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Über das allgemeine Scheitern politischer Ideologien. Von Abu Bakr Rieger

Islamismus - dem ­Untergang geweiht?

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(iz/März 2003). Niemals zuvor in der neueren Zeit ist der Islam in der Weltöffentlichkeit und der Wissenschaft so breit und intensiv ein Thema geworden wie nach den schrecklichen Attentaten am 11. September 2001 in New York und Washington. Einschätzungen und Bewertungen sind dabei äußerst unterschiedlich. Vieles ist richtig, ist es aber wahr? Schnell hat sich auch eine durchweg fragwürdige Terminologie um den ­Islam etabliert. Dies zeigt sich schon mit der bezeichnenden Anrede als „Moslems“ (Schimpfwort aus der guten alten Zeit der Kolonialherren) oder der wenig durchsichtigen Logik des „lslamismus“.

Die konzeptionslose Beschreibung des Islam in Deutschland hat sich mit der Beschreibung der Gefahr des Terrorismus auch unheilvoll verwoben. Eines aber wird sehr deutlich: Zwischen Islam und Islamismus sowie auch zwischen gewaltbereitem und nicht gewaltbereitem Islamismus muss zumindest sorgfältig unterschieden werden. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es bereits ohne große Widerstände möglich wurde, Bin Ladin und einige islamische Organisationen in Deutschland unter den Begriff Islamismus und Islamisten zu sammeln, schwanen einem neue Gefahren für den leidgeprüften Islam in Europa. Das ist genauso empörend, wie wenn man Hitler und die CSU in der Öffentlichkeit als „konservatives Lager“ bestimmen würde.

Zu Recht wird aber auch darauf hingewiesen, dass Muslime selbst sich nicht nur ausschließlich in die Opferrolle flüchten sollten und können. Auch für Muslime besteht seit dem 11. September durchaus Anlass zur Selbstkritik und auch Anlass, sich von der theologischen Bevormundung des arabischen Modernismus des 20. Jahrhunderts zu befreien. Das geschieht bereits in vielen muslimischen Gemeinschaften und führt zur Rückbesinnung. Zu trennen ist die Essenz des Islam von Einflüssen der Kultur oder der Ideologie. Besonders relevant für die Sicherheit der Muslime in Europa ist zum Beispiel die islamisch-theologisch saubere und zwingende Zurückweisung von Selbstmordattentaten.

Gerade bei diesem Thema lässt sich der arabische Modernismus als flexible politische Ideologie bestimmen, die als ihr Elixier nicht unerheblich von dem Feindbild Israel bestimmt ist. Islamisch gesehen ist er oft nebulös. Zurückweisen muss man auch in diesem Kontext die plumpe Diffamierung des Sufismus und seine immanente Distanz zur politischen Machenschaft. Die Grundbezeugung und Einsicht der Sufis, dass alle Macht bei Allah ist und politische Macht sich demzufolge nicht einfach „organisieren“ lässt, ist in dieser Zeit als Schutz vor ideologischer Umsetzung des Islam relevant. Nötig ist aus der Sicht europäischer Muslime letzlich nichts Anderes als ein eigenständiger Zugang und Rückgang zur Offenbarung und zu den Quellen.

Viele arabische Gelehrte sehen diese Emanzipationsbewegung des europäischen Islam mit Skepsis, wenngleich die Geschichte zeigt, dass islamisches Wissen immer über die Kontinente gewandert ist. Viele Gelehrte in der arabischen Welt fürchten – inmitten des eigenen Niedergangs – eine Verwässerung der islamischen Lehre durch europäische Muslime. Das Gegenteil ist der Fall. Natürlich darf ein Islam in Europa nicht zur Erosion oder Banalisierung der islamischen Lebenspraxis an sich führen. Ein europäischer Islam, der im Grunde die fünf Säulen des Islam negiert, wäre natürlich keine Modernisierung des Islam, sondem eher die endgültige Banalisierung islamischen Wissens und Glaubens. Im Ergebnis werden europäische Muslime aber den Begriff oder die Dominanz des Islamismus natürlich aktiv zurückweisen müssen.

In der medialen Auseinandersetzung wird der Begriff „lslamismus“ auf verschiedene Weise eingesetzt, oft meint man nur die einfache Sorge um die mögliche Ideologisierung der Muslime, manchmal ist er auch ein „Kampfbegriff“, der ziemlich alle bekennenden und engagierten Muslime in einen Topf wirft. „Was ist Islamismus?“ wird nur unscharf definiert. Bin ich bereits Islamist, wenn ich die bosnischen Muslime und ihren Überlebenskampf unterstütze oder täglich zur Moschee gehe?

Mehr bekannt als das Wesen ist die Herkunft des Islamismus. Islamismus ist der Ende des vergangenen Jahrhunderts geprägte Überbegriff für verschiedene ideogische Strömungen. Vorher war meist von Islamischem Fundamentalismus die Rede. Der wichtigen Geschichte dieses vor einem Vierteljahrhundert vor allem in Folge der damaligen Krise des arabischen Nationalismus entstandenen Phänomens hat der französische Soziologe und Politikwissenschaftler Gilles Kepel eine detailreiche Arbeit gewidmet. Sie liegt jetzt mit dem Titel „Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus“ auch in deutscher Ausgabe vor.

Gerade weil Kepel kein Muslim ist, gibt das Buch für Muslime recht interessante, man könnte sagen tabufreie Hinweise, den arabischen Modernismus zu hinterfragen. Kepel versteht, dass die unheilvolle Reduktion des Islam auf eine politische Bewegung ein im Grunde neues Phänomen darstellt. Statt von Märkten, Stiftungen oder Architektur wird der Islam nun von „politischen Brandreden gegen den Feind“ bestimmt.

Kepel hatte sich hier schon vorher, unter anderem mit seinem Buch „Die Rache Gottes“ (1994), als engagierter Kritiker erwiesen. Das jetzige Fazit von Kepel: „Die Expansion des militanten Islamismus mit seinen Vorstellungen und Absichten eines Dschihad, eines gerechten Heiligen Krieges gegen die Feinde Allahs, hat ihren Höhepunkt überschritten.“ Schon im Fazit zeigt sich das Dilemma der Bestimmung des Islamismus. Begriffe vermischen sich notwendigerweise. Anmerken muss man zum Beispiel schon vorab, dass die Idee des gerechten, im Ergebnis also totalen Krieges allerdings keine islamische Erfindung ist. Nach der Logik des gerechten Krieges gibt es eines – wenn auch recht fernen – Tages eine gerechte und gute Weltherrschaft, die jedenfalls nach der qur’anischen Offenbarung weder Ziel noch Mission des lslam darstellt. Der Islam verlegt das Paradies ins Jenseits. Globale Herrschaft über den Weltraum und die moderne Idee des Weltstaates sind keine islamischen Denkbewegungen. Das Konzept des „Dschihad“ ist als rechtliches Phänomen eine Begrenzung des Krieges und wird gerade von den modernen „lslamisten“ – falls sie dieses Recht überhaupt kennen – in ihrer Strategie offensichtlich kaum beachtet. Das eigentliche Problem dieses Islamismus ist also insoweit, dass es ganz offensichtlich eine Mischform zwischen westlich-politischem Denken und Islam darstellt.

Dennoch sieht Kepel die Attentate in den USA wohl zu Recht vor dem Hintergrund einer von ihm konstatierten schwindenden Mobilisierungskraft des Islamismus. Dessen Konzepte waren einmal von Südostasien bis Nordafrika für viele einfache Muslime äußerst attraktiv. So gesehen wären die Anschläge der Versuch gewesen, führt Kepel aus, den Prozess des Niedergangs durch einen spektakulären Anschlag auf ein Symbol des sich ausbreitenden westlichen Materialismus aufzuhalten.

Der Franzose vergleicht ihn mit mit dem vergeblichen Versuch einiger extremistischer Gruppen vor zwanzig Jahren, durch Terrorakte dem Niedergang der kommunistischen Ideologie Einhalt zu gebieten – unter ihnen die Rote Armee-Fraktion in Deutschland und die Roten Brigaden in Italien. Wie auch imrner, tatsächlich konnte – wohl auch zur Enttäuschung so mancher westlicher Medien – die islamistische Revolution keinen Nährboden finden. Der Zulauf der Bin-Ladin- Sympathisanten hält sich doch eher in homöopathischer, wenn auch offensichtlich gefährlicher Dosis.

Kepel registriert in seiner Analyse eine lange Reihe von denkwürdigen Misserfolgen der islamistischen Bewegung. Das symbolisch frappierendste Beispiel einer „Trendwende, die von nun an mit großem Nachdruck betrieben werden dürfte“, ist für ihn der Iran. 1979 hatte der Islamismus mit der iranischen Revolution seinen ersten großen Sieg errungen. Zwanzig Jahre nach Ausrufung der „Islamischen Republik Iran“ leidet dort die erwachsen werdende Generation „unter massiver Arbeitslosigkeit, einer repressiven Moral und einer starren Gesellschaftsordnung“, wie Kepel feststellt. So sprach sie sich denn bei den Präsidentschaftswahlen 1997 klar für Mohammed Chatami aus, den „Kandidaten der Veränderung“. Bei den Parlamentswahlen drei Jahre später wurde der überwältigende Sieg der Reformer als ein deutliches Votum der iranischen Gesellschaft gegen die eimnal von Ayatollah Khomeini etablierte soziale und moralische Ordung interpretiert. Khomeinis Staat ist aber vor allem in ökonomischer Hinsicht ganz Staat nach westlichem Vorbild. Diese Ordnung war also nur begrenzt revolutionär. Der Islam ist im Iran vor allem Staatsreligion und dient zur politischen Mobilisierung der Massen gegen den „Feind“. Ganz der dialektischen Gesetzgebung folgend, dass aus einem ideologi­schen Gegenbild gerne ein Eigenbild wird, haben die iranischen Massen den „Feind“ nun langsam liebgewonnen und so mancher Iraner sehnt sich bereits nach amerikanischen Verhältnissen. Die Revolution endet in der Integration.

Es finden sich weitere Beispiele in den meisten Ländern, in denen es frü­her einmal starke islamistische Bewegungen gab. Die Sackgassen ähneln sich. Auf der Suche nach neuen Wegen wird auch die Achtung der Menschenrechte einbezogen sowie das Bemühen um eine muslimische Form der Demokratie – „ein „westlicher“ Begriff, der in islamistischen Kreisen noch bis vor kurzem verfemt war“, wie der Autor anmerkt.

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hatten die hellsten Köpfe unter den Islamisten zu begreifen begonnen, so Kepel, „dass die politische Ideologie die Bewegung überall in eine Sackgasse geführt hatte.“ Ganz in der politischen Logik spaltet sich der Islamismus nun in radikale und liberale Flügel, die sich auch gegenseitig mit Hass übersteigen. Amüsant ist, dass auch die radikalen Gruppen sich gerne gegenseitig vorwerfen, sie seien keine Muslime. So entsteht auch der Nährboden für Wahnsinn.

Als politisches Phänomen gelten für den Islamismus ganz weltliche, auflösende Gesetze. Das sind zunächst kleine Sensationen, denn überhaupt realisiert die Mehrheit der politischen Menschen ja zunehmend, dass eine globale entfesselte Technik und der digitale Kapitalismus sich nicht etwa durch eine ideologische Erhebung beherrschen lassen. Vielmehr ist die Technik selbst, so lehrt es zumindest die neuere Philosophie, zum entscheidenden „Ereignis“ geworden. Das Ereignis ist nicht zuletzt die desillusionierende Beschränkung menschlicher Souveränität. Grundsätzlich aber hat Kepel natürlich Recht, dass der sogenante Islamismus, als eine Ideologie, die den Islam auf Politik reduziert, vom arabischen Erfahrungshorizont nicht zu trennen ist. Der Islamismus ensteht dabei als ideologische Gegenbewegung gegen die despotischen Machthaber des Westens. Dabei befreit sich der Islamismus, insofern als er auch Terror hervorbringt, auch von Begrenzungen der islamischen Lehre und vor allem, der Islamismus ist nicht in der Lage zu definieren, was der Islam in seiner Ganzheit – insbesondere in sozialer und ökonomischer Hinsicht – überhaupt ist oder bedeutet. Der islamische Gottesstaat, das zeigte sogar der mittelalterlich anmutende Talibanstaat, ist zumindest nach außen ein schlichter kapitalistischer Staat. Die Taliban werfen den Islam im Westen zurück: Als politische Ideologie ist der Islam auch für Europäer wenig gewinnend.

Unter den von Kepel genannten Beispielen für die daraus resultierenden Misserfolge des Islamismus sind Ägypten und Algerien, wo Mitte der neunziger Jahre die terroristische Gewalttätigkeit außer Kontrolle geriet. Sie schreckte selbst diejenigen Bevölkerungsgruppen ab, die zu Beginn des Jahrzehnts mit dem Islamismus sympathisiert hatten. Verwiesen wird ferner auf politisches und wirtschaftliches Scheitern nach den Machtübernahmen im Sudan und in Afghanistan. In Indonesien wurde nach dem Sturz des Diktators Suharto, der sich mit der islamistischen Intelligenzia arrangiert hatte, ein Gegner religiösen Einflusses im Staat zum Präsidenten gewählt. In Pakistan wurde Premierminister Nawaz Scharif, Förderer der islamistischen Bewegung, von einem General gestürzt, der sich auf Kemal Atatürk beruft, den einstigen Reformer in der Türkei.

Es ist im Übrigen geradezu ein Kennzeichen des derartigen Islamismus, dass er auf das „wirtschaftliche Problem“ keine islamische Antwort kennt oder vorschlägt. So ist es einigermaßen logisch, dass auch in der Türkei nach der Regierungszeit Erbakans die islamischen Parteien mangels Altemativen auch kapitalistische Parteien bleiben, zumindest wenn man ihren Ruf nach Moral nicht schon als „islamisches Fundament der Ökonomie“ begreift. Hierher gehört auch der wenig erfolgreiche Versuch des Islam im 20. Jahrhundert, nationale Freiheitskriege zu führen. Insbesondere der zweite der beiden Tschetschenienkriege wurde dann durch einen radikalen-­modernistischen Islamismus sinnentfremdet. Der Islamismus ist nach dem Befund des französischen Wissenschaftlers mittlerweile weder darauf erpicht, noch in der Lage dazu, seine Sprachregelungen gegen einen universellen Sprachgebrauch durchzusetzen. „Im Gegenteil, zu Beginn des 21. Jahrhunderts bemühen sich die islamistischen Bewegungen und Parteien um Anerkennung als Demokraten und verurteilen die Repression, der sie ausgesetzt sind in entsprechenden Verwaltungsverfahren. Sie berufen sich dabei auf die allgemeinen Menschenrechte – auf eben jene Werte, die gestem noch als Ausdruck westlicher Gottlosigkeit verunglimpft wurden.“ Oft bedeutet dies allerdings auch, dass dieser neue „liberale“ Flügel wiederum den Islam auf das Politische und auf die Verwaltung der Massen reduziert. Diesmal ein Islam der Funktionäre sozusagen.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem Islamismus auch für Muslime von entscheidender Bedeutung ist. Vor allem ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Islamismus als politisches Phänomen mitnichten den ganzen Islam, schon gar nicht die Faszination des Islam erklärt. Balanciert und ausgewogen wird der Islam nur sein können, wenn auch soziale und ökonomische Konzepte seine Ganzheitlichkeit freilegen. Hierzu gehört auch die Entschiedenheit der Muslime, sich durch niemanden ideologisieren zu lassen.

* Der Text wurde im Februar 2003 in der 68. Printausgabe der Islamischen Zeitung veröffentlicht.

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