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„Terror und Zwang mit unseren Idealen nicht vereinbar“

Interview mit dem amtierenden DITIB-Vorstandsvorsitzenden Kazim Türkmen

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Foto: DITIB

(KNA). Besser sei es geworden, sagt Kazim Türkmen auf die Frage, wie der deutsch-türkische Moscheeverband DITIB in der Öffentlichkeit dasteht. Seit Anfang des Jahres leitet der 46-Jährige die Geschicke des größten muslimischen Verbands. Nach dem Putschversuch 2016 in der Türkei geriet die DITIB ins Zwielicht. Vorwürfe der Bespitzelung von Gegnern des Präsidenten machten die Runde; als Recep Tayyip Erdogan dann 2018 die DITIB-Zentralmoschee in Köln einweihte, gingen selbst manche wohlmeinende Unterstützer auf Abstand. Mehrere Anläufe braucht es, um einen Interviewtermin mit Türkmen zu vereinbaren. Für das auf Türkisch geführte Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur nahmt sich der DITIB-Chef dann über eine Stunde Zeit.

Frage: Herr Türkmen, bundesweit gibt es fast 900 DITIB-Moscheegemeinden – welche Aufgaben hat der Dachverband?

Kazim Türkmen: Wir vertreten ungefähr die Hälfte der in Deutschland lebenden türkischstämmigen Muslime. Der Bundesvorstand gibt Empfehlungen und macht Angebote für die Gemeindearbeit, koordiniert gemeinsame Aktivitäten und vertritt die DITIB nach außen im Dialog mit Politik und Zivilgesellschaft.

Frage: Das klingt, als agierten die Gemeinden weitgehend selbstständig.

Kazim Türkmen: Solange sich die Gemeinden an die DITIB-Satzung und die in Deutschland geltenden Gesetze halten, ist das so.

Frage: Und wenn nicht?

Kazim Türkmen: Steht es uns frei, disziplinarische Maßnahmen im Rahmen der Satzung zu ergreifen.

Frage: Die DITIB hält Kontakt zur Religionsbehörde Diyanet. Können Sie nachvollziehen, dass diese enge Anbindung an den türkischen Staat Kritikern hierzulande ein Dorn im Auge ist?

Kazim Türkmen: Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass die Aufgabe und Strukturen von Diyanet in Deutschland nicht richtig bekannt sind. Diyanet ist eine staatliche Organisation, das stimmt. Aber sie ist nicht der politischen Meinungsbildung unterworfen und in theologischen Fragen unabhängig.

Frage: Was heißt das?

Kazim Türkmen: Die Diyanet entscheidet selbstständig und oft genug auch gegen politische Forderungen. Als zum Beispiel staatliche Stellen das Kopftuchverbot an türkischen Universitäten aufrechterhalten wollten, sprach sich die Diyanet dafür aus, das Verbot zu kippen, weil das Kopftuch zum Islam und das Tragen zur individuellen Freiheit gehört.

Frage: In Deutschland ist eine solche Auffassung umstritten.

Kazim Türkmen: Seitens der DITIB stimmen wir uns deswegen auch mit in Deutschland sozialisierten Kollegen ab. Wichtig ist: Der Verband war nie von der türkischen Politik abhängig und wird es auch nie sein.

Frage: Warum sind Sie dann zugleich an der türkischen Botschaft in Berlin als Botschaftsrat für religiöse Angelegenheiten angestellt?

Kazim Türkmen: Als Botschaftsrat bin ich für die fast 1.000 Religionsbeauftragten in Deutschland zuständig.

Frage: …die ihr Gehalt aus der Türkei beziehen…

Kazim Türkmen: ..und denen ich in der doppelten Funktion Entscheidungen besser vermitteln kann, die entweder bei der DITIB oder bei Diyanet getroffen werden. Ein DITIB-Vorsitzender sollte dessen ungeachtet sowohl Expertise in Verwaltung wie auch in Theologie mitbringen.

Frage: In Deutschland gibt es inzwischen fünf Studienzentren für ­Islamische Theologie – was halten Sie davon?

Kazim Türkmen: Diese Einrichtungen existieren erst seit wenigen Jahren, es gibt noch keine gewachsenen theologischen Strukturen wie in Ländern der islamischen Welt, zudem ist die Zahl der Absolventen bislang recht gering.

Frage: Ist es da aber nicht kontraproduktiv, wenn die DITIB eine eige­ne Ausbildung für Religionsbeauftragte anbietet? Warum kooperieren Sie nicht mit den Universitäten?

Kazim Türkmen: Wir kooperieren mit diesen bei der Ausbildung von Theologen und unterstützen diese. Unser Angebot ist daher nicht als Konkurrenz zu dem Studium der islamischen Theologie zu verstehen, sondern als Ergänzung. Wer Imam an einer Moschee werden will, braucht eine Fülle an praktischen Kenntnissen. Die wollen wir auf diesem Wege vermitteln. Auch evangelische und katholische Priester durchlaufen schließlich eine praktische Ausbildung.

Frage: Wie beurteilen Sie den Stand der Debatte um den islamischen Religionsunterricht?

Kazim Türkmen: Ich lebe seit 2005 in Deutschland und verfolge aufmerksam die Diskussionen. Bis etwa 2014 ging es stetig voran, dann stagnierte die Entwicklung wegen politischer Krisen, die mit der DITIB eigentlich nichts zu tun hatten.

Frage: Die nordrhein-westfälische Landesregierung will an die Stelle eines Beirats eine Kommission setzen, die nicht mehr nur aus Vertretern der großen Islamverbände besteht. Was halten Sie davon?

Kazim Türkmen: Wir befinden uns in konstruktiven Gesprächen. Ich habe die Hoffnung, dass wir uns auf ein Modell verständigen können, dass auch für andere Bundesländer wegweisend ist.

Frage: Baden-Württemberg hat unterdessen die bundesweit einmalige Einrichtung einer Stiftung öffentlichen Rechts beschlossen,…

Kazim Türkmen: …die unserer Ansicht nach gegen das Neutralitätsgebot des Staates verstößt. Dennoch haben wir unter Bauchschmerzen zugesagt, diese Stiftung für fünf Jahre als Übergangslösung zu installieren, allerdings um einige Korrekturen gebeten. Nach mehreren Monaten Verhandlungen hat man uns dann einen Satzungsentwurf und einen Vertrag vorgelegt, der alle unsere Bedenken und die Kompromisse, die bei diesen Verhandlungen erzielt wurden, komplett ignorierte. Da waren wir gezwungen, Nein zu sagen.

Frage: Nach der Affäre um die ­Bespitzelung von Erdogan-Gegnern in Moscheegemeinden kündigte die ­DITIB Konsequenzen an. Was ist daraus geworden?

Kazim Türkmen: Es wurde eine interne Untersuchung eingeleitet. In den Fällen, wo ein Fehlverhalten von Religionsbeauftragten festgestellt wurde, wurde ihr Beschäftigungsverhältnis bei der Gemeinde und bei DITIB beendet. Des Weiteren wurden die internen Veranstaltungen mit den Religionsbeauftragten, den Gemeinden und den Landesverbänden der DITIB besonders intensiviert und unsere Basis in diesen Fragen immer wieder aufgeklärt, um eine Sensibilisierung zu erreichen.

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