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Über den Propheten Hiob und die Geduld

Ahmet Inam stellt die gleichnishafte Geschichte eines Propheten vor

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Foto: Eberhard von Wächter (1762–1852), via Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

(iz). Eine der interessanten „Kurzgeschichten“ im Qur’an ist die Geschichte über den Propheten Ajjub, dem biblischen Hiob/Ijob. In den Qur’anversen 41-44 der Sure Sad wird die Geschichte Ajjubs das erste Mal (nach Offenbarungsreihenfolge) kurz wiedergegeben. Diesen Versen zufolge wurde er mit einer großen Heimsuchung geprüft. Nach erfolgreichem Bestehen dieser Prüfung gab Allah ihm Heilung und Barmherzigkeit und machte Ajjub zu einer Ermahnung sowie einem Vorbild für die Menschen.

Ein Offenbarungshintergrund für diese Geschichte findet sich in den exegetischen Werken nicht, doch in Anbetracht dessen, dass diese Verse zur Zeit der Mekkanischen Periode offenbart wurden – in einer Zeit, in der die Muslime systematisch ausgegrenzt, diffamiert, verfolgt, um ihr Hab und Gut beraubt und zum Teil auch ermordet wurden –, können wir davon ausgehen, dass diese Geschichte für die Muslime dazu gedient haben dürfte, Ajjub in diesen schwierigen Zeiten als Beispiel zu nehmen und sich in Geduld zu üben.

Die Geschichte dieses Propheten lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Allah prüfte seinen Propheten – und die Propheten wurden stets härter geprüft als andere Menschen – und während dieser versuchte Schaitan, ihn beharrlich zum Aufruhr gegen seinen Schöpfer anzustacheln. Ajjub erkannte die kommenden Heimsuchungen allesamt als eine Prüfung und ließ sich nicht auf die Einflüsterungen ein. Er verlor seine Kinder, sein Heim, sein Reichtum und seine Gesundheit und jedes Mal versuchte Schajtan von Neuem, ihm etwas einzuflüstern, jedoch vergebens.

Schließlich gab Allah für das Bestehen der Prüfung – seine Geduld und Standhaftigkeit – Ajjub die Gesundheit, seine Kinder und sein Reichtum in doppelter Menge wieder zurück. Während diesem Test war es einzig seine Frau, die weiterhin bei ihm blieb, ihm zur Seite stand, ihn versorgte und mit Fürsorge behandelte. Als sie aus einer mensch­lichen Reaktion heraus etwas sagte oder tat, was Ajjub nicht gefiel, schwor er, sie dafür zu bestrafen. Die exegetischen Werke sprechen von der Absicht, einhundert Schläge aus­zuüben. Doch genau dieser Eid, diese Überreaktion hat Ajjub schließlich als eine Einflüsterung Satans erkannt, zumal er erst dann – beachtet man die Reihenfolge dieser Geschichte (unter anderem bei Razi) – Gott um Hilfe bat. Er erkannte seinen Fehler gegenüber der Person, die er liebte und die ihm bei dieser harten Zeit stets zur Seite stand. An diesem Punkt verlor Ajjub seiner eigenen Ansicht nach den Kampf. In dem Moment erhörte Allah sein Gebet, beschrieb Ajjub als geduldig und als ein trefflichen Diener und gab ihm all das wieder zurück, was er Ihm vorher genommen hatte. Damit Ajjub nicht zu jemandem wurde, der seinen Eid bricht, gab Gott ihm eine Möglichkeit, mit der er zum einen seinen Schwur halten konnte und zum anderen seiner Frau kein Leid zugefügt würde. Mit einem Bündel – die Interpretation dieses Wortes sind vielfältig – sollte er sie einmal schlagen.

Während viele Exegeten von einem symbolischen Schlag sprachen, gab es auch solche, die es als einen tatsächlichen Schlag ausgelegt haben, wobei niemand von einem harten Hieb ausging. Diese Auslegungen mögen heute Unbehagen hervorbringen, doch handelt es sich bei diesen Exegeten um Gelehrte aus der Zeit des Mittelalters (Ar-Razi, 1210; ­Kathir 1313; Qurtubi 1272). Sie stammten also aus einer Zeit, in der in vielen Teil der Welt (zum Teil bis heute) strenge Züchtigungen der Frau die Norm waren. Dennoch gingen die Intepretationen in die Richtung des symbolischen oder – wenn überhaupt – leichten Schlags.

In den Qur’anversen 41-44 der Sure Sad taucht seine Frau erst gar nicht auf und nirgends wird von einer Schuld gesprochen. So heißt es in diesem besagten Vers: „Und (wir sagten weiter zu ihm): ‘Nimm ein Bündel in die Hand und schlag damit zu! Und werde nicht eidbrüchig!’“ Dagegen findet sich eine falsche Handlung der Frau Hiobs in der Bibelerzählung, in dem Buch Hiob. Dort soll sie ihrem Ehemann gesagt haben (Hiob 2, 9): „Und seine Frau sprach zu ihm: ‘Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!’“ Wohl aus dieser und weiteren Geschichten beziehungsweise Interpretationen – die muslimischen Historiker und Exegeten bedienten sich der biblischen Geschichten – thematisierten die muslimischen Gelehrten erst die Frau mit diesem Vers, doch anders als in der Bibelpassage wird sie in den exegetischen Werken (und auch in den wenigen Überlieferungen) als eine fromme und fürsorgliche Frau beschrieben, die Ajjub aufgrund seiner Frömmigkeit liebte und ihm in dieser schwierigen Zeit zur Seite stand. ­Dagegen werden zwei seiner Brüder kritisiert, die voreilig über ihn urteilten, dass er eine große Sünde begangen haben müsse, da sonst Gott ihm diese Prüfung nicht auferlegt ­hätte.

Für uns Muslime gelten die Handlungen der Propheten als vorbildhaft und anhand dieser Geschichte lässt sich diese vorbildhafte Handlung der Propheten in der Person Ajjubs nochmals erkennen. Selbst wenn wir davon ausgingen, dass der besagte Vers die Frau meint, wäre es nicht falsch, ja sogar lehrreich, zu verstehen, in welchem Zustand er diesen Eid gab: Ajjub wird hart geprüft, verliert seine Kinder, seinen Reichtum und ihn befällt eine Krankheit, die so schmerzhaft ist und den Körper so stark befällt, sodass niemand an seiner Seite bleibt, bis auf seine Frau. Sie, die ihn auch in diesem Zustand liebt und sich fürsorglich um ihn kümmert, sagt aus Sorge und Kummer um ihn etwas Falsches, woraufhin er im Zustand mentaler und körperlicher Schwäche, am Ende seiner Kräfte, reflexartig einen Eid gibt, seine Frau zu bestrafen. Jedoch erkennt er anschließend diese Überreaktion als einen Fehler an und bittet schließlich Allah um Hilfe. In eben diesem Zustand, in dem Ajjub überreagierte und diesen Schwur gab, erkannte er, dass der Schajtan mit seiner Einflüsterung diesmal erfolgreich war. Denn im gesunden Zustand hätte Ajjub einen solchen Eid niemals gegeben oder das Schlagen befürwortet. So auch der Prophet Muhammad, der die Muslime, die ihre Frauen schlugen, zu den Schlechtesten seiner Gemeinschaft zählte.

Heute ist die Gewalt gegen die Frau weiterhin präsent und die Gründe sind vielfältig: von Soziopathen, die ihre Frauen gerne schlagen, über ungeduldige Männer bis hin zu Fällen der Gewalt, welche durch den Alkohol­konsum entstehen. Dieses Unrecht ist weitverbreitet in dieser Welt und so auch in der muslimischen, da die Muslime vergessen zu haben scheinen, die Propheten als Vorbilder zu nehmen.

Es findet sich zwar kein Offenbarungshintergrund zu diesen Versen, doch an dieser Stelle erwähnt Ar-Razi in seinem Tafsirwerk einen Offenbarungshintergrund zu dem Vers 78 der Sure Al-Hadsch, in der die Verse 30-44 der Sure Sad thematisiert werden. Die Muslime – diesmal in Medina – waren dabei, die Lehren in diesen Versen zu verinnerlichen und sie zu verstehen. Vor der Geschichte Ajjubs wird der Prophet Sulaiman (Salomon) zusammen mit der von Allah erhaltenen Macht und dem Reichtum erwähnt, mit denen er ebenfalls geprüft wurde. Er bestand die Prüfung, zumal am Anfang seiner Geschichte (Sad, 30) Sulaiman von Gott als „vortrefflicher Diener“ gepriesen wird. Das gleiche Lob bekommt auch Ajjub am Ende seiner Geschichte (Sad, 44). Die Muslime, welche die beiden Propheten verglichen, kamen zu dem Schluss, dass sie, selbst wenn sie gewollt hätten, nicht zu den vortrefflichen Dienern gehören könnten. So soll Kummer in ihre Herzen Eingang gefunden haben. Denn sie waren nicht in der Lage, die Macht und den Reichtum Sulaimans zu erlangen, und gestanden sich ein, nicht die Geduld und Standhaftigkeit Ajjubs bei schweren Heimsuchungen zu besitzen. Als Antwort auf diesen Kummer hin, soll Allah die letzten beiden Sätze des Verses 78 der Sure A-Hadsch offenbart haben, in denen es heißt: „Er ist doch euer Beschützer. Allah ist der beste Hüter und der beste Helfer.“ Ar-Razi interpretiert nun, dass Allah hiermit sagen will: „Du wirst vielleicht nicht zu den „Vortrefflichsten“ gehören, doch Ich bin der Beste Hüter. Wenn von dir etwas Unnützes kommt, so ist die Gnade von Mir. Wenn du ein Fehler begehen solltest, so ist die Barmherzigkeit von Mir.“

Aus dieser Geschichte lassen sich für Muslime (und allgemein) mehrere Weisheiten und Lektionen entnehmen. Neben der Lektion, dass das „Schlagen der Frau“ als teuflische Einflüsterung zu erkennen ist, sind die Geduld und Standhaftigkeit Ajjubs in schwierigen und schlechten Zeiten ein universelles Beispiel „für diejenigen, die Verstand besitzen“ (Sad, 43). Solche Zeiten machen die Muslime gerade in Europa durch die zunehmende und teilweise gefährliche Islamophobie und in den muslimischen Ländern durch die Extremisten mit Sicherheit durch. Statt aber den Weg der Auflehnung gegen Gott zu beschreiten oder reaktionär und unüberlegt zu handeln, sollte der Gottesehrfürchtige das Beispiel der Propheten nehmen. Dieser Weg mag nicht so leicht sein, wie der Weg, den Gefühlen und Emotionen freien Lauf zu lassen, doch es ist der Weg, der Gott genehm ist. Es ist der Pfad für Menschen mit Verstand.

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