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Suizid hat viele Gesichter

Männlich und weiblich, jung und alt: Alle 40 Sekunden tötet sich ein Mensch

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Foto: kirisa99, Freepik.com

Fast jeder weiß von einem Menschen, der sich das Leben genommen oder es versucht hat. Oft wird das Thema tabuisiert. Von Anna Fries

Bonn (KNA) Alle 40 Sekunden nimmt sich weltweit ein Mensch das Leben. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Suizid damit zu den größten Herausforderungen der Gegenwart. In Deutschland sterben jährlich rund 10.000 Menschen durch Suizid – etwa doppelt so viele wie durch Verkehrsunfälle, HIV/Aids oder Drogen zusammen. Mit Verzweiflung und Einsamkeit verbundene Lebenskrisen, psychische Krankheiten oder Leid können Suizidgedanken fördern.

Ganz oben in der Risikoliste stehen laut Deutscher Gesellschaft für Suizidprävention Männer, Senioren und junge Frauen mit Migrationshintergrund. Rund 70 Prozent der Selbsttötungen werden hierzulande von Männern ausgeführt. Das durchschnittliche Alter eines Suizid-Toten liegt bei 57 Jahren.

Die beiden großen Kirchen wollten sich bei ihrer traditionellen „Woche für das Leben“ in diesem Jahr mit dem Thema Suizid befassen. Die Aktionswoche vom 4. bis 11. Mai steht unter dem Leitwort „Leben schützen. Menschen begleiten. Suizide verhindern“. Sie will Beratungsangebote bekannter machen und die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Denn nach wie vor sind Suizide ein Tabu-Thema. Das zeigt sich schon an der Sprache: Der Begriff Suizid ist ein recht modernes Wort, ein Fachbegriff, der möglichst frei von Wertungen sein soll.

Denn im deutschen Sprachraum wurde lange abwertend von „Selbstmord“ gesprochen. Martin Luther prägte den Begriff im 16. Jahrhundert als „sein selbs mörder“. Bis heute wird das Wort genutzt – obwohl es die Tat kriminalisiert. Problematisch ist auch der verharmlosend wirkende Begriff Freitod. Er suggeriert, dass ein Mensch willentlich und bewusst den Tod wählt. Aus Sicht von Experten trifft das aber nur selten zu.

In vielen Gesellschaften ist Selbsttötung bis heute ein Tabu – auch begünstig durch moralisch-religiöse Bewertungen. Christentum, Judentum und Islam sehen das Leben als gottgegeben an, das von einem Menschen nicht vorzeitig beendet werden sollte. Bis ins 20. Jahrhundert konnte Suizidanten daher eine christliche Bestattung verweigert werden. Kirchenvater Augustinus (354-430) bezog das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ auch auf das eigene Leben. Suizid galt lange als schwere Sünde. Heute sehen die Kirchen das anders.

Der Islam verbietet laut Zentralrat der Muslime „jede Form der Verletzung oder Tötung des eigenen Lebens ohne Ausnahme“. Trotzdem können auch Muslime nach einer Selbsttötung religiös bestattet werden. Das Judentum sieht bei grundsätzlicher Ablehnung des Suizids Ausnahmen: Wenn eine Selbsttötung den Tod eines anderen, Götzendienst oder Inzest verhindert, gilt sie zumindest als nachvollziehbar. Ein Beispiel ist der Massensuizid von Juden auf der Festung Masada, die 74 nach Christus der römischen Gefangenschaft entkommen wollten.

Literatur und Kunst arbeiten sich immer wieder an dem Thema ab. Goethe wurde nach Veröffentlichung des Romans „Die Leiden des jungen Werther“ 1774 vorgeworfen, Selbsttötung zu verherrlichen – dabei hatte der Schriftsteller in dem Briefroman vor allem das Thema Melancholie durchgespielt. Ob der Suizid der Hauptfigur eine Welle von Nachahmungstaten auslöste, ist inzwischen umstritten. Der Begriff „Werther-Effekt“ hält sich dennoch hartnäckig: Er bezeichnet den vermuteten Zusammenhang zwischen Berichterstattung über Suizide und einer steigenden Zahl von Selbsttötungen in der Folge.

Gesprächs- und Hilfsangebote sollen heute dazu beitragen, Menschen von Suizidgedanken abzubringen. Eines der bekanntesten ist die ökumenisch getragene Telefonseelsorge. Sie entstand vor rund 60 Jahren. Als Initiator gilt ein anglikanischer Pfarrer, der 1953 in der Zeitung „Times“ seine Telefonnummer angab und aufforderte: „Ehe Sie einen Suizidversuch unternehmen, rufen Sie mich an!“

Rechtlich ist Selbsttötung in Deutschland dann problematisch, wenn sich Dritte an einem Suizid beteiligen. Derzeit berät das Bundesverfassungsgericht über das 2015 verabschiedete Gesetz, das geschäftsmäßige Suizidbeihilfe verbietet. Diskutiert wird in diesem Kontext auch, inwiefern sich ein Mensch freiverantwortlich für den eigenen Tod entscheiden kann – und ob es etwas wie ein Recht auf Suizid geben kann.

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Sulaiman Wilms

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