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Über den Unterschied zwischen zulässiger Israel-Kritik und Antisemitismus. Ein Kommentar von Orhan Kemal Cengiz

Debatte: Was ist legitim?

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(Zaman). Ich habe gerade das interessante Buch “Will Israel Survive?” von Mitchell G. Bard gelesen. Es handelt sich dabei um die leidenschaftliche Verteidigung Israels und seines Vorgehens. Das Buch versucht sich an der Rechtfertigung sämtlicher israelischer Handlungen und offenbart auf interessante Art und Weise die Einstellung und Psychologie mancher Menschen, die jede Handlung des Staates Israel bedingungslos rechtfertigen.

Darin findet sich ein interessanter Abschnitt über Antisemitismus, den ich gerne mit Ihnen teilen möchte. Das Buch versucht sich an der Unterscheidung zwischen legitimer Israel-Kritik und Antisemitismus. Lesen wir gemeinsam: “Der Unterschied zwischen legitimer Kritik jedoch und Antisemitismus ist üblicherweise recht deutlich und kann, wie Natan Sharansky anmerkte, mit dem 3D-Test nachgewiesen werden. Der positive Nachweis von irgendeinem dieser 'Ds' ist normalerweise ein Beleg für Antisemitismus.
Das erste D ist der Test für Dämonisierung: Werden Israel und seine Führer dämonisiert und werden ihre Handlungen unverhältnismäßig überzeichnet dargestellt? Die Gleichsetzung von Israel mit Nazideutschland ist ein Beispiel für diese Dämonisierung.
Das zweite D ist eine Abfrage auf Doppelmoral. Das heißt, wenn Israel von den Vereinten Nationen für vermeintliche Menschenrechtsverletzungen verdammt wird, während Staaten, die die Menschenrechte massiv verletzen – wie Iran, Syrien oder Saudi-Arabien – nicht einmal erwähnt werden.
Der dritte D-Test für Antisemitismus betrifft Delegitimisierung: Infragestellung des Existenzrechts Israels ist immer antisemitisch. Anders als echte Kritiker sind Antisemiten nicht an einer Verbesserung der israelischen Gesellschaft interessiert. Ihr Ziel ist die kurzfristige Delegitimisierung des Staates und seine langfristige Destruktion. Es gibt nichts, was Israel tun könnte, um diese Kritiker zu befriedigen.”

Interessant, nicht wahr? Ich frage mich, ob Sie den Test bestehen würden? Von dieser Perspektive aus betrachtet kann der Großteil der Israel-Kritik als antisemitisch eingestuft werden. Es ist gar nicht meine Absicht, zu diskutieren, ob alle Elemente dieses Testes gültig sind oder nicht. Ohne Zweifel enthält er ein Element der Wahrheit und das allein gibt genug Anlass, darüber nachzudenken. Ich denke, dass er auch ein gutes Kriterium für andere Arten der Kritik darstellt.

Wie zu erwarten war kam es nach den Vorgängen um den Gaza-Konvois zu einer erheblichen Berichterstattung über die Türkei, führende Politiker der regierenden AK-Partei und ihren Führer, Recep Tayyip Erdogan. Der Chor der Kritiker begann, sein altes Lied anzustimmen. “Islamistische Türkei übernimmt sich”, “Türkischer Zusammenprall der Kulturen” und “Islamismus 2.0” waren nur einige wenige von zehntausenden Artikeln und Blogeinträgen. Sie singen das gleiche “Lied”, das seit Ausbruch der Krise um den Konvoi im weltweiten Netz erschienen ist. Angesichts der jüngsten, von der UNO angenommenen Iransanktionen und der türkischen Neinstimme, war es klar, dass diese Stimmen lauter werden würden. Jene Artikel wurden von einigen Kommentatoren geschrieben, die – da bin ich mir ziemlich sicher – der Genauigkeit des Testes zustimmen werden. Ich empfehle seine Anwendung auf eben jene und andere Artikel, in denen Erdogan und seine regierende AK-Partei zu “Islamisten” erklärt werden, aufs Wärmste.

Ich würde diese Kriterien gerne modifizieren: Werden die AKP und ihre Führer dämonisiert und ihre Handlung unverhältnismäßig dargestellt? Darüber kann kein Zweifel bestehen. Der Test für Doppelmoral lautet: Wäre der Deal zwischen dem Iran, der Türkei und Brasilien beispielsweise durch zwei europäische Staaten erzielt worden, wäre Ihre Reaktion die gleiche? Hätte die UNO trotz des Deals Sanktionen beschlossen? Das dritte “D” ist die Frage nach Deligitimisierung: Das Infragestellen des Rechts der AK-Partei auf die Regierung ihres Landes, indem permanent unterstellt wird, sie verfolge eine geheime Agenda und dass sie eines Tages ihr wahres Gesicht zeigen werde. Ich glaube, dass es nichts gibt, was die AKP tun könnte, um jene Kritiker zufrieden zu stellen.

Um mit Mr. Bard zu sprechen: Es gibt natürlich berechtigte Kritik an der AK-Partei nach Maßgabe verschiedener Gründe. Aber diese verkommene, prähistorische Behauptung über die versteckten Absichten der regierenden Partei ist extrem islamophob. Wir haben genug davon. Hört auf, unterhalb der Gürtellinie zu schlagen.

* Der vorliegende Text erschien am 14. Juni erstmals auf der Webseite der türkischen Tageszeitung “Zaman” (englische Ausgabe).

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