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Über die Hadithe: Von den prophetischen Überlieferungen und ihren Wissenschaften. Von Hassan Ritter

Der Gesandte Allahs hat gesagt... (2)

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(iz). Es ist bekannt, dass einige Gefährten Hadithe auf so genannten Sahifas (Papyrus, Pergament, Palmblätter und ähnliches) niederschrieben, die jedoch nur zum Privatgebrauch und womöglich als Gedankenstütze dienten. Zu den Gefährten, die Hadithe auf Sahifas schrieben, gehören Ali ibn Abi Talib, Abu Huraira, Dschabir ibn Abdullah und Abdullah ibn ‘Amr bin Al-’As. Von letzterem wird berichtet, dass er alles, was er an Hadithen auswendig lernte, zunächst aufschrieb. Manchmal wurden diese Sahifas auch an die nächste Generation weitergegeben. Die älteste bis heute erhaltene Sahifa stammt von Hammam ibn Munabbih (gest. 130/747), einem Nachfolger (Tabi’i) der Gefährten.

Die mündliche Weitergabe von Hadi­then war dennoch von weit größerer Bedeutung als deren Niederschrift. Es ist für uns heutzutage vielleicht nicht mehr leicht nachvollziehbar, wie zu jener Zeit enorm große Mengen von Texten (Qur’an, Hadith, Gedichte usw.) auswendig gelernt und weitergegeben werden konnten. Dies war jedoch zunächst Teil der arabischen Kultur und wurde dann in die islamische Tradition übernommen, in der das Auswendiglernen bis heute, wenn auch in geringerem Maße, einen hohen Stellenwert hat.

Wie erwähnt waren in der arabischen Gesellschaft vor der Zeit des Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, nur sehr wenige des Schreibens mächtig, weshalb man auf ein gutes Gedächtnis angewiesen war. Die damaligen Araber waren berühmt dafür, lange Qasidas ­[Lieder] auswendig rezitieren zu können, und sie kannten nicht nur ihre eigenen Abstammungslinien über Generationen hinweg, sondern auch die der arabischen Stämme und Stammesführer. Mög­licherweise half ihnen dabei auch ihre recht einfache Lebensweise und ihre ­karge Umwelt. Mit Sicherheit aber versetzte ihnen ihr Bekenntnis zum Islam als der ultimativen Wahrheit einen zusätzlichen Antrieb für ihr bereits vorhandenes Erinnerungsvermögen zur ­Bewahrung des Qur’ans und der Sunna des Propheten.

Von einigen Gefährten wird überliefert, dass sie selbst nach dem Tod des Propheten sehr skeptisch waren, was das Niederschreiben der Hadithe betrifft. Umar ibn Al-Khattab befürchtete, dass die Hadithe dem Qur’an gegenüber bevorzugt werden könnten, und Ibn Sirin überlieferte, dass „sie (die Gefährten) der Ansicht waren, dass die Kinder Isra’ils in die Irre gingen, als sie ihre Überlieferungen niederschrieben“ (‘Itr, Nur ad-Din, Minhaj An-Naqd fi ‘Ulum Al-Hadith, Dar Al-Fikr, 1997).

Das allgemeine Sammeln und Niederschreiben der Hadithe in Bücher und deren Verbreitung innerhalb des islamischen Reiches sollte erst im zweiten Jahrhundert der Hijra vonstatten gehen, und zwar auf Anordnung des Kalifen Umar ibn ‘Abd Al-’Aziz. Eine Verwechslung von Hadithtexten mit dem Quran oder ein Infragestellen dessen höchsten Stellenwertes standen bis zu jener Zeit sicher außer Frage.

Nachdem der Prophet, Allahs Segen und Frieden auf ihm, diese Welt verlassen hatte, reisten zunächst viele der Gefährten in unterschiedliche Regionen des jungen islamischen Reiches, um ihr Wissen weiterzugeben, und somit kann man auch in den Hadithwissenschaften regionale Schulen erkennen, die auf besonders gelehrte Gefährten zurückgehen. In Damaskus wurde die frühe Hadithtradition insbesondere durch Abu Ad-Darda geprägt, in Homs durch Mu’adh ibn Dschabal, in Basra durch Anas ibn Malik, in Kufa durch Ibn Mas’ud, in Isfahan durch Salman Al-Farisi, in Mekka durch Ibn ‘Abbas und in Medina durch ‘Aischa, Abu Huraira und andere. Hadithe wurden oft in sehr großen Versammlungen weitergegeben, das heißt gelesen, diktiert, erklärt, aufgeschrieben und kopiert. Zahlreiche Berichte zeugen davon, dass die Anzahl der Anwesenden bei solchen Hadithzirkeln manchmal bis in die Zehn­tausende ging, weshalb man vieler Schüler bedurfte, deren Aufgabe es war, die Worte des Hadithgelehrten bis in die hintersten Reihen weiterzuleiten. Auf diese Art wurden die Hadithe von Gene­ration zu Generation weitergeleitet. Sie wurden auswendig gelernt und zum Teil niedergeschrieben, was jedoch eher als Gedankenstütze diente und nicht als Nachschlagewerk für die Allgemeinheit gedacht war.

In den so genannten Musannaf-Sammlungen wurden Hadithe dann zum ersten Mal systematisch niedergeschrieben. Ziel dieser nach Themen geordneten Sammlungen von Hadithen, Überlieferungen der Gefährten und deren Nachfolgern sowie Meinungen von Gelehrten, war es, in schriftlicher Form Hilfestellungen für alltägliche Fragestellungen am Vorbild der prophetischen Sunna zu geben. Der Fokus lag hierbei also nicht auf den Hadithen an sich, sondern auf rechtlichen Angelegenheiten, und man kann die Musannaf-Werke somit als Beginn der Kanonisierung des islamischen Rechts verstehen.

Die ältesten Musannaf-Sammlungen stammen von Sufian Ath-Thauri (gest. 161/778) und Ibn Dschuraij (gest. 150/767), beide berühmte Hadithgelehrte. Die älteste erhal­tene Musannaf-Sammlung ist die Muwat­ta von Malik ibn Anas (gest. 179/795), auf den die malikitische Rechtsschule zurückgeht.

In den darauf folgenden Musnad-Sammlungen wurden Hadithe nach Gefährten und deren Überlieferungsketten (Isnad, pl. Asanid) geordnet. Dies hatte den Vorteil einer besseren Überprüfbarkeit ihrer Authentizität, und nun standen die Hadithe an sich und weniger deren Inhalt im Vordergrund. Die Musnad-Sammlungen waren also gewissermaßen die Grundlagen für die Hadithwissenschaften in schriftlicher Form. Zu dieser Zeit war es durchaus üblich, dass Gelehrte auf Reisen enorme Strecken zurückzulegten, um Hadithe zu sammeln. Der früheste und bis heute erhaltene Musnad stammt von Abu Dawud At-Tayalisi (gest. 204/819), der bekannteste ist jedoch ohne Zweifel der von ­Ahmad ibn Hanbal (gest. 241/855), der aus nach seinen eigenen Angaben 750.000 Hadithen eine Auswahl von ca. 27.700 Hadithen von ca. 700 Gefährten zusammenstellte. Musnads waren also meist sehr umfangreiche Sammlungen, deren Überlieferungen jedoch noch nicht nach Authentizität geordnet waren.

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