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Tasawwuf als Weg zur Einheit

Die spirituelle Lehre der Muslime spielt eine Schlüsselrolle im Zusammenhalt ihrer Gemeinschaften. Von Schaikh ‘Abdalhaqq Bewley

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Foto: Shome Basu

(iz). An einem Donnerstagabend vor vielen Jahren nahm ich an ­einer wöchentlichen Versammlung teil, die in der Zawija von Sidi Ali Al-Jamal in Fes stattfand. Nachdem das Treffen sich auslöste, ging ich mit ­einem der alten Schüler von Sidi Muhammad ibn Al-Habib fort. Wir standen auf einer Brücke, welche den Fluss nahe der Zawija überspannte. Er sagte mir zwei Dinge, die sich unauslöschbar in mein Gedächtnis einbrannten.

Das erste war der Satz: „Eintausend Worte von einem Herzen voller Unreinheiten erreichen nichts, aber ein Wort aus einem gereinigten Herzen erreicht tausend Dinge.“ Das zweite war die ­bekannte Aussage: „Wer ausschließlich für Allah handelt, dauert an und bleibt einheitlich. Wer für jemand anderen ­handelt als Allah, wird abgeschnitten und aufgespalten.“

Allah, der Erhabene, spricht in Seinem Edlen Buch über Seinen Gesandten: „Wahrlich, Du hast einen gewaltigen Charakter.“ (Al-Qalam, Sure 68, 4) Und der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte über sich: „Ich wurde nur entsandt, um guten Charakter zu vervollständigen.“

Kehren wir zum Buch Allahs zurück, finden wir in der Sura Al-i-’Imran, dass Allah Seinen Propheten anweist, folgendes zu sagen: „Sprich: ‘Wenn ihr Allah liebt, dann folgt mir. So liebt euch Allah und vergibt euch eure Sünden. Allah ist Allvergebend und Barmherzig.’“ (Al-i-’Imran, Sure 3, 31)

Diese drei Aussagen geben uns zusammengenommen einen Einblick in die spirituelle und politische Auswirkung des menschlichen Verhaltens auf die Gesellschaft als Ganzes – positiv wie negativ. Übersetzt in die heutige Sprache sagen sie uns, dass das menschliche Wesen dasjenige ist, was es tut. Mit anderen Worten, die Art und Weise, wie Menschen sich verhalten, bestimmt, was sie grundlegend sind, und bestimmt die Lebensform und das Schicksal sowohl auf individueller als auch auf sozialer Ebene.

Allah sagt uns in der Sure Al-Anfal: „Dies, weil Allah niemals eine Gunst, die Er einem Volk erwiesen hat, ändert, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist, und weil Allah Allhörend und Allwissend ist.“ (Al-Anfal, Sure 8, 54)

Die Art und Weise der Veränderung bei den Menschen zeigt sich in ihrem Verhalten. Es ist klar, dass, wenn wir die Erzählungen über vergangene Völker in Allahs Buch finden, ihr Niedergang in jedem Fall an einem Fehlverhalten auf ihrer Seite lag. Das nahm verschiedene Formen an: arrogantes Bestehen auf Götzendienst, offenkundiger Ungehorsam gegenüber göttlichen Befehlen, grausame Ungerechtigkeit, sexuelle Abweichung und augenfällige finanzielle Ausbeutung.

In diesem Zusammenhang wird der Zusammenhang zwischen verschiedenen Arten bösartigen Verhaltens und den daraus resultierenden nachteiligen sozialen und politischen Folgen klar in einem Hadith von Ibn ‘Abbas zum Ausdruck gebracht: „Das Stehlen von der Beute taucht nicht bei einem Volk auf, außer dass ihre Herzen von Schrecken erfasst werden. Unzucht breitet sich nicht unter ihnen aus, außer dass es viele Tode unter ihnen gibt. Ein Volk verringert nicht das Maß und Gewicht, außer dass ihre Versorgung abgeschnitten wird. Ein Volk urteilt nicht ohne Recht, außer dass Blut sich unter ihnen ausbreitet. Ein Volk verrät das Versprechen nicht, ohne dass Allah seinen Feinden Macht über sie gibt.“

Der entscheidende Punkt dabei ist, dass unser Verhalten eine direkte Auswirkung hat – ob negativ oder positiv – auf unsere Leben. Allah sagt in einem anderen Vers der Sura Ar-Ra’d etwas, was den Sinn des bisher Gesagten wiedergibt: „Allah ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist.“ (Ar-Ra’d, Sure 13, 11)

Das macht deutlich, dass der Wandel entweder zum Besseren oder Schlechteren sein kann. Und der Vers gibt uns einen Einblick in die wahre Natur menschlichen Verhaltens. Entweder ist es harmonisch mit den zugrunde liegenden Gesetzen der Existenz, dann gefällt es dem Schöpfer des Universums. In dem Fall ist das Ergebnis positiv und nützlich für die menschliche Gesellschaft. Auf der anderen Seite mag es im Widerspruch zu den fundamentalen Gesetzen bestehen und ruft daher Allahs Missfallen hervor. In dem Fall werden die Folgen negativ und schädlich für die Menschen sein, die sie begehen.

Aus diesem Grund ist es notwendig, genau zu verstehen, was eine gute Handlung ausmacht. Wenn wir dies nicht tun, besteht die Gefahr, dass wir uns selbst und die Welt, in der wir leben, zerstören. Im bekannten Lichtvers gibt Allah uns das Gleichnis einer Lampe, in dem Sein Licht durch ein kristallklares Glas scheint, welche das Licht schützt und ihm gleichzeitig das Strahlen nach außen erlaubt. Viele der großen Qur’ankommentatoren haben gesagt, die Lampe sei eine Beschreibung des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Das Licht bezieht sich auf die Rechtleitung, die er von seinem Herren gebracht hat. Das Licht manifestiert sich in seinen Worten und Handlungen, in der Art und Weise, wie er die unzähligen Gegebenheiten handhabte, die seine tägliche Existenz ausmachten.

Schaikh Muhammad ibn Al-Habib erklärt das in einer Qasida (Muhammadun manscha’u): „Denn er ist die höchste Manifestation von Allahs Namen und das perfekte, fehlerfreie Geheimnis der Eigenschaften.“ Mit anderen Worten, das alltägliche Verhalten des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, war nichts als eine perfekte Reflexion von Allahs Attributen – soweit deren Reproduktion im Kontext menschlicher Existenz möglich ist. Das ist der gewaltige Charakter, den Allah Seinem Gesandten im Qur’an zuschreibt. Gleichzeitig ist dies genau die Rechtleitung, die er von seinem Herrn für den Rest der Menschheit aufgetragen bekam.

Die Kernelemente seines Verhaltens sind eindeutig die Säulen, welche das Gebäude des Islam tragen – namentlich die fünf Gebete, Zakat, das Fasten und die Hadsch. Aber es ist auch klar, dass die äußerlichen Handlungen in sich noch nicht ausreichend sind. Wir wissen das aus vielen Qur’anversen und Hadithen des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben.

Aus diesem Grund machten die Juristen die Absicht zum ersten Pflichtelement jeder Handlung. Und viele Hadithgelehrte (arab. muhaddithin) fangen ihre Sammlungen mit dem bekannten Hadith an: „Handlungen sind nur durch die Absicht.“ Mit anderen Worten, die Gültigkeit einer jeden Handlung hängt davon ab, ob sie zum Willen Allahs und Seines Gesandten geschieht, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Ohne sie ist jede Handlung im Wesentlichen wertlos. Und ab diesem Punkt wird Tasawwuf absolut explizit.

Die Leute des Wissens sind sich einig, dass der Ort, an dem die Absicht gemacht werden muss, das Herz ist. Wie der Hadith deutlich macht, hängt das Ergebnis dessen, was Sie tun, von dem ab, was in Ihren Herzen ist. Damit seine Handlung wahrhaft um Allahs und Seines Gesandten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sein kann, muss das Herz frei sein von allen widersprüchlichen Gefühlen und Sehnsüchten, die es die meiste Zeit über beschäftigen. Mit anderen Worten, die Reinigung des Herzens ist nötig, damit eine reine Absicht formuliert werden kann. Dieser absolut entscheidende Reinigungsprozess wurde als Tasawwuf bekannt.

Wir können nicht einfach sagen, dass wir etwas für Allah tun, wenn die Wahrheit ist, dass unsere Motivation mehrdeutig ist. Und daher verlieh Imam Al-Ghazali dem Tasawwuf einen rechtlichen Status als eine individuelle Pflicht (arab. fard ‘ain); eine individuelle Pflicht für jeden Muslim. Es ist jedoch lebenswichtig zu betonen, dass, während die Handlungen im Islam Tasawwuf brauchen, damit sie annehmbar werden, Tasawwuf gleichermaßen die Handlungen des Islam braucht, um existieren zu können.

Beide sind absolut miteinander ­verknüpft und können nicht getrennt werden. Diese Angelegenheit wurde von dem großen Gelehrten und Sufi Ahmad Zarruq mit diesen Worten ausgedrückt: „Es kann nur einen Tasawwuf durch ein Verständnis der Schari’a geben. Denn die äußeren Urteile Allahs können nur durch sie erkannt werden. Auf die gleiche Weise hat das Recht des Islam keine ­Bedeutung ohne Tasawwuf. Denn die Gültigkeit der Handlungen hängt von der Absicht ab, die sie hervorgebracht hat. Seinerseits macht dies eine aufrichtige Hinwendung zu Allah nötig.

Daher müssen islamisches Recht und Tasawwuf kombiniert werden, denn sie sind untrennbar miteinander verbunden, genau wie die Seelen an die Körper ­gebunden sind. Und auch die Körper werden nur die Existenz der Seelen in ihnen belebt. All das wird zusammengefasst in der bekannten Aussage von Imam ­Malik ibn Anas: ‘Wer Tasawwuf vertritt, ohne das islamische Recht anzuwenden, ist ein Häretiker (arab. zindiq). Wer das islamische Recht anwendet, ohne Tasawwuf zu praktizieren, ist ein Verdorbener (arab. fasiq). Wer beide kombiniert, hat das Ziel erreicht.’“

Und diese Aussage von Imam Malik führt uns zum Kern der Sache: die Schlüsselrolle von Tasawwuf bei der ­Vereinigung der muslimischen Gemeinschaft (arab. umma). Wie wir zuvor sahen, ist menschliches Verhalten in seiner höchsten Form, verkörpert durch den Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, die eigentliche Essenz von Tasawwuf und Vereinigung. Wird menschliches Verhalten erniedrigt und unmoralisch, dann wird es zur Ursache von Zerstörung und Spaltung. Und das lässt sich heute bei Muslimen in jedem Teil der Welt beobachten.

Wir hören täglich von Leuten, die behaupten, die Schari’a umgesetzt zu haben. Sie bringen aber nichts als Streit und Unordnung. Dies sind die Fasiqun, von denen Imam Malik sprach. Es gibt andere, die das Innere fördern, aber viele der äußeren Aspekte der Schari’a vernachlässigen. Auch sie sorgen für Streit und Spaltung unter Muslimen. Das sind die Zanadiq, über die Imam Malik sprach. Solange beide Gruppen dominieren, wird Einheit unter Muslimen ein nicht zu erreichendes Ziel bleiben. Nur wenn das Innere und Äußere im Gleichgewicht sind, wenn die Herzen einer Mehrheit von Muslimen gereinigt sind, wird das zu wahrer Handlung führen. Mit anderen Worten, wenn Tasawwuf wieder den Rang im muslimischen Leben erlangt, der dieser Wissenschaft zukommt.

Das Markenzeichen der frühen Muslime war Taqwa, Mut, Standhaftigkeit, Großzügigkeit, Gastfreundschaft, Nachsicht, Mitgefühl, Bescheidenheit und Freundlichkeit, kurz gesagt, selbstloser und guter Charakter. Man muss verstehen, dass diese Charaktereigenschaften, deren Ausdruck in ihrem täglichen Leben so eloquent in der frühen Literatur dokumentiert ist, sich in keiner Weise von ihrer Umsetzung des Islam unterschieden. Sie waren ihr Islam in der Handlung. Ihr edler Charakter war unverzichtbarer Bestand ihrer Lebenspraxis des Dins. Für sie waren Gebet, Fasten und Zakat untrennbar verbunden mit und Teil einer erleuchteten sozialen Realität, in der sie lebten. In dieser waren jene Charaktereigenschaften die Norm.

Die Fusion des Inneren und Äußeren ist wahrer Tasawwuf in der Praxis. Und sie wird gebraucht, damit die Einheit der muslimischen Umma wieder Wirklichkeit wird.

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