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Sulaiman Wilms bekennt, keine Ahnung von Fußball zu haben, hat aber doch seine Lehren aus dem Spektakel gezogen

Vom Fußball und der Wirklichkeit

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(iz). Hiermit bekenne ich, was eh schon alle wissen: Ich habe keine Ahnung von Fußball. Mein ­Interesse daran verschwand schlagartig, als ­Gladbach in den 80er Jahren zwei Mal im ­Pokalfinale scheiterte. Trotzdem lässt sich einiges von der EM lernen. Zuallererst, dass es Großereignisse braucht, um überhaupt noch überpersönliche Erfahrungswelten zu erschaffen. „Religion“ oder „Kultur“ können das in ­Europas längst nicht mehr leisten.

Auch heute noch im postnationalen Zeitalter werden Großereignisse vereinnahmt. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich beim wichtigen Vorrundenspiel gegen die Österreicher blicken und Außenminister Steinmeier, der angeblich kein Gegenkandidat zum angeschlagenen Kurt Beck sein will, benutzte bei einer Sitzung der niedersächsischen SPD Fußballmetaphern. Der US-Politologe Markovits meinte im einem „taz“-Interview über das Verhältnis des Massensports zum Nationalismus: „Der alte Nationalismus ist viel zu stark, als dass er so leicht auszuhebeln wäre.“

Auch bei der deutschen Mannschaft hat die „Integration“ noch keinen Einzug gehalten. Von den namentlichen Teil-Ausnahmen ­Podolski, Klose und dem unglücklichen Odonkor ab­gesehen, sieht es beim Bundesteam dünn aus. ­Anders als in Frankreich oder den Nieder­landen haben Türken oder Marokkaner keine wich­tigen Positionen. Die „Zeit“ wertete den Sach­verhalt nüchtern-kritisch: „Auffällig ist allerdings, dass kein einziger Deutschtürke für die deutsche ­Nationalmannschaft spielt. Das ist kein ­Zufall. Eine Reihe von begnadeten, in Deutschland ­aufgewachsenen Fußballern, ­etwa die Altintop-Brüder, ziehen es vor, für die Türkei anzugreifen.“

Und die hiesigen Muslime, in ihrer absoluten Mehrheit Türken, wo stehen sie? Anlässlich der türkischen Siege feiert der türkische Patriotismus jenseits akzeptabler Lärmgrenzen fröhlich Auferstehung. Dabei sollte es auch für Muslime befremdlich sein, wenn Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben, für „ihre“ Mannschaft brülllen, und diese aus Istanbul und nicht aus hiesigen Breiten kommt. Der Riesenverband DITIB, ansonsten eher still, wenn keine „türkischen“ Belange betroffen sind, sah sich genötigt, in einer Pressemitteilung „Freundschaft, Brüderlichkeit und einen positiven Sportsgeist“ für das deutsch-türkische Halbfinale zu fordern.

Gerade die klugen Köpfe Europas haben bereits vor Jahrzehnten erkannt, dass es ein relativ ­barbarisches Unterfangen ist, hinter einer Fahne her zu rennen. Es wäre schön, wenn die Muslime Deutschlands dieser Erkenntnis folgen würden. Fußball mag schön sein, aber er ist eben nur eine „Nebensache“.

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Sulaiman Wilms

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