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Thema Reisen: Tarek Bärliner macht sich auf eine innere Reise und sucht nach Heimat, Zuhause und dem Geist der Hauptstadt

Die Berliner „Schnauze“ (1)

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(iz). Es fehlt eine Einleitung. Warum ich an diesem Punkt bin, weiß nur Allah. Dass ich hier bin, muss aber auch ich selbst verarbeiten und begreifen. Hier sitze ich nun an meinem Laptop in Berlin und schreibe in deutscher Sprache. Allein aus diesem Satz könnte man so einiges über mich schließen. Hätte ich die Zeit, dann würde ich nun über den Sinn des Lebens philosophieren, aber ich möchte mich auf die Frage beschränken, was „Heimat“ ist.

Wobei auch das schon zu grob ist. Reden wir von der Heimat des Körpers oder des Geistes? Mein Geist ist Reisender, sich hier und da an der Schönheit der Schöpfung erfreuend. So sollte es eigentlich sein, in Wahrheit ist mein Geist ein deutscher Rucksacktourist, der sich übers Ohr hauen lässt. Unsere Generation lässt sich viel einreden. Auch 100 Jahre nach der Revolution der Nationalstaaten, hört die Entwicklung nicht auf. So viele, so verschiedene Nationen. Was sind eigentlich Deutsche, Türken oder Palästinenser? Ich fühle mich wie gar nichts von allem. Und wer entscheidet darüber, wer was ist?

Ich weiß nicht, ob mich das Leben hier zu einem Deutschen macht, aber es ist ein Teil von dem was ich bin. Meine Verwandten leben in Syrien und Syrien besuchte ich auch sehr oft. Ich fühle mich verbunden mit Aleppo, der Heimatstadt meiner Mutter, nicht aber Damaskus. Als meine Großmutter mit meinem Onkel und seinen Kindern aber nach Dubai gezogen ist, habe ich mich plötzlich mit Dubai verbunden gefühlt. Und das hat, weiß Gott, nichts mit Heimat zu tun. Dieser künstliche Ort reizt meinen Magen, aber nicht meine Gefühle. Gilt dann doch wieder die alte Weisheit „Zuhause ist, wo das Herz ist“? Imam Asch-Schafi’ urteilte, dass „Watan“ dort ist, wo man lebt. Fälschlicherweise denken viele Araber und Türken „Watan“ würde „Nation“ heißen. Und ja, unsere Generation lässt sich viel einreden. Es ist die „Heimat“ und Heimat soll sein, wo man lebt.

Manchmal wünschte ich mir, meine Heimat wäre woanders. Berlin ist ungesund, kalt und verdorben. Berlin ist, ästhetisch betrachtet, hässlich. Aber es wäre nicht meine Heimat, wenn ich nicht zwischen all den schlechten Seiten das überwiegend Schöne entdecken könnte. Ich alter Patriot. Aber Berlin hört für mich bei Marzahn oder der anderen Seite, Spandau, auf. Die sind dort alle anders. Und kommt mir bloß nicht mit West- oder Ostdeutschland. Alles außer Berlin finde ich seltsam. Ist das schon Nationalismus? Die vielen Hipster, Studenten aus aller Welt sowie Sinti und Roma entlocken mir auch mal eher fragwürdige Aussagen. Aber das kann auch passieren, wenn mir ein Schwabe in Kreuzberg tatsächlich sagt, ich solle mich integrieren. Der konnte sich glücklich schätzen, dass ich ihn nicht gezwungen habe, einen Döner zu essen, dieser Veggie-Hippie. Wir leben alle in Parallelgesellschaften, der eine oder andere hat seine eigene im Kopf. Vielleicht sollte ich mich ausschließlich auf meine mentale Heimat konzentrieren.

Allah ist fair, Er verlangt von mir nicht, jemand anders zu sein. Um nach Hause zu können, muss ich mich selbst finden. Meine Liebe zu Berlin ist vielleicht kein Nationalismus, trotzdem lässt sie mich auch schlechtes tun. Andere sterben für eine Nationalflagge, ich diskriminiere Zugezogene, Menschen die vor 25 Jahren meine Eltern hätten sein können. Ich dummer Patriot. Vielleicht ist Heimatliebe am gesündesten, wenn man der Heimat keinen Namen gibt. Der Muslim hat viele Pflichten gegenüber seiner Gemeinde und viele Pflichten, die er am Ort seines Daseins erfüllen muss. Es hilft auch sehr, alles nicht so oberflächlich zu sehen. Egal welche Moschee ich betrete, ich kann mich auch dort zuhause fühlen. Ob Berlin, München, Dubai, Damaskus, Istanbul oder Moskau spielt dabei keine Rolle. In der Moschee spürt der Geist schließlich eine Nähe zu seinem Zuhause. Aber wir denken ja immer noch, Atatürk, Öcalan, Abdel Nasser, Arafat oder Chomeini seien die Offenbarung. Hätten die Palästinenser nicht eine weitaus einfachere Mission, wenn sie ihr Land einfach Israel nennen würden? Den Namen nutzt schließlich der Allmächtige in allen heiligen Büchern. Aber ein Israel der Gerechtigkeit und des wahren Friedens, in dem auch die Araber würdig leben können, die Vertriebenen zurückkehren.

Ich glaube nicht an die Nationalstaaten, sie funktionieren nicht. Der Muslim sollte eher einstehen für einen organischen Zusammenschluss von freien Provinzen und Städten. Ich kann es nicht leiden, wenn Türken, Kurden und Araber den Nichtmuslimen sagen „in unserer Kultur… respektiert man Ältere/gibt man den Armen Geld/sind Frauen Königinnen/ist man bescheiden“. In unseren Kulturen gibt es Ehrenmorde, Zwangsheirat, Gewalt, Korruption und Hochmut. Der Islam ist das Gute an uns und dient als Filter für unsere, oftmals fragwürdigen, Kulturen. Natürlich haben wir bei all unseren verschiedenen Abstammungen auch unterschiedliche positive Besonderheiten, aber gerade die typischen lassen sich auf die Religion zurückführen. Und wenn man betrachtet, wie diese Kulturen vor der islamischen Filterung waren oder auch jetzt wieder durchschimmern, dann können mir diese Kulturen gestohlen bleiben. Wir wollen nicht aufhören, uns einzureden, jemand zu sein, der wir nicht sind. Aber Atatürk sprach schließlich von türkischen Vorfahren, wie auch Öcalan von kurdischen sprach und Abdel Nasser wollte die Einheit der Araber. 1.400 Jahre nach der Zerschlagung des ­Nationalismus, haben wir wieder Grenzen gezogen.

Besonders seltsam ist es, wenn wir diese Grenzen selbst hier, in der neuen eigenen Heimat, beibehalten. Ich würde niemals große Kritik an der ersten Generation äußern. Sie kamen und haben ununterbrochen gearbeitet, mit dem Gedanken wieder zu gehen. Aber die Generationen nach ihnen haben keine Rechtfertigungen. Nur Neonazis sind so „reinrassig“ wie einige muslimische Organisationen in Deutschland. Jeder für sich. Aus Angst, so zu werden wie die muslimischen Hipster. Die uns allen zeigen, wo es lang geht auf ihrer Mission zu Anerkennung und Bestätigung. Als ob Du zu entscheiden hast, ob ich hier her passe oder nicht. Der Allweise hat mich hier auf die Welt kommen lassen, das wird schon so stimmen. Sie sind sich nie zu schade, muslimisch kontrovers zu handeln, aber politische Kontroverse ist ein Tabu. Politik und Medienwelt darf man nie verärgern. Überall Politik. Kultur, Anerkennung, Nation – alles Politik.

Von Heimatliebe wissen wir recht wenig, wenn wir uns als Reisende so sehr auf diese vergängliche Welt konzentrieren und dabei Herkunft und Ziel vergessen. Eine meiner größten Schwächen ist die Liebe zum Essen. Seltsamerweise kann man genau hier jedem Nationalismus einen Riegel vorschieben. Beim Essen vergessen wir ganz schnell unsere nationalistischen Tendenzen, überall schmeckt irgendetwas. Heimat ist, wo man lebt, sagte also Imam Asch-Schafi’i. Nicht, dass das die unzähligen anderen Gelehrten nicht auch sagten. Der Name reicht jedoch, um ein klares Zeichen zu setzen. Man sollte versuchen, den Ort, an dem man lebt, so zu beeinflussen, dass er die Selbstfindung und die Heimkehr in die Heimat des Geistes ermöglicht. Das geht einfacher gemeinsam. Ob man nun aus der Türkei, Pakistan, Palästina, Syrien, Kurdistan, Marokko oder Deutschland stammt – wir haben Stärken und Schwächen, die wir nur gemeinsam ausgleichen können und wie auch immer wir unsere seltsame, neue Heimat nennen wollen, sie verbindet uns. Wir sind, alle zusammen, ein neu entstehendes Volk.

„O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ (Al-Hudscharat, 13)

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