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Über das Zusammenspiel von Glaube und Wissen aus muslimischer Sicht. Eine Übersicht von Bilal Erkin

Wege der Erkenntnis

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„Ausgehend von den religiösen Quellen, ist der Mensch stets dazu aufgefordert, sich Wissen in jeglicher Hinsicht anzueignen. Dieses Wissen sollte idealerweise Nutzen für den Wissenden selbst und für sein Umfeld bringen. Zwar lehnt der Islam ein religiöses Wissen ohne ihre Praxis ab, dennoch ist Wissen nötig, um es in der Praxis anzuwenden.“

(iz). Es wird in der Wissenschaft, aber auch innerhalb einer breiterem Bevölkerung, hoch und runter diskutiert, ob der Glaube mit der Wissenschaft im Einklang stehen kann, oder nicht. Von je her beschäftigten sich die Menschen mit der Frage, warum wir auf der Erde sind, wie die Erde aufgebaut ist und was der Sinn des Lebens ist. Es entstanden Religionen, Philosophien, Denkrichtungen und Weltanschauungen, die versucht haben, eine Antwort auf solche Fragen zu liefern und eine logische Erklärung für den Unterschied zwischen Wissen und Glauben zu definieren.

Obwohl sich die gesamte islamische Welt seit der Entstehung des Islam auch mit diesen Fragen auseinandergesetzt hat, wurden ihre Lösungsvorschläge nicht genügend in der deutschen Öffentlichkeit behandelt. Durch den Aufbau von islamisch-theologischen Zentren an deutschen Hochschulen soll die Lücke in der akademischen Auseinandersetzung mit solchen Fragen geschlossen werden.

Was ist Wissen?
Bevor wir uns dem Thema widmen können, wie die Wechselseitigkeit zwischen Glaube und Wissen in der islamischen Religion aussieht und ob es diese überhaupt gibt, müssen die fundamentalen Fragen beantwortet werden, was Wissen und Glaube im islamischen Sinne eigentlich ist. Sokrates hat bereits festgestellt, dass der Mensch weiß, dass er nichts weiß. Doch die erste Grundfrage der europäischen Erkenntnistheorie ist, was der Mensch überhaupt wissen kann. Damit etwas als Wissen deklariert werden kann, muss der Gegenstand des Wissens wahr sein. Außerdem muss derjenige, der Wissen besitzt, eine „angemessene Rechtfertigung für seine entsprechende Überzeugung“ vorlegen können, denn er wird das Wissen in irgendwie erworben ­haben.

Doch was sind die Quellen des Wissens aus islamischer Perspektive? Das arabische Wort für „Wissen“ ist ʿilm. Ähnlich zu den Erkenntnistheoretikern wurde Wissen von vielen muslimischen Gelehrten anders verstanden. Mal bedeutete es „das Entstehen der Vorstellung einer Sache“, mal „das Begreifen eines Begriffes unabhängig davon, ob es gewiss ist oder nicht“ und mal „das Erkennen einer Sache, dessen Wahrheit gewiss ist“. So behauptet beispielsweise Farabi, dass es drei Quellen von Wissen gibt. Die erste Quelle bilden die Vernunft und die fünf Sinne eines Menschen. Die beiden weiteren Quellen seien die Beobachtung und der Instinkt. Avicenna (arab. Ibn Sina) kategorisiert Wissen aus Sicht ihres Wesens und ihrer Form in drei Kategorien: Naturwissenschaften, Metaphysik, Logik und höheres Wissen und Wissen, was zwischen den ersten beiden steht.

Der berühmte Theologe Al-Ghazali unterteilt Wissen in zwei Hauptkategorien: religiöses Wissen und praktisches . Wissen ließe sich durch das Lesen oder durch das Denken erwerben. Zudem gibt es nach Ghazali die Möglichkeit, Wissen durch göttliche Inspiration (wahy/ilham) zugeteilt zu bekommen. Letzteres sei aber nur Propheten und den von Gott auserwählten Personen vorbehalten.

Wie zu sehen ist, gibt es keine einheitliche Definition von Wissen bei muslimischen Gelehrten seit Entstehung der Religion. Erst durch die Relation zum islamischen Glauben erhält Wissen eine besondere Stellung und einen ganz besonderen Stellenwert.

Was ist Glaube?
In der Erkenntnistheorie wird Glauben und Wissen oft entgegengesetzt. Zu glauben, dass etwas ist, kann manchmal auf eine Unsicherheit hinweisen, wohingegen das Wissen, oft die Sicherheit in einer Sache suggeriert. Demnach stünde Wissen mit Gewissheit in Verbindung und Glaube mit Vermutung. In Bezug auf Religion glaubt jeder Mensch an etwas. Ausgehend von (a)religiösen Personen nimmt der Glaube individuell ganz unterschiedliche Formen an.

Interessanter ist die Frage, wie die islamische Religion selbst „Glaube“ definiert. Dazu wird eine sehr berühmte Prophetentradition überliefert. Darin erscheint Erzengel Gabriel dem Propheten Muhammad und seinen Gefährten in Menschenform und fragte den Propheten: „Was ist der Islam?“ Der Prophet antwortet sinngemäß: „Islam ist, dass du die Einheit Gottes bezeugst, dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist, dass du die Almosensteuer entrichtest, dass du fünf Mal am Tag betest, dass du die Pilgerfahrt nach Mekka unternimmst und dass du im Monat Ramadan fastest.“ Er fragte ihn weiterhin: „Und was ist der Glaube (iman)?“. Der Prophet erwiderte: „Iman ist, dass du an Gott glaubst, dass du an die Engel glaubst, dass du an die offenbarten Bücher (Psalter, Thora, Evangelium, Qur’an) glaubst, dass du an die Vorherbestimmung glaubst und dass du an die Existenz des Jüngsten Tages glaubst.“.

Ohne religiöses Wissen, kann jedoch kein Glaube entstehen. Der Mensch muss sich bestimmtes Wissen aneignen beziehungsweise a priori besitzen, damit er eine Überzeugung entwickeln und an etwas glauben kann. Im Islam liefern weitestgehend der Qur'an und die Propheten dieses Wissen. Es hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass Gott den Menschen aus seiner Barmherzigkeit heraus Propheten und Offenbarungsschriften schickt, damit sie ihren Glauben kennenlernen und die gottesdienstlichen Handlungen richtig ausüben können. Das bedeutet, dass die Offenbarungsschriften und die Propheten die Hauptquellen des religiösen Wissens für den Gläubigen darstellen.

Wichtigkeit von Wissen
Es existieren viele Qur’ranverse und Prophetenaussprüchen, die den hohen Wert von Wissen beschreiben und dazu auffordern, sich Wissen anzueignen. Ihre hohe Anzahl erlaubt es an dieser Stelle nicht, alle relevanten Textstellen zu nennen. Um nur einige Beispiele aus dem Qur’ran zu zitieren: „(…) So fragt doch die Wissenden, wenn ihr kein Wissen habt!“ (Al-Anbija, 7) oder „(…) Sprich: ‘Mein Herr, mehre du mein Wissen!’“ (Ta-Ha, 114)

Auch Aussprüche des Propheten Muhammad weisen auf den hohen Wert von Wissen hin. Eine kleine Auswahl sei genannt: „Wehe denen, die nicht lernen. Und wehe denen, die nach dem Gelernten nicht handeln“ oder „Wer auf dem Weg der Wissensaneignung stirbt, (…) erhält einen Rang gleich den Propheten. Lediglich die Prophetie wird ihnen fehlen.“

Ausgehend von den religiösen Quellen, ist der Mensch stets dazu aufgefordert, sich Wissen in jeglicher Hinsicht anzueignen. Dieses Wissen sollte idealerweise Nutzen für den Wissenden selbst und für sein Umfeld bringen. Zwar lehnt der Islam ein religiöses Wissen ohne ihre Praxis ab, dennoch ist Wissen nötig, um es in der Praxis anzuwenden. Aber wie gingen Muslime mit Gegensätzlichkeiten in religiösen Wissenschaften um? Gibt es nicht nur eine einzige Wahrheit?

Gibt es eindeutiges Wissen?
Fast alle Weltreligionen haben einen Wahrheitsanspruch und versuchen dieser Wahrheit argumentativ näher zu kommen. Eine gewisse „Ambiguität“ ist in dieser Hinsicht fast unumgänglich. Die relevante Frage ist, wie „ambiguitätstolerant beziehungsweise –intolerant“ die muslimischen Theologen waren. Thomas Bauer, Islamwissenschaftler aus Münster, betrachtet dieses Problem unter dem Begriff „Ambiguitätskrise – Ambiguitätszähmung“. Viele Gelehrte der islamischen Tradition beenden ihre Werke mit den Worten „Gott weiß es am besten“. Dies zeugt von einer gewissen Bescheidenheit und lässt der Pluralität freien Platz. Daher ist es nicht unüblich, dass völlig verschiedene Meinungen, sogar gegensätzliche, zu ein und demselben Sachverhalt nebenher existieren konnten.

Mit dem Einfluss des cartesianischen Denkens begann die islamische Gelehrsamkeit Widersprüche zu beseitigen, sodass nur eine einzige Methodologie zur wahren Erkenntnis führen kann. Damit standen sie völlig im Gegensatz zur eigenen Gelehrtentradition. Dies führte auch dazu, dass der moderne Traditionalismus, wie der Salafismus, entstehen konnte. Entgegen der Behauptung, dass die Salafisten rückständig sind und den Urzustand des Islam herbeiwünschen, ist ihre Denkweise doch modernistischen Richtungen nicht ganz so fern. Eine gewollte Schwarz-Weiß Malerei scheint für die Kategorisierung komplexer Konzepte einfach zu fallen. Deshalb gewinnen sie unter Jugendlichen leicht an Popularität.

Der Qur’ran spricht in sehr vielen Versen davon, dass nur Gott der einzig Wissende ist. Nach sunnitischer Theologie hat nur Er das absolute und richtige Wissen über die Dinge, die schon existieren und über die Dinge, die nicht existieren. Die Menschen, die Er geschaffen hat, haben von Ihm Auffassungsvermögen und Verstand erhalten, was ihn von den Tieren unterscheidet und mit dem er sich Wissen aneignen kann. Propheten und Offenbarungen sandte Gott nur aus Barmherzigkeit an die Menschen hinab, um diesen Vorgang zu beschleunigen.

Dennoch können viele Wege zum Ziel führen. Gott hat den Menschen viele Möglichkeiten dargeboten, um sein Wohlgefallen zu erlangen und ins Paradies einzutreten. Daher behaupte ich: Wissen ist eindeutig, doch nur Gott kennt dieses allumfassende und eindeutige Wissen. Er kann bestimmten Menschen dieses Wissen in beschränktem Maße geben. Der Mensch ist aus eigener Bemühung nur imstande, absolutes Wissen über das Diesseits zu erlangen. Wir erhalten nur Anzeichen durch Offenbarungen und Propheten. Aber es bleibt beim „Glauben“.

Mystische Qur'anexegese
Erste Wissensquelle für die Qur’ranauslegung ist der Qur'an, also die Worte Gottes selbst. Die zweite Quelle ist die Prophetentradition (Sunna). Sie setzt sich zusammen aus den Worten, Taten und Schweigemomenten des Propheten Muhammad. Aus diesen beiden Quellen heraus entstand in der Frühphase der Qur'anauslegung die Exegese durch Überlieferung. Später etablierte sich die Auslegungsmethode durch individuelle Interpretation des Exegeten, basierend auf den beiden Quellen Qur'an und Sunna. Die „mystische“ Qur'anexegese bildet innerhalb der islamischen Deutungstradition eine gesonderte Stellung. Ihre Verfasser sind oft Sufis, die die Qur'anverse durch „Entdeckung“ und „göttliche Inspiration“ interpretierten. Eines ihrer Ziele war es, die niedere Triebseele derart zu erziehen, um einen vollkommenen Status zu erreichen, wo sie ihn nicht mehr in Versuchung führt. In diesem Zustand wäre der Sufi Gott sehr nah und ihm wäre der Weg der „Liebeseinigung mit Gott“ (fana’ fi’l-lah) zugänglich. Diese Interpreten die Unterscheidung zwischen dem offensichtlichen Sinn und dem verborgenen Sinn. Dieser Sinn sei nicht jedem Menschen zugänglich, sondern nur den von Gott auserwählten Personen.

Das überlieferte Gleichnis von Musa (Moses) und Al-Khidr im Qur'an ist oft die Legitimationsgrundlage für ein gottgegebenes Wissen, das nur bestimmten Personen zuteil werden kann. Mit anderen Worten, erheben Mystiker fast nie den Anspruch, die absolute Wahrheit zu kennen oder die absolut richtige Ansicht zu haben. Dennoch sagen sie, dass der Qur'an, neben dem offensichtlichen Sinn eine tiefere Bedeutung hat, die nicht jeder kennt. Diese Bedeutungen werden nicht rational hergeleitet, sie basieren eher auf mystischen Erfahrungen und göttlichen Inspirationen. Für den Empiristen, Rationalisten und Skeptizisten ist diese Art von Wissen anfechtbar.

Glaube an Wissenschaft
Mit der Industrialisierung in Europa und der damit verbundenen technischen Überlegenheit der westlichen Welt gegenüber muslimischen Ländern entstand bei einigen Denkern und Theologen die Überzeugung, dass diese Überlegenheit naturwissenschaftlichen Errungenschaften zu verdanken sei. Umgekehrt betrachtet positionierten sie sich ganz klar gegen die nicht hinterfragte Nachahmung der Religion und versuchten stattdessen, einen naturwissenschaftlichen Blick auf die religiösen Quellen zu werfen. Demnach könne der Qur'an und die Natur nicht im Widerspruch zueinander stehen.

Krampfhafte Bemühungen, alle Auslegungen der religiösen Quellen rational und naturwissenschaftlich zu legitimieren, formten die modernistisch-reformistische Theologie im 19. Jahrhundert. Eine der einflussreichsten Persönlichkeiten dieser Richtung ist ohne Zweifel Muhammad ‘Abduh. Er wurde durch seine „wissenschaftliche Qur'anauslegung“ mit dem Titel „tafsir al-manar“ berühmt. Dieses Werk wagt eine kritische Reflexion von bisher überlieferten Glaubensprinzipien und versucht diese (natur)wissenschaftlich zu legitimieren.

Eine Fortführung dieser modernistisch-reformistischen und stark apologetischen Denkrichtung hat ihre Existenz bis in die heutige Welt sichern können. Daher mag es nicht verwunderlich klingen, wenn in einigen zeitgemäßen Qur’­anauslegungen die Evolutionstheorie bestätigt wird, Naturkatastrophen nicht auf Gott, sondern auf Naturgesetze zurückgeführt und übermenschliche Wundertaten von Propheten allegorisch verstanden werden. Zusammengefasst sind diese Art von theologischen Ausrichtungen das beste Beispiel dafür, dass die positiven Wissenschaften derart starken Einfluss auf den Glauben nehmen können, sodass am Ende das Sakrale profan verstanden und erklärt wird.

Der umgekehrte Blick
Eine umgekehrte Situation finden wir in der Geschichte der islamischen Welt, wo der Glaube und die Offenbarungstexte als Quelle und Ausgangspunkt von bestimmten weltlichen Wissenschaften waren. Viele Theologen behaupteten daher, dass der Qur'an auch naturwissenschaftliche Aussagen besitzt. Als die Muslime durch ihre Expansion mit nichtmuslimischen Regionen in Kontakt kamen, übersetzten sie ab dem 8. Jahrhundert im Auftrag des Kalifen Texte hellenistischer Wissenschaftstradition und erhielten somit Zugang zu Wissenschaften wie Philosophie, Logik und Geometrie.

In einer Zeit, in der Wissenschaften in muslimischen Regionen florierten, wurden die Werke positiver Wissenschaften übersetzt. Man kann also sagen, dass von Muslimen einer der „wichtigsten Impulse zur Rezeption des griechischen Rationalismus in Europa ausging“. Die muslimische Gelehrsamkeit versuchte die Welt zu erforschen. Den Rahmen dafür lieferte die Religion selbst. Das rituelle Gebet erfordert zum Beispiel die Einhaltung von bestimmten Tageszeiten. Der Muslim muss sich also mit dem Stand der Sonne und mit der genauen Zeitmessung beschäftigen. Das Gebet muss in Richtung Mekka verrichtet werden. Dieser Umstand erfordert Kenntnisse der Geografie. Die Almosensteuer oder die Erbverteilung geschieht nach bestimmten Prozentsätzen. Hier bedarf es an Kenntnissen der Mathematik, um die Steuer berechnen zu können. Was damit gesagt werden will, ist, dass die Muslime sich mit diesen Fragen sehr früh beschäftigt haben und durch eine Vertiefung die Materie wissenschaftlicher Erkenntnisse erlangen konnten. Welche Errungenschaften die muslimischen Länder erreicht haben, ist in vielen Werken ausführlich zusammengefasst und beschrieben.

Schlusswort
Wir sehen am Ende, dass zwar Glaube und Wissen nicht dasselbe sind, sich aber auch nicht unbedingt widersprechen müssen. Der Übergang von Religion und Wissenschaft ist fließender als man es auf Anhieb annehmen mag. Die muslimische Sicht auf diese Thematik ist mit der vorliegenden Arbeit nicht völlig ausgeschöpft und schreit regelrecht nach detaillierterer Betrachtung und Forschung. Sie sei daher lediglich ein Gedankenimpuls für StudentInnen, die Interesse an der Thematik haben und zur Sache forschen möchten.

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