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Über die Hadithe: Von den prophetischen Überlieferungen und ihren Wissenschaften. Von Hassan Ritter

Der Gesandte Allahs hat gesagt... (5)

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(iz). Im letzten Teil unserer Serie über die Hadithwissenschaft wird zunächst die Darstellung der Schritte der Hadith-Überprüfung fortgesetzt. Es folgen abschließend einige Überlegungen zur Bedeutung der klassischen Hadithwissenschaften in unserer heutigen Zeit.

Unterstützende ­Überlieferungen finden
Wenn ein Hadith durch andere Überlieferungen entweder wortwörtlich oder in der Bedeutung gestützt wird, erhöht sich dadurch automatisch sein Grad an Authentizität, vorausgesetzt, dass jene Überlieferungen nicht allzu schwach sind. Auch hierbei muss also der gesamte Hadithkorpus in Betracht gezogen werden. Als Regel galt unter den frühen Hadithgelehrten, dass ein Hadith meist nicht akzeptiert wurde, wenn es auf keiner Ebene der Überlieferer, das heißt weder unter den Gefährten, noch unter deren Nachfolgern, noch unter deren Nachfolgern usw. eine zumindest in der Bedeutung ähnliche und dieses Hadith stützende Überlieferung gab. Dies hing jedoch wiederum vom erwähnten Vorgehen in Schritt 2 ab, das heißt inwiefern die Überlieferer eines solchen Hadithes an sich verlässlich waren.

Die hier dargelegten Vorgehensweisen beschreiben in knapper Form die grundlegenden Mechanismen der frühen Hadithkritik. Dabei vermisst man vielleicht den Bezug auf den eigentlichen Inhalt des Hadithes, den Text (Matn). Tatsächlich wurde und wird von einigen Orientalisten eine fehlende kritische Auseinandersetzung mit dem Text von Hadithen durch die Hadithgelehrten „bemängelt”. Man findet aber bei Al-Bukhari und Muslim Hadithe, die sie aufgrund deren Inhaltes nicht akzeptierten. So heisst es in einer Überlieferung: „Der Prophet untersagte das Zerbrechen von sich im Umlauf befindlichen muslimischen Münzen.” Al-Bukhari kommentiert hierzu, dass Muslime erst seit Beginn der umaijadischen Dynastie Münzen prägten, diese also zur Zeit des Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, noch nicht im Umlauf waren und der Hadith somit nicht akzeptiert werden könne.

Nichtsdestotrotz war die am Text orientierte Kritik eher selten, vor allem da man sich der Beschränktheit des menschlichen Verstandes hinsichtlich des Wortes des Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, der Kunde über das Verborgene gab, bewusst war. Das heißt der semantische Fehler, den man in einem Hadithtext meint gefunden zu haben, ist in Wirklichkeit vielleicht eher ein Denkfehler des Interpretierenden. Und sollte der Zweifel am Text eines Hadithes dennoch groß sein, so sollte der vermeintliche Fehler mittels der erwähnten Isnadkritik auffindbar sein.

Bedeutung für die heutige Zeit
Wenn man bedenkt, dass es seit den Imamen der Rechtsschulen keine Gelehrten mehr gab, die aufgrund ihres umfassenden Wissens als Mudschtahid Mutlaq in der Lage waren, rechtliche Regelungen unmittelbar aus den Primärquellen (Qur’an und Sunna) abzuleiten, wobei sie sich natürlich auch intensiv mit Hadithen und deren Authentizität auseinandersetzen mussten, und dass es seit langem nicht einmal mehr Gelehrte gibt, die aufgrund ihres hohen Grades an Gelehrsamkeit als Mudschtahid ihrer eigenen Rechtsschule gelten, fragt man sich vielleicht, welche Relevanz die Hadithwissenschaften für die Muslime heute haben. Hinzu kommt, dass Hadithgelehrte heute nicht mehr in der Lage sind, Hadithe hinsichtlich ihrer Authentizität neu zu bewerten (sofern dies überhaupt nötig wäre), da es auch hier seit Jahrhunderten keine Gelehrten mehr gibt, die ebenfalls aufgrund ihres hohen Grades an Gelehrsamkeit in diesem Bereich als Muhaddith (ungefähre Bedeutung: „Hadithexperte”) oder gar Hafidh (Hadithbewahrer) gelten, die zehntausende, ja hunderttausende Hadithe mitsamt ihren Isnaden auswendig wissen und die Experten sind, was deren Zusammenhänge, historische Kontexte, Überlieferer usw. betrifft.

Man hat heute außerdem nicht mehr den gleichen Zugang zu den Quellen der Hadithüberlieferung, den einst Al-Bukhari und Muslim hatten. Diese lebten im Zeitalter der Überlieferung (‘Asr Ar-Riwaja), trafen die Überlieferer, von denen sie zitierten, noch persönlich und hatten Einblick in schriftliche Quellen, die heute leider nicht mehr existieren.

Wozu also die Beschäftigung mit einer Wissenschaft, die mit ihrem Höhepunkt im 3./4. Jahrhundert der Hidschra in gewisser Weise auch zu ihrer Vervollkommnung beziehungsweise Vollendung gelangt ist? An dieser Stelle sollen hierzu nur einige Ansatzpunkte aufgezeigt werden, die alles andere als den Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

Natürlich kann man eine Wissenschaft um ihrer selbst Willen betreiben. Die Methoden der frühen Hadithgelehrten, die es zunächst einmal zu verstehen und zu erfassen gilt, und die Rigorosität, mit der diese angewendet wurden, kann man als Vorbild für objektives wissenschaftliches Arbeiten heranziehen. Es wäre vielleicht interessant, diese mit den Methoden der modernen Geschichtswissenschaften zu vergleichen. Zudem wird einem die Erhabenheit dieser Wissenschaften, die in der erwähnten Rigorosität und Exaktheit der Hadithgelehrten, zuallererst jedoch in der außerordentlichen Persönlichkeit des letzten Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, gründet, bewusst, je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, und somit wächst auch das Vertrauen in die Beurteilungen der Gelehrten hinsichtlich der Authentizität der Überlieferungen und damit in die Überlieferungen selbst. Man glaubt beziehungsweise weiß eben nicht nur, weil die Gelehrten es wissen. Vor allem zwei geschichtliche Entwicklungen haben dazu geführt, dass die Hadithwissenschaften für die Muslime heute wieder von großer Bedeutung sind beziehungsweise sein sollten. In den letzten Jahrhunderten, genauer gesagt bis zum 19./20. Jahrhundert, beschäftigten sich immer weniger Gelehrte insbesondere im arabischen Raum eingehend mit den Hadithwissenschaften, was unter anderem dazu führte, dass zahlreiche gefälschte Hadithe Einzug in Werke verschiedenster islamischer Diszplinen hielten, anscheinend ohne dass dies bemerkt wurde. Lediglich auf dem indischen Subkontinent scheint es eine ununterbrochene Tradition der Hadithgelehrsamkeit gegeben zu haben, in den letzten Jahrhunderten vor allem aufgrund der Bemühungen von Schah Waliullah Ad-Dihlawi (gest. 1176/1762) und dessen Nachkommen. Im Zuge der Kolonialisierung der islamischen Welt oder zumindest kultur­imperialistischer Bestrebungen westlicher Nationen beschäftigten sich auch Orientalisten mit den Hadithwissenschaften, in den meisten Fällen offensichtlich mit dem Ziel, eines der Fundamente islamischer Identität zu untergraben und somit auch intellektuell die Vorherrschaft über die somit entwurzelten Muslime zu ergreifen.

Betrachtet man die Werke zahlreicher islamischer Modernisten, so scheint dieses Vorgehen die erwarteten Früchte eingebracht zu haben, da die Authentizität eines Großteils der Hadithe auch von ihnen oft angezweifelt wurde. Die vorgebrachten Erklärungen zu einer solchen angeblichen, vorsätzlichen Fälschung eines solch umfassenden Werkes mit den tausenden daran beteiligten Personen, die scheinbar nicht nur daran interessiert gewesen sein müssen, jeden Bericht, den sie vom Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, übermittelt bekamen, für authentisch zu erklären, damit sie eine Basis für ihre Religion hatten, zeugen hierbei doch eher von einer Verschwörungstheorie gigantischen Ausmaßes als von konstruktivem wissenschaftlichen Vorgehen.

Insbesondere „konservativ-salafitische” Gelehrte beschäftigten sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts wieder intensiver mit den Hadithen. Während man Muhammad Nasir Ad-Din Al-Albani, einem ihrer prominentesten Vertreter, zu Gute halten muss, dass er für eine Wiederbelebung der dahin schlummernden Hadithwissenschaften sorgte, wurde dennoch schon bald eingewendet, dass er falsche Schlussfolgerungen aus seiner Beschäftigung mit den Hadithen zog. Hadithe wurden entgegen der Ansichten der frühen Hadithgelehrten für „authentisch”, „schwach” oder „gefälscht” erklärt und rechtliche Regelungen wurden direkt aus den Primärquellen abgeleitet, obwohl Al-Albani für beides die Voraussetzungen hinsichtlich des Gelehrtengrades bei weitem nicht erfüllte. Zudem wurde kaum zwischen „schwachen” und „gefälschten” Hadithen unterschieden, obwohl Ahmad ibn Hanbal sogar rechtliche Regelungen aus schwachen Überlieferungen ableitete, wenn er keine anderen Quellen fand. Während die Mehrheit der Gelehrten dieses Vorgehen zwar ablehnte und hier Analogieschlüsse oder ähnliches vorzog, so wurden schwache Überlieferungen jedoch nie gänzlich verworfen, da eine gewisse Wahrscheinlichkeit blieb, dass sie tatsächlich auf den Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, zurückgingen.

In der Folge gibt es heute mehr und mehr Gelehrte, die sich wieder mit dem Hadithkorpus beschäftigen, sich dessen Wissenschaften jedoch etwas demütiger nähern, das heißt nicht unmittelbar eigenständige Urteile über den Grad der Authentizität von Hadithen erlassen, aufgrund der enormen Komplexität, die in dieser Artikelreihe in knapper Form dargelegt wurde. Es werden auch keine ­eigenständigen Rechtsurteile aus den ­Primärquellen abgeleitet, so als ob Generationen muslimischer Gelehrter der vier Rechtsschulen, die das islamische Rechtssystem immer weiter perfektionierten, über mehr als eintausend Jahre zum Großteil schlicht im Irrtum gewesen wären.

Es geht vielmehr weiterhin um das Erlernen und Erforschen dieser Wissenschaften, um zu verstehen, in welcher Form uns das prophetische Erbe erreicht hat, damit man den gegenwärtigen Herausforderungen in diesem Bereich gewachsen ist und damit dieses Wissen wiederum an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Auch wenn derzeit keine Muhaddithun wie einst Ahmad ibn Hanbal oder später Ibn Hadschar Al-Asqalani unter uns weilen, so bietet die Moderne zumindest einen gewissermaßen leichteren Zugang auf den fast unüberschaubaren Ozean der Überlieferungen und die dazu übermittelten Einschätzungen und Kommentare der Gelehrten, und zwar in Form von verschiedenen PC-Programmen, welche die großen Hadithsammlungen enthalten und mit denen man ziemlich schnell einen Großteil aller Überlieferungen und Kommentare zu einem Hadith abrufen kann. Dies kann aber eben nur eine Erleichterung vor allem für die Forschung im akademischen Bereich sein und kann den Gelehrten, der all diese Hadithe, deren Überlieferer und Zusammenhänge im Kopf hat, nicht ersetzen. Es bleibt also zu hoffen, dass der nicht zu übersehende Aufschwung in den Hadithwissenschaften der vergangenen Jahrzehnte weiterhin anhält.

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