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Summer School zum Thema „Islamische Mystik und Imām Rabbānī“ in Istanbul und Bursa. Ein Bericht von Souheil Thabti und Fatih Mert

Reise zur Wiege des Osmanischen Reichs

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(iz). Unter dem Titel „Islamische Mystik und Imām Rabbānī“ fand in den Zentren des Osmanischen Reichs (1299-1922) eine Summer School zum 450. Geburtsjahr des indischen Gelehrten Aḥmad as-Sirhindī, auch bekannt unter dem Namen Imām Rabbānī, statt. Es heißt, dass in diesen Breitengraden der sufische Islam zuhause ist. Und in der Tat, dieses konnten die Teilnehmer alle verspüren. Die Moscheen mit ihren anmutenden Minaretten, Kuppeln und kunstreichen Verzierungen im Inneren, die Straßen mit ihren gastfreundlichen und zuvorkommenden herzlichen Menschen, die historischen Plätze, die die Atmosphäre vergangener Zeiten noch heute am Leben erhalten und Geschichten jedem Besucher immer wieder neu erzählen, standen in einem perfekten und harmonischen Zusammenspiel mit dem Thema der Summerschool und ergänzten so den wissenschaftlichen Teil mit Spiritualität und tiefgreifender Inspiration. Es war eine Reise in die Vergangenheit, die – wie es schien – nicht vergangen war und den Teilnehmern genug Anregung für die Zukunft bot.

Veranstaltet wurde die Summer School vom Osnabrücker Institut für Islamische Theologie (IIT) in Kooperation mit den Theologischen Fakultäten der Marmara-Universtät, Istanbul-Universität, Fatih-Sultan-Mehmet-Stiftungs-Universität in Istanbul sowie der Uludağ- Universität in Bursa. Zahlreiche Vorträge und Programmpunkte waren mit der Summer School, die sich vom 14.-21. April 2014 ereignete, verbunden.

In Istanbul fanden die Vorträge am Institut der Allianz der Zivilisationen an der Fatih-Sultan Mehmet-Stiftungs-Universität statt, in dem sich einst ein Mawlawiyya-Orden befand. Nach dem morgigen Frühstück ging es also für die Professoren, Postdocs, wissenschaftlichen Mitarbeiter und Studenten zum Auftakt der Konferenz. Namhafte Persönlichkeiten wie Prof. Dr. Raşit Küçük, Vorsitzender des höchsten Rates für religiöse Angelegenheiten der Diyanet, Prof. Dr. Ahmet Turan Arslan, Dekan der Fakultät für Islamische Wissenschaften der Fatih-Sultan-Mehmet-Stiftungs-Universität, Prof. Dr. Ali Köse, Dekan der Theologischen Fakultät der Marmara-Universität sowie Prof. Dr. Bülent Uçar, Direktor des IIT Osnabrück schmückten mit ihren Grußreden den Auftakt der Summer School.

In der anschließenden Eröffnungskonferenz von Dr. Merdan Güneş ging es um die Frage nach der sufischen Lehre Imām Rabbānīs. Güneş betonte, dass die wichtigste Botschaft Imām Rabbānīs in Bezug auf den Tasawwuf darin bestand, eine Rückbesinnung auf den Koran und die Sunna herbeizuführen, wobei Tasawwuf und Scharia für ihn eine untrennbare Einheit bildeten. Er habe sich damit deutlichst gegen die synkretistischen Lehren des Akbar Šāh und jener Sufis, die vom prophetischen Verständnis des Islams abgerückt waren, positioniert. Sein großartiger Einsatz gegen solche synkretistischen Tendenzen hätte ihm schließlich den Titel „Muğaddid alf aṯ-ṯānī“ (Erneuerer des zweiten Jahrtausends) eingebracht. Die Botschaft Imām Rabbānīs habe bis heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren und seine Wirkung sei in der gesamten islamischen Geographie noch immer spürbar.

Nach der Eröffnungskonferenz kam im ersten Panel, das von Prof. Dr. Abdurrahim Kozalı (IIT Osnabrück) moderiert wurde, zunächst Prof. Dr. Tahsin Görgün, Professor an der 29 Mayıs-Universität, zu Wort. In seinem philosophisch sehr anspruchsvollen Vortrag über „Die Stellung des Taṣawwuf aus der Perspektive der Marātib al-wuǧūd“ stellte Görgün die vier Seins-Ebenen in der islamischen Tradition dar. Dementsprechend gäbe es ein Sein in der Wirklichkeit, im Geiste, in der Sprache und in der Schrift. Inwiefern sich die reflexive Auseinandersetzung mit den mystischen Erfahrungen in diesen vier Seins-Ebenen widerspiegeln, war Gegenstand des Vortrages. Assoc. Prof. Dr. Ekrem Demirli von der Universität Istanbul referierte danach über „Waḥdat al-wuǧūd und waḥdat aš-šuhūd“. Es handle sich bei diesen nicht um widersprüchliche Theorien, sondern um Konzepte, die auf verschiedenen Ebenen zu verorten seien. Während „waḥdat al-wuǧūd“ ein theoretisch-philosophisches Konzept sei, soll „waḥdat aš-šuhūd“ das gleiche Prinzip in einer sufischen Sprache darstellen. Imām Rabbānī habe nicht die kompliziertere philosophische Sprache Ibn ʿArabīs gewählt, sondern eine sufische Sprache, um Missverständnisse zu vermeiden und dieses an sich schlüssige Konzept auch den Sufis plausibel zu machen.

Prof. Dr. Necdet Tosun (Marmara Universität) hingegen sprach zum Abschluss des ersten Panels über die „Sufische Erziehung in der Naqšbandiyya“, welche durch intiṣāb, d.h. durch das Annehmen eines vollkommenen Wegweisers (muršid) beginne. Eines der wichtigsten Bestandteile sufischer Erziehung sei das anfangs mündliche und alsdann innerliche Gedenken Gottes (ḏikr), wodurch stufenweise eine völlige Achtsamkeit und Ausrichtung des ganzen Wesens mit all seinen innerlichen Wahrnehmungsorganen (latāʾif) auf den wahren Geliebten herbeigeführt werden solle. Von elementarer Bedeutung auf diesem Weg seien auch Praktiken wie die Lehrunterweisung zwischen Meister und Schüler (suḥba) sowie die täglich zu erbringenden spirituellen Übungen (awrād). Die Naqšbandiyya sei u.a. auch geprägt von dem Prinzip „Zurückgezogenheit in der Menschenmenge“ (ḫalwat dar anǧuman), wonach man innerlich mit Gott, äußerlich aber mitten unter den Menschen lebt und versucht, ihnen von Nutzen zu sein. Dagegen gehörten Singen, Tanzen oder wenig Essen zu den selten anzutreffenden Sufi-Ritualen und Erziehungsmethoden der Naqšīs.

Im zweiten Panel trugen unter der Leitung von Prof. Dr. Hüseyin İlker Çınar (IIT Osnabrück) Hakkı Arslan, Dr. Martin Kellner und Esnaf Begic vor. Arslan, Postdoc am IIT, betonte in seinem Vortrag „Imām Rabbānī – Leben und Werk im Kontext des Mogulreiches“ die Bedeutung des historischen Kontextes für wissenschaftliche Forschungen zu Imām Rabbānī und zeigte die gesellschaftspolitischen Hintergründe im damaligen Mogulreich, die sein Leben und Wirken prägten. Arslan zufolge bestehe die eigentliche Leistung Imām Rabbānīs nicht in der Widerlegung Akbar Šahs Versuch einer Einheitsreligion (Dīn ilāhī), die auch ohne Imām Rabbānī keinen Erfolg gehabt hätte. Vielmehr ist die wahre Leistung Imām Rabbānīs darin zu sehen, dass er mittels seiner Schüler und Gefolgsleute, die im gesamten Mogulreich verteilt waren, über einen längeren Zeitraum von mehreren Generationen sukzessive die indischen Muslime religiös aufgeklärt und damit zur Festigung eines authentischen Islamverständnisses in Indien beigetragen hat.

Dr. Kellner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IIT, ging in seinem Vortrag „Taǧdīd-Bewegungen zwischen Tradition (taqlīd) und Erneuerung (ibtidāʿ)“ auf den Begriff des Muǧaddid ein, der eng mit Imām Rabbānī verbunden ist. Der Begriff bedeutet „Erneuerer“ und weist auf Grundfragen von Tradition, Reform und Wiederbelebung des authentischen Islam. Der Begriff Muǧaddid – welcher als Ehrentitel von Schülern, Gefolgsleuten und Folgegenerationen gegeben wird – wurde im Vortrag etymologisch untersucht, der Taǧdīd-Begriff quellenhermeneutisch analysiert und schließlich wurden die bekanntesten Taǧdīd-Bewegungen historisch verortet. Als durchgängiges Motiv sämtlicher Muǧaddid-Bewegungen kann der Anspruch der Zurückweisung von bidʿah gesehen werden, wobei aber im historischen Kontext – besonders in den letzten drei Jahrhunderten – höchst unterschiedliche Definitionen dieser Versuche bemerkbar sind. Es zeigte sich, dass die Zuschreibung des Titels Muǧaddid einen wichtigen ideologischen Marker innerhalb unterschiedlicher religiöser Strömungen – besonders im Diskurs islamischer Reformbewegungen – darstellt.

Zur Naqšibandiyya in Bosnien referierte Esnaf Begic, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter am IIT, und schloss damit das zweite Panel an diesem Tag ab. Er behandelte ausgehend vom historischen Ansatz zunächst allgemein die Rolle des Sufismus bei der Verbreitung des Islam vor und nach der Eroberung des Balkans durch das Osmanische Reich und speziell die Prägung durch die Naqšibandiyya-Orden in Bosnien, als die wichtigsten Träger und Akteure dieses Prozesses. Sie waren nicht nur für die Verbreitung des Islam maßgeblich verantwortlich, sondern nahmen darüber hinaus die Wächterrolle der traditionellen, sunnitischen Lehre, die im Osmanischen Reich Staatsreligion war. Somit trugen sie auch zur Verfestigung der Verwaltungs- und Administrationsstrukturen des Osmanisches Reiches bei, profitierten aber auch selbst davon, da diese Haltung und die Lehrinhalte, welche sie vertraten, ihrer Verbreitung wesentlich verhalf. Diese zwei Aspekte ihres Wirkens in Bosnien sind laut Begic bis heute wahrnehmbar und offensichtlich wesentliche Gründe für das Überleben der Naqšibandiyya in der Gegend bis in die heutige Zeit. Daneben gab es Sufi-Orden, die in ihren Lehren Merkmale oder Inhalte des Synkretismus und Heterodoxie enthielten, die es jedoch nicht geschafft haben, sich in der bosnischen Gesellschaft zu behaupten. Charakteristisch hierfür waren die Orden der Baktāšiyya und Hamzawiyya, die nur zeitweise und vor allem in ruralen Gegenden, fern ab der gebildeten Bevölkerungsschichten und Zentren der Gelehrsamkeit in Erscheinung traten.

Am zweiten Tag stand eine Istanbul-Stadttour, die mit dem Morgengebet in der Eyüp-Sultan-Moschee begann und auf dem Çamlıca-Hügel mit einem wunderschönen Blick auf die Stadt Istanbul endete, auf dem Plan. Der Friedhofshügel, die Ayasofya- und Sultan-Ahmet-Moschee sowie eine Bosporus-Tour waren nur einige Stationen dieser Stadttour.

Am folgenden Tag startete Elhakam Sukhni, wissenschaftlicher Mitarbeiter des IIT, mit seinem Vortrag „Die Rolle des Taṣawwuf bei Ibn Taimiyya“ unter der Leitung von Coşkun Sağlam das dritte Panel. Sukhni machte deutlich, dass Ibn Taimiyya (gest. 1328), dessen Name mit sufismusfeindlichen salafitisch-wahabbitischen Strömungen assoziiert wird, zwar ein Kritiker einiger Praktiken war, den Sufismus jedoch nicht gänzlich ablehnte. Besonders der historische Kontext, der während des Vortrags ausführlich dargestellt wurde, verdeutlichte, dass Ibn Taimiyya aufgrund der Bedrohung durch die Mongolen und des regen Kontakts zu fremden Philosophien eine strenge Haltung gegenüber diesen äußeren Einflüssen auf sufische Praktiken einnahm, welche ihm zufolge mit dem Koran und der Sunna des Propheten nicht vereinbar waren. Die Vorstellung von „waḥdat al-wuǧūd“ kritisierte Ibn Taimiyya scharf und stellte sie mit dem Pantheismus gleich. Er lehnte Gräberkulte sowie das Tanzen und Singen als Formen des Gottesdienstes ab. Gleichzeitig lobt er bekannte sufische Gelehrte wie etwa ʿAbd al-Qādir al-Ǧīlānī, zu dessen wichtigem Werk „Futūḥ al-ġaib“ er sogar einen Kommentar schrieb.

Murat Karacan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IIT, schloss mit seinem Vortrag „Briefe an die staatliche Verwaltung in Imām Rabbānīs Maktūbāt“ an. Muslimische Gelehrte sahen laut Karacan neben der religiösen Belehrung (waʿẓ) der Gesellschaft auch das Belehren der Staatsoberhäupter als eine wichtige Aufgabe, der sich Imām Rabbānī in seinem Werk Maktūbāt verschrieb. Gemäß der herrschenden Meinung ist die Berufung eines Staatsoberhaupts bzw. einer Regierung eine Pflichtaufgabe der muslimischen Gesellschaft. Die hauptsächliche Aufgabe, des Staatsoberhaupts (Imām, Kalif, Sultan etc.) bestand darin, das islamische Recht durchzusetzen. Die religiöse Belehrung des Staatsoberhaupts galt unter den Gelehrten daher als unentbehrlich. Diese Art von Belehrung erfolgte entweder verbal oder schriftlich. Auch Imām Rabbānī schrieb als Gelehrter in seinem Monumentalwerk „Maktūbāt“ Briefe an die staatliche Verwaltung. Auch wenn der größere Teil dieser Briefe eine rituelle religiöse Belehrung des individuellen Gläubigen (also auch des Herrschers) beinhalten, akzentuiert der Rest die oben genannte Hauptaufgabe des Staatsoberhaupts beziehungsweise der Regierung.

Den letzten Vortrag hielt Gary Lee Edwards, ein Sufi-Meister aus den USA, der die Naqšibandiyya-Ṭarīqah in der Türkei lernte. Seine Rede richtete sich an die Herzen der Zuhörer und war spiritueller Natur.

Unter der Moderation von Assoc. Prof. Dr. Semih Ceyhan (Marmara Universität) wurde das vierte Panel im sogenannten Meydān der berühmten Mewlewīhāne von Yenikapı durch den Vortrag „Scharia und Ṭarīqah bei Imām Rabbānī“ von Prof. Dr. Süleyman Derin (Marmara Universität) eröffnet. Dabei betonte Derin, dass es sich bei Ṭarīqah nicht – wie oft angenommen – um den Kern der Scharia bzw. um eine separate und höhere Rangstufe nach der Scharia handele. Scharia und Ṭarīqah bildeten vielmehr ein untrennbares Ganzes, wobei Ṭarīqah nur dazu diene, die aus Wissen (ʿilm), Handeln (ʿamal) und Aufrichtigkeit (iḫlās) bestehende Scharia in allen ihren Bestandteilen in vollkommenster Weise auszuleben. Demnach sei Ṭarīqah nicht dazu da, über die Scharia hinaus Weiteres darzubieten; ihre Aufgabe liege eher darin, den von der Scharia geforderten iḫlās zu vervollkommnen.

Im darauffolgenden Vortrag befasste sich Assoc. Prof. Dr. Ebubekir Sifil (Yalova Universität) mit den „Streitthemen des Taṣawwuf“ und legte dar, auf welcher Grundlage umstrittene Praktiken wie das Denken an den Sheikh (rābiṭa), das Bitten zu Allah durch einen Mittel (tawassul), das Ersuchen von Segen mittels Hinterlassenschaften von Propheten und Gottesfreunden (tabarruk), das Besuchen von Heiligengräbern (ziyārat al-qubur) und das Erbitten von Hilfe bei Propheten und Heiligen (istiġāṯa und istiʿāna) legitimiert werden. Dabei setzte er sich mit den Argumentationen der Kritiker auseinander und betonte, dass der Schöpfer als eigentliche Ursache allen Geschehens niemals außer Betracht gelassen werden dürfe, auch wenn dieser gewisse Wirkungen – wie etwa den Empfang von Segen und Hilfe – von manchen Anlässen und Mitteln abhängig gemacht habe.

Abgeschlossen wurde das vierte Panel durch Assoc. Prof. Dr. Ahmet Cahid Haksever von der Hithit-Universität Çorum mit einem Vortrag zum Thema „Interne Kritik in Imām Rabbānīs Maktūbāt“. Haksever gab dabei die Inhalte jener Briefe Imām Rabbānīs wieder, in denen er Sufis kritisiert, die unter dem Deckmantel der Tarīqah keine Sensibilität im Umgang mit der Scharia zeigen.

Mit der Besichtigung weiterer kultureller und historischer Orte wurde das Programm in Istanbul beendet. Am Folgetag wurden die Teilnehmer der Summer School für den zweiten Teil der Veranstaltung mit einem kulturellen Zwischenstopp in Nicäa (Iznik) nach Bursa befördert. In Bursa – die erste Hauptstadt des Osmanischen Reichs – wurden die Vorträge in einem ehemaligen türkischen Dampfbad (Hamam), das später zu einem Kulturzentrum und Veranstaltungsort umfunktioniert wurde, gehalten. In diesem Hamam, welcher der körperlichen Reinigung diente und als Erholungsort für den Körper verstanden werden kann, steht nunmehr die Seele und ihre Läuterung im Fokus. Im Inneren ist ein von einer Kuppel überdachter weiter Raum, in dem sich die Gäste bei Ney-Melodien ihren Tee genießen oder in einem Nebenraum historische Künste bestaunen können. Im Hörsaal mit den hohen Wänden, der ebenfalls mit einer Kuppel versehen ist, werden Vorträge hauptsächlich zu sufischen Themen gehalten, um so nach den Ney-Melodien, die den Geist in eine spirituelle Ebene versetzt haben, die Ebenen der islamischen Mystik emporzusteigen.

Auch in Bursa wurden die Teilnehmer der Summer School von namhaften Persönlichkeiten mit Begrüßungsreden empfangen. Darunter befanden sich der Rektor der Uludağ-Universität Prof. Dr. Kamil Dilek, sein Vize Prof. Dr. Ahmet Saim Kılavuz, der Dekan der Theologischen Fakultät der Uludağ-Universität Prof. Dr. Yaşar Aydınlı, der Mufti von Bursa Prof. Dr. Mehmet Emin Ay sowie der Koryphäe des Taṣawwuf in der Türkei Prof. Dr. Süleyman Uludağ.

Im Anschluss bot der Sufismus-Experte Prof. Dr. Mustafa Kara (Uludağ-Universität) eine generelle Einführung in die Kultur des Taṣawwuf. Dabei ging er in einer sehr vereinfachten Weise auf die Definitionen, Themen, Ziele, Institutionen und Erziehungsmethoden des Taṣawwuf ein und verdeutlichte, in welchem Verhältnis diese zueinander stehen. Laut Kara gründet sich die Notwendigkeit des Taṣawwuf vor allem auf der koranischen Forderung, ein reines und gesundes Herz zu erlangen (vgl. Koran 26/88-89).

Das von Assoc. Prof. Dr. Abdullah Kartal (Uludağ-Universität) moderierte fünfte Panel begann mit dem Vortrag „Baktāšīs und Naqšbandīs im späten Osmanischen Reich“ von Assoc. Prof. Dr. Salih Çift (Uludağ Universität Bursa), der zunächst vergleichend die Entstehung beider Orden darstellte. Ihm zufolge stammen beide Richtungen aus der Tradition der Malāmatiya, haben sich aber entsprechend den Bedürfnissen unterschiedlich entwickelt. Während die Naqšīs eher auf die äußerliche religiöse Praxis großen Wert beigemessen haben, bevorzugten die Baktāšīs mehr eine esoterische (bāṭinī) Haltung. Beide seien lange Zeit funktionell mit dem osmanischen Staat verbündet und ebenso wichtige Stützen für ihn gewesen. Mit der Auflösung der Janitscharen im Jahre 1826 sei aber auch der Baktāšī-Orden aufgelöst worden. Nachdem die Republik gegründet wurde und schließlich ein Verbot für alle Orden folgte, hätten sich die Baktāšīs an die gesellschaftliche Situation assimiliert, gewandelt und auf ein Pakt mit dem Regime eingelassen. Die Naqšbandiyya dagegen sei in den Untergrund gegangen und habe auf diese Weise versucht, ihren Prinzipien treu zu bleiben und derart weiter fortzubestehen.

Als nächstes referierte Fatih Mert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IIT, zum Thema „Imām Rabbānī als Exeget und seine Herangehensweise an den Koran“. Dieser habe zwar kein separates Tafsīr-Werk verfasst, aus seinen Werken und insbesondere aus seinem Maktūbāt gehe jedoch hervor, dass er seine Erklärungen zu diversen Themen stets auf den Koran beruhen lässt und seine Ausführungen meistens zum besseren Verständnis von Koranversen dienen. Demnach könne man – wenn auch nur im speziellen Sinne – von einem exegetischen Wirken Imām Rabbānīs sprechen. Anhand mehrerer Beispiele zeigte Mert in seinem Vortrag auf, wie Imām Rabbānī einzelne Koranverse durch Überlieferungen (riwāya), vernunftgeleitete Eigenbemühung (dirāya) und esoterische Zeichen (išāra) auslegte. Als ein großer Mystiker und Sufi-Meister habe er aber vorwiegend die mystische Auslegungsmethode angewandt und seinen Schwerpunkt auf jene Koranpassagen gelegt, die einen Bezug zum Taṣawwuf haben. Dabei sei Imām Rabbānī ausgehend von seinem Verständnis der Koranverse 56/77-79 der Überzeugung, dass die tiefen, verborgenen Bedeutungen des Korans nur von denjenigen aufgespürt werden können, die ihr Herz von spirituellen Krankheiten gereinigt und von jeglichen weltlichen Bindungen befreit haben.

Abgeschlossen wurde das fünfte Panel durch einen Vortrag zum Thema „The Naqšbandī Culture in Bursa“ von Assoc. Prof. Dr. Abdürrezzak Tek von der Uludağ-Universität Bursa. In seiner Ansprache stellte Tek die sehr starke Verbreitung des Ordens ab dem 16. Jh. in der Stadt dar und betonte, dass die damaligen Ordenshäuser (Tekkes) Orte gewesen waren, in denen sowohl Spiritualität als auch Wissenschaft betrieben und geboten wurden; fast jede Tekke habe auch eine Bibliothek enthalten. Im sechsten Panel referierten Bacem Dziri und Bilal Erkin unter der Moderation von Dr. Veysel Kaya. Der Doktorand am IIT Dziri legte den Zusammenhang zwischen der Anerkennung des Taǧdīd und der geglückten Syntheseleistung dar und zeigte anhand der von Ahmad Sirhindī und Šāh Waliyyullāh ad-Dihlawī erfolgten Syntheseversuche die Kontroversen ihrer jeweiligen Zeit auf. Im Vergleich der beiden Muǧaddidūn, die fast ein Jahrhundert trennt, zeigte Dziri u.a., dass Aḥmad as-Sirhindīs Synthese-Versuch darin lag, das mit Ibn ʿArabī zusammenhängende Seinsverständnis mit der orthodoxen Lehre der Sunna zu versöhnen, während Šāh Waliyyullāh darauf bedacht war, das mystisch geprägte Seinsverständnis und damit auch Sirhindī selbst, mit der Hadith-Wissenschaft in Einklang zu bringen.

Bilal Erkin, ebenfalls Doktorand am IIT, referierte über das Thema „Koran und Islamische Mystik. Tafsīr išārī und die Zugänge zur inneren Bedeutung des göttlichen Worts“. In seinem Vortrag ging es um eine thematische Einführung in die mystische Koranexegese, in der er die historische Entwicklung, die theologische Legitimation und Formen der mystischen Koranauslegung behandelte. Anhand von Beispielen wurde den Zuhörern deutlich, dass sich die Auslegungsmethode der Mystiker stark von den üblichen Methoden tafsīr bi r-riwāya (Auslegung durch Überlieferung) und tafsīr bi d-dirāya (Auslegung durch Eigenbemühung) unterscheidet.

Mit einem Studentenpanel endete der wissenschaftliche Teil der Summer School. Am letzten Tag ging es schließlich auf eine spirituelle Wanderung hoch auf den Berg Uludağ, um ein letztes Mal, bevor es wieder in den Alltag geht, Energie zu tanken. Der Ausblick war atemberaubend, die Bergluft wohltuend und die Natur zog einen mit ihrer Schönheit in ihren Bann. Es war eine schöne Zeit, die man bereits im Flieger Richtung Heimat vermisst hat.

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