Es war klar, dass es trotz des modernen Gebäudeentwurfs eine traditionelle ­Gestaltung braucht. Die Muslime haben ja ihre eigenen Regeln, Traditionen und Vorstellungen, die dort einen Ausdruck finden müssen.

Natürlich können wir den Gesamtentwurf und die Außenflächen nicht ändern, weil diese unter dem Urheberrecht von Herrn Böhm stehen. Das ist Teil des Architektenvertrags.

Islamische Zeitung: Medien munkelten, dass der neue, angebliche konservative Ditib-Vorstand Paul Böhm aus politischen Gründen loswerden wollte. Hat das ganze überhaupt eine politische Komponente?

Orhan Gökkus: Ich kenne den Vorstand mittlerweile, bin aber selbst kein Mitglied. Ich kann daher auch nichts über die politische Orientierung sagen. Ich weiß aber, dass es sich dabei um ­weltoffene Menschen handelt. Prof. Dr. Ali Dere gilt in der Türkei eigentlich als „Reformist“. Er spricht gutes Deutsch und hat auch hier studiert.

Ich kann ihnen aber mit Sicherheit sagen, dass der Konflikt mit Paul Böhm ausschließlich bautech­nisch ist. Mit Politik hat das nichts zu tun. Nicht der Vorstand, sondern wir als Fachleute haben ­diesen Vorgang verursacht. Mein Partner ist seit 30 Jahren selbstständig, ich seit 22 Jahren. Wir ­haben viele Baustellen geleitet. Ich habe in Amerika, in Deutschland und in Kanada viele Moscheen gebaut. Daher kann ich die Qualität von Bauten ­beurteilen.

Es liegen hier nicht nur Baufehler vor, sondern auch riesige Funktionsmängel bei Planung und Detail. Dazu zählen beispielsweise die geplante Montage von Fenstern und ihre Einzelheiten. Wir könnten auch über den Bodenaufbau sprechen. Wir beginnen jetzt mit der Bodenisolierung und dem Legen des Estrichs. Es gibt Stellen, an denen wir teilweise eine Biegung von 9 cm in der Decke ­haben. Das ist unzumutbar. Bisher hat noch keine Firma ein Konzept vorgelegt, wie sich das beheben lässt.

Islamische Zeitung: Haben sie Hoffnung, dass der Vermittlungsversuch vom Kölner Ex-Bürgermeister Schramma zum Erfolg führt?

Orhan Gökkus: Ich hoffe, dass es dabei zu ­einer Einigung kommt. Ich würde aber dem Vorstand davon abraten, dass man bei Qualität oder bei Kosten Zugeständnisse macht. Immerhin wird hier ja mit Spendengeldern operiert. Bei der Vertragsunterzeichnung wurde ein Baupreis von 15 Millionen Euro festgelegt.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Gökkus, vielen Dank für das Interview.

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