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Suche nach menschlicher Größe

Der Amerikaner Ralph Waldo Emerson nahm das Wahre, wo er es fand

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Foto: National Portrait Gallery, Smithsonian Institution, Washington, D.C.

(iz). Sie wirkt wie ein Stück Kunst, verloren in der Zeit. Du siehst sie an und sie sieht aus wie die Sängerinnen der goldenen Zeiten Hollywoods. Es ist erstaunlich!“ So kommentiert jemand ein Video der U.S. amerikanischen Sängerin Lana Del Rey auf YouTube. Lana Del Rey ist anders. Anders als eine Jennifer Lopez. Lana Del Rey gibt sich in ihren Songtexten geradezu unterwürfig dem anderen Geschlecht gegenüber. Auch das ist U.S. Amerika. Es kann mehr als bloß Big Booty singen.

Wenn wir in der Geschichte noch ein bisschen weiter zurückgehen, werden wir auf Dichter und Denker stoßen, die, was die Tiefe der Gedanken betrifft, gar an den wohl größten Abendländer herankommen: Johann Wolfgang von Goethe. Einer dieser Denker, auf den wir stoßen, ist Ralph Waldo Emerson. In seinem ­Essay „Representive Men“ ist eben Goethe eine der sechs großen Gestalten der Menschheitsgeschichte, die Emerson aufführt. Und das eben machte US-Amerika aus: Es nimmt die Weisheit dort auf, wo immer es sie findet.

Es ist Emerson gleich, ob er von einem Griechen lernt, einem Schweden, Franzosen, Engländer oder einem Deutschen. Und auch Emersons Lieblingsvers aus dem Qur’an können wir nicht bloß einmal lesen. Während er leidenschaftlich über Shakespeare spricht, fühlt er sich an den Koran erinnert und sagt: „Wieder tritt uns jener Posaunentext im Koran in Erinnerung: ‘Die Himmel und die Erde und alles was zwischen ihnen ist – glaubt ihr, dass wir sie zum Scherze geschaffen haben?’“ Nein. Wir sind nicht auf dieser Erde um bloß von Unterhaltung zu ­Unterhaltung zu rasen, nicht bloß um zu sehen und gesehen zu werden… da ist noch mehr! Was ist dieses Mehr? Darüber klärt uns Emerson auf, bevor er seine Hommage an Plato beginnt: „Die Suche nach großen Menschen ist der Traum der Jugend und die ernsthafteste Beschäf­tigung des Erwachsenen.“ Was sind die Kennzeichen eines großen Menschen? „Ich halte den für einen großen Mann, der eine höhere Gedankensphäre bewohnt, zu welcher andere sich nur mühsam und mit Schwierigkeiten emporheben können; er braucht nur die Augen zu öffnen, um die Dinge in ihrem wahren Lichte und in bedeutenden Beziehungen zu sehen.“

Hierzu ist jeder Mensch in der Lage! Diese Fähigkeit ist nicht an eine bestimmte Nation, oder wie es heute bestialische Ideologen bezeichnen: „Rasse“ gebunden. Wenn Emerson den Begriff „Rasse“ verwendet, müssen wir darüber hinweglesen, da er ihn unschuldig gebraucht. Er verwendet ihn, wie Wilhelm von Humboldt den Begriff „Nationalcharakter“ gebraucht. Charakterzüge, die bei der Mehrheit der Bürger eines ­Staatswesens vorzufinden sind. Bei „den“ Deutschen sei es die Gewohnheit auch nach einem Uni-Seminar über den Stoff nachzudenken und zu grübeln. „Die“ Deutschen, das seien vor allem Philosophen! Als diese waren sie dem Ausland am Vorabend des 1. Weltkrieges tatsächlich bekannt.

Gar Goethe wird von Emerson als ein Philosoph bezeichnet. Selbst würde Goethe dies entschieden ablehnen. Goethe schreibt keine philosophischen Abhandlungen, doch behandelt philosophische Fragestellungen in seinen Werken – vor allem im Faust, dem Drama der Menschheit schlechthin. Was sagt Emerson noch über Goethe?

„Er hat unsere moderne Existenz mit Poesie bekleidet.“ – „Er hat den Unterschied zwischen der antiken und modernen Kunst klargemacht. Er hat die Kunst, ihre Ziele und Gesetze erklärt. Er hat das Beste über die Natur gesagt, was je über sie gesagt worden ist.“

Der Einfluss des Deutschen Idealismus ist unverkennbar. Nicht in nationalen Beschränkungen zu denken ist das Wesen dieses Idealismus. Wo auch immer etwas Wahres, Gutes oder Schönes erkannt wird, wird es sich zu eigen gemacht. Goethe ging hierin so weit, dass er im West-östlichen Divan aus der Sicht eines muslimischen lyrischen Ichs spricht. Goethe erkannte in Schaikh Rumi, Schaikh Saadi, Schaikh Nizami schöne Muster, die er nach Deutschland und damit ins Abendland zu bringen gewillt war.

Dies ist der Glaube an etwas allgemein Schönes. Schönheit als etwas Zeitloses. Der Glaube an zeitlose Schönheit, an ­allgemeine Schönheit scheint im 21. ­Jahrhundert ausgestorben. Gesetze der Schönheit scheint es nicht zu geben. Die Idee der Schönheit, wie sie Friedrich Schiller nennen würde, wurde am Altar des Individualismus geopfert.

Was sagt ein U.S. amerikanischer Rezipient zur Theorie des Idealismus? ­„Alberne Menschen machen sich lustig über die Theorie des Idealismus, so als führe sie zu lächerlichen Konsequenzen und beeinträchtige die Beständigkeit der Natur. Dies ist aber mit Sicherheit nicht der Fall. Gott hält uns nie zum Besten und wird den Zweck der Natur nicht ­gefährden, indem er irgendwelche Inkon­sequenzen in ihrem Gang erlaubt. Jegliches Misstrauen bezüglich der Beständigkeit von Gesetzen würde die geistigen Fähigkeiten des Menschen lähmen. Ihre Beständigkeit wird wie etwas Heiliges ­geachtet, und der menschliche Glaube an diese ist vollkommen.“

Ist Emerson Muslim will ich doch glatt ausrufen?! „Allah ist schön und Er liebt die Schönheit.“ Dies ist der Glaube der Muslime! So nah ist der islamische Glaube dem vielleicht bedeutendsten U.S. amerikanischen Denker. Was sagt Imam Al-Ghazali? Er sagt, dass dort, wo die Sonne aufgeht, die Sterne erlöschen. Sie erlöschen, wie wir wissen nicht wörtlich. Ihr Licht geht im Lichte der Sonne auf. Wenn jemand einen Gedanken äußert, der Wahrheit enthält, der Schönheit enthält, dann fühlt sich jeder Mensch ­angesprochen, wenn er denn Zugang zu seiner wahren Natur hat.

Schaikh Mevlana Rumi sagt, die Liebe komme nicht von außen in den Menschen. Vielmehr müssen wir Menschen die Barrieren in uns beseitigen, um zur Liebe vorzudringen. Wer nun ein unnatürliches Leben führt – und alles, was gegen die Natur ist, habe, so Charles Darwin, keinen Bestand – wer also ein der menschlichen Natur widersprechendes Leben führt, der kann keine Verbindung zur Liebe aufbauen. Keine Verbindung zur Liebe bedeutet, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, die spirituellen Gesetzmäßigkeiten Gottes anzuerkennen. Und alles besitzt Gesetzmäßigkeiten. Diese zu erkennen ist Sinnen und Trachten der idealistischen Idee. Was sagt unser US-amerikanischer Lehrmeister? „Die Räder und Triebfedern des Menschen funktionieren im Einklang mit der ­Hypothese von der Dauerhaftigkeit der Natur.“

Thomas Carlyle – ja, noch so ein ­monumentaler Name! – befand sich im regen Briefwechsel mit Emerson. Es verwundert nicht, dass sie ähnliche Essays verfassten. In über „Helden und Heldenverehrung“ führt Carlyle Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, als Held auf. Wie es auch bereits Goethe im Diwan tat. Das ist der große Beitrag „der“ Deutschen zum Geiste der Menschheit: Das Gute und Schöne, das sich durch Genies verkündet, aufnehmen, wertschätzen und inspiriert selbst etwas von Bedeutung hervorbringen. Carlyle sagt, dass er den Glauben an absolut alles verlieren würde, wenn Islam durch und durch schlecht sei. Etwas, das so lange Bestand habe, könne nicht gegen Natur und Schönheit verstoßen.

Goethe und Schiller haben die moderne Gesellschaft und ihre Menschen demaskiert. Goethe im Wilhelm Meister, wie Emerson sagt und ich füge hinzu: Schiller in seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung. Goethe vermochte es, führt Emerson an, die Vielfalt der aufge­kommen Wissenschaften zu ordnen, zu sortieren und das Förderliche für sich zu nutzen. Goethe habe das „Chaos“ erreicht und „wagte sich noch einen Schritt weiter und kam sicher zurück.“ Aus diesem Grund sei Goethe „die Seele des Jahrhunderts“. Was verkündet der von ­Carlyle und Emerson als Genie verehrte Goethe:

„Jenes philosophische System der Mohamedaner ist ein artiger Maßstab, den man an sich und Andere anlegen kann, um zu erfahren, auf welcher Stufe geistiger Tugend man denn eigentlich stehe.“ Goethe fährt fort, indem er ausspricht, das er während seiner Beschäftigung mit muslimischen Lehren auf Wahrheit und Schönheit traf: „(…) im Grunde liegt von diesem Glauben doch etwas in uns allen, auch ohne dass es uns gelehrt worden. (…) Sie sehen, dass dieser Lehre nichts fehlt und dass wir mit allen unsern Systemen nicht weiter sind und dass überhaupt niemand weiter gelangen kann.“

Emerson las Goethe fleißig! Aus diesem Grund vielleicht zitiert er ‘Umar ibn Al-Khattab, den zweiten Kalifen und aus diesem Grund spricht Carlyle, der im direkten Briefkontakt mit Goethe stand, verehrungswürdig von Ali ibn Abu Talib. Sie besaßen Genie.

Genie drückt sich unterschiedlich aus. Der eine ist es auf dem Schlachtfeld wie Napoleon würde Emerson sagen, oder Fatih Sultan Mehmet, würde ich sagen. Der andere ist es als Dichter wie Shakespeare oder Hafis Schirasi, diesen würde Goethe anführen. Und Muhammed, so Goethe, war das Genie als Prophet!

Was bedeutet all das für uns heute? Durch die Machtergreifung der Nazis wurde der deutsche Geist entstellt und in den Schmutz gezogen. Goethe, Schiller, Hölderlin – sie alle wurden missbraucht und verzerrt. So wie bestialische Terroristen heute den Qur’an individuell missdeuten, taten es die Nazis mit ­Hölderlin! Ja, mit Nietzsche und sogar Schiller… ABER es gibt Wahrheit und Schönheit. Deshalb sind Denker wie Schaikh Rumi nötig, um keine individu­ellen Deutungen der großen Gedanken und des Qur’an zuzulassen.

Was sagt Schaikh Rumi? „Du hast das jungfräuliche Wort interpretiert; interpretiere dich selbst, nicht das Buch. Du interpretierst den Koran nach deiner ­Begierde; durch dich wird die erhabene Bedeutung erniedrigt und pervertiert.“ Das ist Idealismus, das ist Gesetzmäßigkeit: Das Individuelle, das heißt das roman­tische Element, muss seine Grenzen kennen. Wenn es das nicht tut, artet es in Bestialität aus. Dies tut es momentan. Im Abendland und im Morgenland. Das Ideale, das heißt das klassische Element, die Gesetzmäßigkeit des Schönen und Wahren, muss Einzug in die Gedanken halten. Das Große muss anerkannt werden. Ganz gleich woher es kommt. Das machte US-Amerika so groß! Sie nahmen das Gute auf, von wo es auch kam! Um Deutschland zu echter und nicht entarteter Größe zu verhelfen, ­müssen wir eben dies tun. Dazu mehr in der nächsten Ausgabe.

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Ahmet Aydin

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