IZ News Ticker

Terror: Die individuelle Gefahr

Es gibt viele Hypothesen, warum der Einzelne zu Gewalt greift. Nur wenige davon wurden überprüft. Von Umar Javed

Werbung

Screenshot: YouTube

(IPS). Was veranlasst eine Person, einen LKW in eine Menschenmenge zu fahren, die den Nationalfeiertag feiert? Was bringt einen anderen dazu, das Feuer auf ahnungslose Gäste eines Nachtclubs zu eröffnen? In meinem Heimatland Pakistan müssen wir uns zu viele dieser Fragen auf täglicher Basis stellen. Wie kann man Kinder töten? Wieso werden nationale Minderheiten ermordet? Warum kommen unschuldige Betende ums Leben?

Die Suche nach den Wurzeln für Militanz oder Terrorismus ist eine schwierige Aufgabe. Das liegt unter anderem daran, dass nur sehr wenige Individuen auf das Mittel der Gewalt zurückgreifen. Forscher haben aber auch keinen Zugang zu den meisten Militanten. In den wenigen Fällen, in denen einige verhaftet werden, bleiben sie weggesperrt und verschwinden im geheimniskrämerischen Getriebe des Antiterrorsystems. Die Folge sind stückbruchhafte Flicken an persönlichen Geschichten – und viele Hypothesen. Manche wurden ein wenig getestet, andere sind plausibel, während viele weitere bloße Einbildung sind.

Innerhalb des heutigen Forschungsstands haben sich zwei spezifische Stränge herausgebildet, die am meisten hervortreten. Der erste wird allgemein als materialistische oder strukturalistische Perspektive bezeichnet. Sie spiegelt sich am besten in der Sichtweise wider, wonach die militante Aktivität eine Reaktion oder Rebellion einer bestimmten Gruppe gegen wahrgenommene Ausgrenzung und Unterdrückung darstellt. Der französische Soziologe Gilles Kepel sieht ökonomische, soziale und räumliche Ghettoisierung von Einwanderern sowie anti-muslimischen Rassismus als einen Hauptkultivator von Ressentiments und – in Folge – Militanz an. Die Rolle von Ideologie fügt weitere Komplexität zur angeblichen Beziehung zwischen Religion und Terror hinzu.

Ein weiteres wichtiges Beispiel für die Erklärung von Aufständen im Nahen Osten sieht sie als Folge von staatlicher Unterdrückung von bestimmten Gemeinschaften. Siehe auch in Pakistan: Militanz im Nordwesten wird oft als das Resultat von langanhaltenden Entbehrungen, US-amerikanischen Interventionen und den kolonialen Grenzziehungen in den Stammesgebieten erklärt.

Das andere, wichtige Lager wird am besten durch die Ansichten eines anderen französischen Gelehrten, Olivier Roy, repräsentiert. Er argumentiert, dass individuell-spezifische Faktoren der Schlüssel für die Arten von gewalttätigem Verhalten sind. Der Ausgangspunkt hier ist, dass diejenigen, die auf Gewalt zurückgreifen, nur ein sehr kleiner Anteil einer größeren Gruppe sind. Daher sind psychosoziale Eigenschaften, persönliche Erfahrungen und individuelle Rahmenwerke viel wichtiger als ein angenommener „Massenaufstand“. Roy bezeichnet dies als die „Islamisierung von Radikalismus“. Oft fände dies Ausdruck in dem oft kriminellen und instabilen Hintergrund von Individuen wie Omar Mateen, dem Schützen aus Orlando.

Strukturalistische und individual-zentrierte Erklärungen schließen sich nicht aus. Tatsächlich ist es angesichts der allgemeinen Unbestimmtheit in der Terrorismusforschung unmöglich, eine Analyse der anderen vorzuziehen. Es gibt jedoch einen Faktor, der bei allen Denkschulen primär erscheint, die militante Handlungen und das größere Spektrum der religiösen Radikalisierung untersuchen: die Rolle bestimmter Überzeugungen und Ideologien. Ideologie ermöglicht es Menschen, die sie umgebende Welt zu verstehen. Ideologie bewaffnet sie mit Werten, einer moralischen Struktur und der Fähigkeit, Bedeutungen in menschlichen Beziehungen zu verstehen.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts lehrt uns, dass ausgegrenzte Bevölkerungen sich nicht spontan mobilisieren. Damals war es linksgerichtete Ideologie, die eine zentrale Rolle zuerst für die Bildung von Gemeinschaftsgeist spielte. Danach versorgte sie diese Gemeinschaft mit dem Sinn einer politischen Mission. In anderen Fällen erhoben sich die Arbeiter einfach nicht. Sie wehrten sich auch nicht gegen Arrangements, die gegen ihre Interessen gerichtet waren (wie der Faschismus).

Aus der Geschichte lernen wir auch, dass Ideologie mit Faktoren auf individueller Ebene interagieren kann. Das bringt verschiedene Ergebnisse hervor. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben spezifische Deutungen religiöser Texte Ideologien hervorgebracht, die Individuen einen Sinn verleihen und gewaltsame Handlungen als logische Akte verherrlichen. In vielen Fällen werden diese Ideologien konsumiert, ohne dass sie in nennenswerter Menge als Handlungsanweisung dienen. In Ausnahmefällen veranlassen sie Individuen zu eigenwilligen, gewaltsamen Handlungen, oder dazu, sich Organisationen anzuschließen, die ihnen solche Akte ermöglichen.

Die Rolle von Ideologie fügt den angeblichen Beziehungen zwischen Religion und Terror weitere Komplexität hinzu. Viele in der muslimischen Gemeinschaft beeilen sich, Islam von ideologischen Varianten zu distanzieren, die Gewalt predigen. Der heute am häufigsten zu hörende Refrain ist, dass Terror keine Religion hat. Diese Reaktion ist irgendwie verständlich, da die meisten Gläubigen sich oder ihr Glaubenssystem nicht mit abscheulichen Akten identifizieren wollen.

Religion ist jedoch genauso ein soziales Phänomen, wie es ein göttliches ist. Sie wird von Menschen praktiziert und ist Teil all ihres moralischen Scheiterns und ihrer Erfolge. Angesichts ihrer weiten Verbreitung und ihre Legitimität in der menschlichen Gemeinschaft ist Religion zentraler Bestandteil vieler konstruierter Ideologien – friedlicher und gewalttätiger. Geht jemand der dschihadistischen Ideologie auf den Leim, dann wird sein Sinn des Selbst, der Gemeinschaft und der Welt im Großen von der extremen Interpretation von Religion und ihrer verbundenen Praktiken abgeleitet.

Wenn dieser letzte Faktor in Betracht gezogen wird, dann wird die Rolle religiöser Gemeinschaften umso wichtiger. Einer ihrer entscheidenden Beiträge besteht in der Lokalisierung und Isolierung von Ideologen, die Hass und Gewalt predigen. Ungeachtet dessen, welche Anstrengungen unternommen werden, so wird es zunehmend klar, dass eine Reihe an Interventionen nötig ist.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen