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„Symptom unserer historischen Ignoranz“

„IZ-Begegnung“ mit dem indischen Autoren und Denker Pankaj Mishra über sein wichtiges Buch „Zeitalter des Zorns“

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Foto: Pankaj Mishra

Nichts von der Gewalt und Zerstörung, die wir momentan in aller Welt erleben, ist neu. Vielmehr trat sie bisher wiederholt in der Geschichte auf. Das ist die Meinung von Pankaj Mishra, dem indischen Autor, Denker und Zeitkritiker. Vor Kurzem erregte er mit „Das Zeitalter des Zorns“ Aufsehen für seine mutige und wegweisende Analyse der Gegenwart.

Islamische Zeitung: Einer der Kernpunkte in Ihrem jüngsten Buch („Das Zeitalter des Zorns“) ist, dass viele Aspekte der heutigen Gewalt mit der Vehemenz verbunden sind, die sich im 19. Jahrhundert in Europa ereignete. Warum ist das so?

Pankaj Mishra: Ich denke, dass sich das Buch im Wesentlichen von den törichten Argumenten fern hält, die wir immer wieder gehört haben. Demnach seien soziale oder wirtschaftliche Probleme, religiöser Fundamentalismus oder Militanz alle mit der Kultur und Religion eines Landes verbunden. Das haben wir in so vielen Analysen aus Westeuropa und den Vereinigten Staaten gehört.

Ich versuche zu zeigen, dass Krisen wie die, welche wir heute erleben, Teil einer sehr langen Geschichte sind. Diese ­Probleme haben nur wenig mit Religion, Tradition oder Philosophie zu tun. Eher sind sie mit unseren politischen und ­ökonomischen Strukturen verbunden; ob Nationalstaat oder industrieller ­Kapitalismus.

Letzterer ist ein ausbeuterischer und zerstörerischer Prozess. Und wir konnten die Folgen dieser Institutionen und Ideologien in einem Land nach dem anderen beobachten. Ein „Zeitalter des Zorns“ hat in beinahe jedem Land begonnen. Daher müssen wir versuchen, unsere analytischen Bezugssysteme zu erweitern. Diese waren bisher unglaublich verengt und führten bei vielen gegenwärtigen Problemen zu sehr dummen und widersinnigen Schlussfolgerungen.

Islamische Zeitung: Sie sagen, dass muslimischer Fundamentalismus auf eine gewisse Weise Erbe früherer ­europäischer Revolten ist und dass ­viele dieser Fundamentalisten auf ge­genwärtige Bedingungen antworten. Viele Europäer würden fragen, warum diese Extremisten mit „uns“ verbunden sind. Was würden Sie darauf ­entgegnen?

Pankaj Mishra: Ich würde ihnen antworten, dass ein Blick auf die eigene Geschichte vergleichbaren Fundamentalismus, Militanz und Terroristen offenbart. Diese Leute reagierten ähnlich auf Verlusterfahrungen, die Verweigerung von Rechen, Ungerechtigkeit, Besetzung und Imperialismus.

Wir können das in der Geschichte häufig beobachten. Europa sollte viele dieser jungen Leute, die sich für Gewalt entscheiden, als Teil einer längeren Tradition der Gewalt und Zergliederung in Europa begreifen. Stattdessen wird Islam oder eine besondere Region der Welt dafür verantwortlich gemacht. Es ist falsch zu sagen, „die Leute kommen mit ihren Problemen zu uns“. Diese Probleme spielen eine zentrale Rolle für die moderne Welt – seit ihrem eigentlichen Beginn. Das ist der richtige Weg, diese Probleme zu verstehen.

Andernfalls endet man bei irgendwelchen Diagnosen, die das Problem nur verschlimmern. Eine der entstehenden Schlussfolgerungen ist, dass die Leute zu glauben beginnen, Islam müsse reformiert werden. Dieser albernen Idee zufolge müsse die gesamte Religion des Islam umgestaltet werden und Muslime in die moderne Zeit gebracht werden. Ungeachtet dieser Albernheit unterstützen viele Gruppen – und sogar Regierungen – diese Vorstellung.

Islamische Zeitung: Warum sind solche Ansätze immer noch so beliebt? Wieso glauben so viele Leute immer an die Hypothese eines „Zusammenpralls der Kulturen“?

Pankaj Mishra: Die zynische Deutung davon lautet, dass es denjenigen nutzt, die an der Macht sind. Es gibt einen ganzen intellektuell-industriellen Komplex, der sich der Formulierung solcher Analysen widmet. Er ist sehr gut finanziert. Es gibt ein enormes Netzwerk rechtsgerichteter Organisationen, welche diejenigen finanzieren, die entlang dieser Linien denken und solche Positionen haben.

Ein gewisser Teil dieser Analysen ist die Folge echter Ignoranz. Und diesen will ich ansprechen. Betrachten wir Geschichte auf diese Weise, wie ich es tue, dann verstehen wir viel von den heutigen Problemen.

Islamische Zeitung: Sie schreiben, dass Gewalt eine „männliche Berufung“ sei.  Blicken wir auf heutige Ereignisse und sehen Figuren wie Trump, Erdogan, Putin, Modi oder führende Gestalten auf Seiten von extremis­tischen Gruppen wie IS/Daesh oder der rechtsgerichteten Bewegung, dann sind alle männlich. Ist das ein Problem der Männer?

Pankaj Mishra: Seit Beginn der Moderne erleben wir eine Krise der Männlichkeit. Viele Männer haben ein Gefühl von Unzulänglichkeit. Sie erfahren ein Scheitern bei jenen Zielen, die ihnen vorgegeben werden. Diese Männer wollen von starken Figuren wie Modi, Trump oder Erdogan repräsentiert werden und, dass diese alles kontrollieren. Aus einem Gefühl der Enttäuschung wenden viele im Wesentlichen ihren Ärger, ihre Wut und Frustration den schwächsten Personen in ihrer Umgebung zu. Und Frauen werden offenkundig zu einer Zielgruppe dieser Emotionen.

Daher können wir einen enormen Zuwachs von Frauenfeindlichkeit beobachten. Diese Männer fühlen sich erheblich durch Frauenrechte bedroht, dass sie ihnen die Arbeit wegnähmen und wie sie den öffentlichen Raum besetzten. Ähnlich reagieren sie auf den Aufstieg von Minderheiten in der Gesellschaft und bei öffentlichen Posten – und das, obwohl diese Gruppen immer noch sehr schwächlich vertreten sind. Selbst das kleinste Zeichen eines Erfolges – überall auf der Welt – ist für diese Männer ausreichender Auslöser für Zorn.

Islamische Zeitung: Ihrer Ansicht nach seien die „Globalisierungsverlierer“ wütend und fühlten sich enttäuscht. In Deutschland und Österreich konnten wir die Erfolge rechtsextremer Parteien beobachten. Sie behaupten, die Armen der Arbeiterklasse seien ihre Wähler. Sehen Sie hier einen Zusammenhang?

Pankaj Mishra: Politische Fehlfunktion ist ein sehr wichtiger Teil dieses Problems. Wenn die Parteien des politischen Mainstreams es – in jeder gegebenen Gesellschaft – nicht schaffen, die Abgehängten zu vertreten, dann wird eine andere politische Formation ihre Repräsentation zu übernehmen versuchen. Das geschieht beispielsweise in Deutschland, wo die Sozialdemokraten und die Konservativen den Anteil der Bevölkerung vernachlässigen, der sich seit Langem ausgegrenzt und unterdrückt fühlt.

Es überrascht nicht, dass dieser Anteil für die AfD stimmt. Diese ist erst in den letzten Jahren aufgestiegen. Ihr Erfolg war im Wesentlichen die Antwort auf ein gefühltes Bedürfnis vieler Deutschen. Diese sind überzeugt, dass sie nicht vom politischen Mainstream vertreten werden.

Das geschieht in ganz Europa. Ich denke, dass Politiker und Parteien ihre Ziele neu formulieren müssen, um diese Wähler anzusprechen. So wie es beispielsweise New Labour in Großbritannien getan hat.

Islamische Zeitung: Glauben Sie, dass die Marginalisierung solcher Menschen auch wachsenden Rassismus, Antisemitismus und steigende Islamophobie in unseren Gesellschaften erklärt?

Pankaj Mishra: Das war immer der Fall. Seit dem späten 19. Jahrhundert, als der Kapitalismus schwächelte und Gesellschaften vor schweren Krisen standen, wurde ein Großteil dieses Zorns gegen Minderheiten wie Juden und Einwanderer kanalisiert. In Europa und den vereinigten Staaten erreichte Gewalt gegen Minderheiten in Krisenzeiten Höchstwerte. Viele, verschiedene Demagogen sagten genau die Dinge, die man heute hören kann: Über die Wiedererlangung von Kontrolle, über den Wiederaufbau der politischen Gemeinschaft und darüber, Leute fernzuhalten, „die nicht hierhin gehören“.

Das Ganze ist nicht neu. Es gab immer rechte und rechtsextreme Formationen, die in dieses Vakuum eindrangen, und aussprachen, was die Leute fühlten. Und, sie schaffen Sündenböcke.

Islamische Zeitung: Sie sagen, dass IS/Deash – eine nihilistisch-militante Organisation im Nahen Osten – mit dem nachrevolutionären Frankreich in Verbindung gebracht werden kann.

Pankaj Mishra: Es wird proble­matisch, wenn Nationalstaaten oder ältere Regime kollabieren. Die Menschen bleiben ohne ein Bezugssystem für ­Bedeutungen zurück. Das ereignete sich in großen Teilen Syriens und des Irak. Hier brach eine ganze Struktur zusammen, die das Leben der Menschen organisierte – unabhängig davon, wie repressiv und brutal diese Strukturen waren. Enorme Menschenmengen wurden dadurch entwurzelt.

Die Vorstellung, dass IS etwas vollkommen Unbekanntes und Neues repräsentieren würde, ist eigentlich eine sehr ahistorische Vorstellung. Das ist keine Darstellung der Wirklichkeit, in der es so viele derartige Schnittstellen der modernen Geschichte gab. Es gab militante, extremistische, sezessionistische Bewegungen von jungen Revolutionären, die sich manchmal einfach auf exhibitionistische Weise in die Luft jagen wollten. Diese Männer konnten an Gewalt als eine ästhetische Erfahrung glauben. Das lässt sich viele Male zuvor sehen.

Hier handelt es sich um ein weiteres Symptom für unsere historische Ignoranz und Naivität, wenn wir zu glauben beginnen, der IS/Daesh sei ein vollkommen beispielloses Ereignis. Oder, wenn wir ihn mit der islamischen Theologie des 12. oder 13. Jahrhunderts in Verbindung zu bringen suchen. Nichts könnte törichter und irreführender sein als solche Versuche.

Pankaj Mishra sprach mit dem freien Journalisten und Autor Emran Feroz. Das Interview erschien zuerst auf Englisch im ­online-Medium „The New Arab“.

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