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Technifizierung von Sprache

Reflexionen über die Suche nach einer ganzheitlichen Rede. Von Uthman Morrison

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Foto: Markus Spiske, pexels.com | Lizenz: CCO

(MFAS). „Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Masse ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Diejenigen, die die unsichtbaren Mechanismen der Gesellschaft manipulieren, stellen eine unsichtbare Regierung dar. Sie ist die wahre, herrschende Macht in unserem Land.“ (E.L. Bernays, Propaganda)

Vor weit mehr als 20 Jahren war ich erst seit einem Jahr Muslim. Im Laufe eines Telefongespräches mit einem anderen neuen Muslim sagte er, der kein Wort Arabisch konnte, enthusiastisch und mit voller Inbrunst, dass Arabisch dem Englischen weit überlegen sei. Ja sogar allen anderen Weltsprachen! Es war nicht, als hätte ich irgendwelche unmittelbaren Einwände gegen seine Behauptung gehabt.

Im Gegenteil, ich hatte selbst darüber schon eine Zeit lang nachgedacht. Und ich hoffte, es sei etwas, das ich eines Tages durch die direkte Auseinandersetzung mit den wunderbaren Qualitäten des Qur’an selbst erfahren könnte. Jedoch, als Lehrer für Grammatik und Literatur sowie als Student der theoretischen und angewandten Linguistik, überraschte mich das ungehinderte Selbstbewusstsein seiner Aussage.

Ich bin sicher, dass weder er, noch ich, diese Position „empirisch“ hätten unterstützen können. Das heißt, sie im Rahmen der theoretischen Kategorisierungen und der beschreibenden Rahmenbedingungen der modernen linguistischen Analyse begründen hätten können.

Die Sache, die in den Jahren seitdem immer bewusst in meinem Geist blieb, war das tiefe Gefühl eines unversöhnlichen Konflikts zwischen der „ganzheitlichen“ Sicht auf Sprache als einem unteilbaren Vermittler der menschlichen Erfahrung einerseits, und andererseits der Unterwerfung der Sprache unter die technische Analyse und Vergegenständlichung.

Im Qur’an werden wir daran erinnert, dass sich unter den vielen Segnungen auch findet, dass der Mensch mit „zwei Augen, einer Zunge und zwei Lippen“ (Al-Balad, 8-9) ausgestattet wurde. Dieser Bezug auf das Gesicht und die Lippen des Menschen und die spezifische Nennung des Mundes sind sehr bedeutsam.

Soweit es die alltägliche Erfahrung betrifft, ist das Gesicht der Fokuspunkt unserer physischen Erscheinung als Menschen. Es repräsentiert den eigentlichen Sitz unserer individuellen – und kollektiven – menschlichen Identität. Durch die Anwendung der neuesten Untersuchungstechnologien haben Neurologen eine Bestätigung gefunden, dass unsere Gehirne auf eine sehr spezifische und komplexe Weise „hart verdrahtet“ sind, um Gesichter zu erkennen. Dazu gehören die Deutung und die emotionale Antwort auf die Gesichtsmimik.

Die Lippen sind die unmittelbar sichtbaren Zugänge zum gesamten Apparat, in dem Sprache erzeugt wird. Dieser ist – mit Ausnahme der Zunge – weitestgehend verborgen. Er besteht aus Lungen, Luftröhre, Kehlkopf, Rachenraum, Mundhöhle sowie, darüber, der Nasenhöhle und, darunter, dem Kiefer.

Unser Ausgangspunkt ist die Sprache, als ein innewohnendes und unausweichliches, kreatürliches Schicksal des Menschen. Es ist kompatibel mit der kosmischen Rolle des Menschen im Universum und entspricht dieser. Diese Rolle ist das Zusammentreffen der scheinbaren, aber konstant schwindenden Natur der „empirischen“ Erfahrung und dem unsichtbaren Reich des Unendlichen und Zeitlosen. Aus diesem Standpunkt erscheint Sprache als das notwendige und unteilbare Mittel des Menschen für Nachdenken, Kommunikation, Vermittlung und Artikulation des wahrgenommenen Wissens. Diese Fähigkeit reicht bis zum Punkt, an dem Worte zurückbleiben und Erfahrung direkt wird. Aber das ist eine andere Frage, die nicht hierher gehört.

In den letzten beiden Jahrhunderten wurde die wissenschaftliche Erklärungsmethode ausschließlich in Begriffen von empirischen Maßen und Experimenten verstanden. Jetzt hat sie die komplette Herrschaft über unser Denken und Wissen übernommen. Und wird ständig durch jedes zur Verfügung stehende Mittel bestärkt.

Das soll nicht heißen, dass solche Forschungen und Spekulationen nicht gelegentlich zu interessanten Beobachtungen und Entdeckungen führen. Solange der wissenschaftliche Ansatz die Trennung des untersuchten Phänomens (hier die Sprache) von einer zweckgerichteten und ganzheitlichen Umgebung, die der Beweis für die und Quelle der wesentlichen Bedeutung ist, nötig macht, und solange er nach den kleinsten Bestandteilen auf Kosten eines Verständnisses des Ganzen sucht, wird das letzte Ziel an nützlichem Wissen solchen Techniken entgleiten.

Es muss verstanden werden, dass die Menschheit für die Aneignung von Sprache erschaffen und vorab ausgestattet wurde. Etwas, was ein normales Kind mit erstaunlicher Fähigkeit leistet. Dazu gehört die Erzeugung, Wahrnehmung und das Verstehen von Sprache. Hinzu kommt eine fertige Fähigkeit für die Meisterung ihrer sekundären Darstellungen in Form von Schrift oder anderen Zeichen. Diese Kapazität ist beschränkt auf das schöpfungsgemäße Gebiet, das dem Menschen in seiner Rolle als Allahs Sachwalter auf Erden vorbehalten ist. Es ist der eigentliche Zweck des Universums.

Die Aussage „die Sprache ist das Haus des Seins“ wird jedem bekannt sein, der mit dem Denken des deutschen Philosophen Martin Heidegger vertraut ist. Er kann mit einigem Recht als der wichtigste existenzielle Denker des letzten Jahrhunderts bezeichnet werden. Heidegger verstand Sprache als die exklusive Domäne, in welcher menschliches „Dasein“ sich inhärent selbst und der Existenz gegenüber gegenwärtig ist. Hier konvergiert sein Denken mit dem qur’anischen Wissen, dass der Mensch durch Sprache vor allen anderen Wesen ausgezeichnet wurde. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Heideggers Beiträge zur Sprache zu den Wissenskategorien gehören, die Muslime der Notwendigkeit und der Tradition wegen suchen und nutzen müssen – und sei es in China!

Heideggers Werk gibt uns beeindruckende Hinweise auf das Überleben der Fähigkeit, die technischen Schranken des Szientismus zu transzendieren. Das ist nötig für eine unabdingbare Gelegenheit, Realität angemessen auszumachen und zu bedenken. Dies liegt im Geschenk der Sprache, die der Menschheit profund gewidmet wurde. Als solche stellt diese Perspektive einen Gegensatz zu Sprache und Denken als ein methodologisches Gefangenenlager des Intellekts dar.

In seiner Schrift „Unterwegs zur Sprache“ spricht Heidegger von einem „Es ist“, das am häufigsten ungesprochen bleibe: „Der Mensch wäre nicht Mensch, wenn ihm versagt bliebe, unablässig, überallher, auf jegliches zu, in mannigfaltigen Abwandlungen und zumeist unausgesprochen in einem ‘es ist’ zu sprechen. Insofern die Sprache solches gewährt, beruht das Menschenwesen in der Sprache.“

Muslime werden keine Schwierigkeit damit haben, hier einen Anklang an das „Kun – fa ja kun“ (das „Sei – und es ist“) zu finden, dass in die ausschließliche Domäne Allahs gehört. Es ist ein zeitloses Echo, das in allen Namen gegenwärtig bleibt. Oder, wie angemerkt wurde, in all den Worten, die Allah unseren Meister Adam lehrte.

Die Tiefe von Heideggers Einblick in diese Verbindung wird noch weiter aufgezeigt, wenn wir auf den Abschluss des Zitats blicken.

Hier wird „Sprache“ willentlich mit der Kapazität für eine Wirkung versehen, indem dem Menschen die Gabe der Sprache verliehen wird. Sein Schweigen oder Zögern in Hinblick auf Absicht oder Zweck lässt sich leicht aus der qur’anischen Perspektive ableiten. Wir sollten hier auch merken, dass Sprache in ihrer Vergabe an den Menschen nicht als die Grundlage des menschlichen Wesens, sondern eher des menschlichen Seins beschrieben wird. Das dringt in das eigentliche Ereignis der menschlichen Existenz ein – im Gegensatz zu einem Attribut (des Sprechens), egal wie fundamental, seines schöpferischen Entwurfs.

Die analytische Philosophie des 20. Jahrhunderts, die mit Namen wie Wittgenstein oder Russell in Verbindung gebracht wird, führte zur Bewunderung für Methoden, die aus den Naturwissenschaften abgeleitet wurden. Sie formulierten eine Betonung der linguistischen Konsistenz und Klarheit des Denkens durch Anwendung einer formal feststehenden Logik und der mathematischen Technik in der Sprachanalyse.

Vor den Entwicklungen des 20. Jahrhunderts war das Studium der Sprache im 19. Jahrhundert durch einen Ansatz dominiert, der sich verschiedentlich als „philologisch“ bestimmen ließe. Ihr hauptsächlicher Fokus lag auf der systematischen Untersuchung ihrer Ursprünge sowie der Entdeckung und Re-Konstruktion ausgelöschter „Ur-Sprachen“ sowie der Klassifizierung ihrer Nachfolger in Familien.

Die wissenschaftliche Betonung im Sprachstudium, aus der später die Linguistik hervorgehen sollte, war beinahe ausschließlich das Gebiet deutscher Gelehrter. Dazu gehörten: Wilhelm von Humboldt, der als erster in Europa gilt, der sich Sprachen als einem System näherte, das durch Regeln bestimmt ist. Jakob Grimm (von den Brüdern Grimm) beschrieb die proto-germanische Konsonantenverschiebung. August von Schleicher produzierte die Stammbaum-Theorie der Sprachentwicklung als unmittelbare Antwort auf Darwins „Über die Entstehung der Arten“. Und August von Schlegel wird die dreiteilige, idealtypsche Klassifizierung von Sprachen in isolierend, agglutinierend und inflektierend zugeschrieben.

Wenn wir das 20. Jahrhundert erreichen, ist die Verschiebung der historischen oder philologischen Orientierung des letzten Jahrhunderts abgeschlossen. Und das biologische Paradigma, das Sprache mit organischen Arten gleichsetzte, wurde wegen eines Mangels an überzeugenden Daten aufgegeben. Was wir stattdessen beobachten können, ist der Aufstieg der synchronen Sprachwissenschaft. Sie fokussiert sich auf die Aufgabe der Beschreibung von Sprachen als komplette Systeme abstrakter Einheiten. Diese sollen den lebendigen Äußerungen, die Menschen tatsächlich täglich machen, zugrunde liegen. Es handelt sich dabei um die Beschreibung von Sprache als einem gegenwärtigen sozialen Fakt.

Der Übergang wurde von Ferdinand de Saussure eingeleitet. Er stellte die neue ontologische Frage, welche die Sprachtheorie seitdem zu beantworten suchte. Verschiedene theoretische Ansätze und Modelle haben seitdem die Bühne betreten.

Im Kern der Linguistik steht das Studium der sprachlichen oder grammatikalischen Struktur. Es wird angenommen, dass sie aus mindestens fünf hauptsächlichen Unterfeldern besteht: Phonetik (Töne), Morphologie (Worte), Syntax (Satzbau), Semantik (Bedeutung) und Pragmatik (Kontext). Als die bei weitem einflussreichste Entwicklung der modernen Zeit gilt die generative Theorie, die zuerst von Noam Chomsky in seiner maßgeblichen Arbeit „Syntactic Structures“ vorgeschlagen wurde. Sprachwissenschaftler räumen im Allgemeinen ein, dass sie eine revolutionäre Wirkung auf ihre Disziplin hatte. Im Wesentlichen schlägt diese Theorie die Existenz syntaktischer Universalien auf einer „tiefen Struktur-Ebene“ innerhalb des Gehirns vor. Sie sei in der Lage, die „Oberflächen-Strukturen“ zu erzeugen, welche bekannte Formen jeglicher menschlichen Sprache repräsentieren.

An diesem Punkt lohnt eine Rückkehr zu Heidegger. Er ist ein Schlüssel zum Verständnis der Art und Weise, wie die wissenschaftliche Methode durch den Menschen (während sie ihn selbst miteinbezieht) über die Ressourcen des ganzen Planeten als Lager des vorhandenen Materials verfügt.

„Insofern es den Menschen stellt, d.h. ihn herausfordert, alles Anwesende als technischen Bestand zu bestellen, west das Gestell nach der Weise des Ereignisses, und zwar so, daß es dieses zugleich verstellt, weil alles Bestellen sich in das rechnende Denken eingewiesen sieht und so die Sprache des Gestells spricht. Das Sprechen wird herausgefordert, der Bestellbarkeit des Anwesenden nach jeder Richtung zu entsprechen. Das so gestellte Sprechen wird zur Information. Sie informiert sich über sich selbst, um ihr eigenes Vorgehen durch Informationstheorien sicherzustellen. Das Ge-Stell, das überall hin waltende Wesen der modernen Technik, bestellt sich die formalisierte Sprache, jene Art der Benachrichtigung, kraft deren der Mensch in das technisch-rechnende Wesen eingeformt, d.h. eingerichtet wird und schrittweise die ‘natürliche Sprache’ preisgibt.“

Wie bereits im ersten Teil des Textes angedeutet, ist es meine Überzeugung, dass der Weg Muhammads der letzte und einzig universell zugängliche Weg vorwärts in Richtung der Freiheit für alle Menschen ist.

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