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Suche nach ganzheitlicher Dimension stellt für viele den Anfang dar. Von Jadiya Martinez

Warum finden Europäerinnen zum Islam?

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(iz). Ich nahm den Islam im Februar 1980 an. In diesen Tagen war es sehr selten, muslimische Frauen aus dem Westen zu finden. Die VeteranInnen, die ich kennenlernte, wurden in den 1970er Jahren Muslim. Als Europäerinnen teilen wir die Geschichte der Zeit, in der wir lebten – und dieselben Werte, Erziehung, Moden und Tendenzen unserer Ära.

Ich bin Spanierin. In meiner Heimat hatten wir in den 1970er Jahren noch Franco. Die bekannte Champagner-Dusche, mit der viele Spanier den Tod des Diktators feierten, war eine Metapher für einen Korken in einer Flasche, der unter Druck stand. Jeder wollte ihn loswerden. Schließlich konnten wir uns mit den europäischen Standards messen. Und wir tauchten in die Moderne mit mehr Enthusiasmus und Kraft ein als jeder andere Europäer.

Binnen 20 Jahren entwickelten wir uns von einem Land mit Großfamilien zu einem mit der geringsten Geburtenrate in der Welt. Sobald ein Diktator geht, beginnt die Trennung und es gibt ­einen Aufschwung der Opportunisten, die nach einer Lücke in der Macht suchen und dafür ihre Ideologie so oft wie nötig wechseln.

Einige wenige derjenigen, welche die Unmöglichkeit sahen, in die Maschinerie der Demokratie vorzudringen, um von dort Änderungen zu bewirken, verließen die Politik vollkommen. Hier hatten wir den ersten Strom der Hippies, die auf die höchsten Gipfel von Spaniens Bergen „emigrierten“. Persönlich fand ich mich unter den Enttäuschten ­wieder. Man könnte sagen, dass die Suche nach Antworten in sich die Offenbarung des eigenen Selbst ist. Ich war eine komplett überzeugte Atheistin. Eines Tages, inmit­ten einer extremen Schwierigkeit, hörte ich mich, wie ich Gott um Hilfe anflehte. Das war nur ein zeitweiser Fehltritt, denn ich wurde sofort wütend über mich selbst für diesen Unsinn in meinem Kopf. Aber die Schwierigkeit in der Situation änderte sich und öffnete sich hin zur Erleichterung.

Ich erfuhr Existenz in anderen Dimen­sionen als jene, die ich bis zu diesem Zeitpunkt hatte. Ich bewegte mich quasi von einer flachen Realität zu einer Karte, mit der ich die Tiefen dieser neuen Dimensionen erfahren konnte, mit einer Gewissheit, dass diese nicht neu waren, sondern – obwohl ich sie nicht sehen konnte – immer schon gegenwärtig waren. Der beste Vergleich ist der Unterschied zwischen dem Foto eines Ereignisses und der Anwesenheit vor Ort.

Ich erkannte, dass die mich umgeben­den Dinge einer Ordnung unterworfen und von Gesetzen bestimmt waren. Das gleiche galt für mich. Ich stand nicht außerhalb von ihnen. Wenn ich hier über Regeln spreche, dann über so etwas simples wie die „Regel“ einer jeden Pflanze. Sie braucht Wasser, Licht, Nährstoffe und – was viele nicht wissen – sie wächst besser, wenn sie freundlich behandelt wird.

Auf einer Reise durch Marokko traf ich eine Gruppe spanischer Männer, die aus dem gleichen Umfeld wie ich kamen, wir hatten vieles gemeinsam. Zu meiner Überraschung sagten sie mir, dass sie Muslime geworden sind. Sie fanden zum Islam durch die Hand eines Sufimeisters, Schaikh Abdulqadir As-Sufi, einem Schotten und ebenfalls einem Suchenden, ein Mann dieser Zeit und Kultur.

Nach der Rückkehr nach Spanien verbrachten wir endlose Nächte mit dieser Gruppe Muslime in meinem Haus, ­wohin sie regelmäßig kamen. Manchmal, inmitten dieser Debatten, hörten sie zu gewissen Zeiten auf zu debattieren und baten mich um meine Erlaubnis für ihre Gebete. Wir saßen rum, bis sie alle fertig waren und – zu unserer Überraschung – jeder fühlte, dass sich die Energie in dem Raum geändert hatte. Und dann, eines Tages, luden sie mich ein, mich ihnen anzuschließen. Danach fühlte ich mich so gut, dass ich begann, einmal am Tag heimlich zu beten. Ich wollte keine Verpflichtung.

Ich hatte großes Glück – wenn es so etwas wie „Glück“ überhaupt gibt –, ­einen Zugang zum Islam mit einer komplett neuen Perspektive gefunden zu haben. Er bedeutet eine Erneuerung und Transformation des Individuums und hat nichts mit irgendeinem kulturellen Hintergrund zu tun.

Dass ich später die Schahada sagte [und so den Islam bezeugte], bedeutete für mich die Aufgabe gegenüber Beweisen. Es war für mich nicht wie das Auswählen der besten Angebote in einem Supermarkt. Für mich war es unausweichlich.

Muslim zu werden beginnt mit der Bestätigung, dass es nur eine Realität gibt, Allah, und dass es viele Gesandte seit ­Beginn der Menschheit gab, die den Menschen die Geheimnisse der Existenz und ihres Selbst lehrten. Und Muhammad ist der letzte von ihnen. Dies ist der zweite Teil der Schahada, der uns unausweichlich dazu führt, bestimmte Verhaltensregeln anzuerkennen.

Zusammenfassung eines Vortrags, der im Mai 2010 in Berlin gehalten wurde.

Lesetipp
Prof. Yasir Suleiman (Hrsg.)
Narratives of Conversion to Islam in Britain. Female Perspectives
Universität Cambridge & The New Muslim Project, Markfield, März 2013

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Jadiya Martinez

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