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Über die Aufgabe der Lehre

Was machen muslimische Theologen oder Islamwissenschaftler in Deutschland eigentlich?

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Foto: Trexer, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY SA.30

Ich soll über muslimische Anstandsliteratur referieren. Außer heutige in der Türkei zeitgenössisch verfasste Werke oder Abdulfettah Abu Guddes „Adabi Muasarat“ finde ich leider wenig. Gestern am Buchstand der Islam- und Kulturwoche finde ich ein Buch des andalusischen Dichters und Denkers ibn Hazm: „al-ahlak ve’s siyer fi müdavat’i n-nufus“, türk. Titel: „Erdemli insanin yol haritasi“. In einem Kapitel geht es um Charakter und Anstandsnormen. Ratschläge eines Mannes der vielleicht höchsten Zivilisation, welche die Erde je hervorgebracht hat.

Die Aufgabe der muslimischen Theologen und Islamwissenschaftler ist es, mir als Germanisten Werke der muslimischen Zivilisation zur Verfügung zu stellen. Goethe kam zu falschen Schlüssen über Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, und die islamische Lehre, weil Herr Hammer-Purgstall ihm falsche Informationen zur Verfügung stellte. August Schlegel fragte den Orientalisten Georg Wilhelm Freytag, wo sich im Qur’an die Stelle finde, in der Märchen und Poesie verboten werden, von der Hammer-Purgstall in seiner Geschichte der schönen Redekünste Persiens (Goethes Hauptquelle) im Vorwort spricht, zu finden ist, doch da solch ein Verbot nicht existiert, konnte es nicht gefunden werden. Es kann sich lediglich um eine Interpretation seitens Hammer-Purgstall handeln. Eine falsche, die Goethe falsche Informationen zur Verfügung stellte und dadurch zu der Aussage führte, dass Muhammed den Arabern eine „düstre Religionshülle“ übergestülpt habe.

Nun, ich lebe im Jahr 2019 und ich wünsche mir Übersetzungen, Übertragungen der muslimischen Hochzivilisationen. Hätte Goethe Gedichte von Fatih Sultan Mehmet lesen können, so hätte er über ihn nicht gesagt, dass er ein „schrecklicher“ Sultan gewesen sei. Hätte Hegel die Informationen eines Thomas Bauer und Frank Griffel gehabt, so käme er zu anderen Schlüssen als dem, dass die Araber – das heißt Muslime – lediglich das griechische Wissen überliefert haben.

Als Germanist wünsche ich mir ibn Hazm auf Deutsch. Ich wünsche mir das Werk Tabakatu’l-Umem (Eine Geschichte der Wissenschaft verschiedener Völker) von Sâid El-Endelusî auf Deutsch (auf Türkisch gibt es dieses Buch kostenlos im Internet).

ich wünsche mir Gedichte der osmanischen Dichters Nabî, Ziya Pascha, Bakî und Sulaiman, dem Prächtigen auf Deutsch, damit ich als Germanist besser arbeiten kann. Mögen die Arabisten, Islamwissenschaftler und Turkologen ihren Job machen, damit ich meinen besser machen kann. Mein Job ist es Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, um ein harmonischeres Klima der deutschen Gesellschaft zu bewirken.

Ein Beispiel: Fuzuli, ein osmanischer Poet, und Goethe haben ein ähnliches Verständnis von der Poesie. Goethe betrachtet die Poesie als „weltliches Evangelium“, das dem Poeten selbst und dem Rezipienten Freude mache und hier und da auch Lehren enthalten solle. Fuzuli sagt im Vorwort zu seinem Diwan „Wissen ist das Fundament des Gedichtes.“ Drei Nutzen habe die Poesie: Sie bringe 1. dem Dichter und 2. dem Rezipienten Freude und 3. mache sie den Dichter unsterblich.

Wäre Goethe dies bekannt gewesen, so käme er zu anderen Schlüssen und auch die deutsche Literatur hätte andere Werke vorzuweisen: Der West-östliche Diwan hätte andere Anmerkungen erhalten. Was hätte Goethe über Fuzuli geschrieben, über Nabî? – Fragen über Fragen…

Ich wünsche, dass die Islamwissenschaftler, Theologen, Turkologen usw. ihren Job besser machen mögen. Momentan scheinen sie mir ideologisch an die Wissenschaft heranzugehen. Jeder scheint daran interessiert, dass sein Islamverständnis sich durchsetze, statt Schriften zur Verfügung zu stellen und die Bevölkerung entscheiden zu lassen, wovon sie sich inspirieren und bereichern und was sie unbeachtet lassen möchte.

Der Staat selbst muss ein Interesse daran haben, dass die Wissenschaft floriert; wo er es nicht hat und ständig über Kopftuch und Fasten und über andere Angelegenheiten schwadroniert, kann dieses Land nicht florieren. Um ein harmonisches Klima in der Gesellschaft herzustellen, müssen wir verstehen, was unser Vordenker: Johann Gottfried Herder meint, als er sagte:

Als Araber einen Teil Europas überschwemmten und Jahrhunderte darin wohnten, konnten sie nicht anders als Spuren, wie ihrer Dichtkunst, so auch ihrer Wissenschaften und Sitten lassen. Durch jene, die Dichtkunst, haben sie vielleicht so viel gewirkt als durch diese, die Wissenschaften, die wir fast alle aus ihren Händen empfingen; und die Sitten sind ein Gefolge von beiden. Es kam ein Geschmack des Wunderbaren, des Abenteuerlichen in Unternehmung, Religion, Ehre und Liebe nach Europa (…).

(Herder: Ueber die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten: Dritter Abschnitt, Erstes Kapitel)

Einander kennenzulernen stellt Harmonie und Eintracht in der Gesellschaft her. Dies ist unser aller Ziel, drum: Gebt uns ibn Hazm, Fuzuli, Bakî auf Deutsch… Annemarie Schimmel ist ein schönes Vorbild in diesem Unterfangen…

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Ahmet Aydin

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