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Über die Khutba heute – sie ist keine Plattform sozialer Medien

Usman Omar über Missverständnisse bezüglich der freitäglichen Ansprache im Gemeinschaftsgebet

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Foto: Wilfried Dechau

(Fiqh of Social Media). Einmal die Woche, für rund 30 Minuten, ­sitzen wir am Freitagmittag in der Moschee und hören der Freitagspredigt (arab. khutba) zu. Was ist der eigentliche Zweck dieser ­An­sprache und was sind die Erwartungen der ZuhörerInnen? Wie nutzen für diese wö­chentliche Gelegenheit des Gesprächs in der Gemeinschaft?

Wie bei den meisten Dingen ist entscheidend, bei den Grundlagen zu beginnen. Alles andere kann danach angesprochen werden. Es gibt ein gesamte Qur’ansure, die dem Tag des Freitagsgebetes (arab. jumu’a) gewidmet ist. Der ultimative Befehl Allahs wird im letzten Teil des Kapitels formuliert: „Oh ihr, die Iman habt, wenn am Freitag zum Gebet gerufen wird, dann eilt zu Allahs Gedenken und lasst vom Kaufgeschäft ab. Das ist besser für euch, wenn ihr es nur wüsstet.“ (Al-Dschumu’a, Sure 62, 9)

Vor diesem Vers gibt es Aussagen, die uns einen Einblick in den Zweck der wöchentlichen Khutba geben: „Alles, was in den Himmeln und was auf der Erde ist, preist Allah, den König, den Heiligen, den Allmächtigen und Allweisen.“ (Al-Dschumu’a, Sure 62, 1) Allah ist der Fokus von unserem ganzen Handeln. Seine Namen sind eine Erinnerung an Allahs Größe und darauf, dass wir Seiner in unserem Alltag gedenken müssen. „Er ist es, Der unter den Schriftunkundigen einen Gesandten von ihnen hat erstehen lassen, der ihnen Seine Zeichen verliest, sie läutert und sie das Buch und die Weisheit lehrt, obgleich sie sich ja zuvor in deutlichem Irrtum befanden – und andere vor ihnen, die sich ihnen noch nicht angeschlossen haben. Und Er ist der Allmächtige und Allweise.“ (Al-Dschumu’a, Sure 62, 2-3)

Hier findet sich eine grundlegende Blaupause für die Khutba – erst Spiritualität, dann Erziehung. „Seine Zeichen vorliest“ bedeutet, dass sich die Leute in all ihrem Tun zuerst und vor allem anderen an Allah erinnern. „Sie läutert“ heißt, sie spirituell wachsen zu lassen. Dadurch werden die Leute zu spirituellem Wachstum ermuntert, sodass sie sich erneut mit Allah in Verbindung setzen können. „Und sie das Buch und die Weisheit lehrt“ beschreibt die Erziehung. „Zuvor in deutlichem Irrtum befanden“ – man sollte immer Hoffnung in das Publikum haben und ihnen nicht wegen ihrer Lage oder ihrem Rand zürnen. Dieser Prozess der Erinnerung, Inspiration, Lehre und des Dienstes am Nächsten setzt sich fort: „Das ist Allahs Huld, die Er gewährt, wem Er will. Und Allah besitzt große Huld.“ (Al-Dschumu’a, Sure 62, 4)

Das Halten der Freitagsansprache ist ein Privileg und ein anvertrautes Gut (arab. amana). Sie ist eine Botschaft im Namen Allahs, des Erhabenen, und Seines Gesandten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Wir müssen sie entsprechend ehren, ansonsten kann sie von uns hinweg genommen werden. „Das Gleichnis derjenigen, denen die Thora auferlegt wurde, die sie aber hierauf doch nicht getragen haben, ist das eines Esels, der Bücher trägt. Schlimm ist das Gleichnis der Leute, die Allahs Zeichen für Lüge erklären. Und Allah leitet das ungerechte Volk nicht recht.“ (Al-Dschumu’a, Sure 62, 5)

Das ist eine Warnung davor, wie manche Prediger in der Vergangenheit handelten. Die Aufgabe der Führung ist die Inspiration, Motivation und das Fördern eines Verlangens nach mehr in den Leuten. Hier handelt es sich nicht um das bloße Abliefern einer Botschaft – als Erledigung einer Pflicht –, um dann hinwegzugehen.

Anhand einer Umfrage unter US-amerikanischen Muslimen wurde deutlich, dass die Leute dasjenige wollen, was in Einklang mit der qur’anischen Offenbarung steht. Warum kriegen sie das mehrheitlich nicht? Es gibt viele mögliche Antworten, aber insbesondere einen Trend: Die Khutba wird in eine soziale Medienplattform verwandelt. Der Freitag ist derjenige wöchentliche Zeitpunkt, an dem die Leute auf der ganzen Welt aufmerksam in der Moschee sitzen und zuhören. Das ist eine Gelegenheit, ihnen in ihrer Spiritualität zu helfen.

Von manchen wird sie als Chance gesehen, diese Aufmerksamkeit für einen partikularen Zweck (sozial, politisch oder anderweitig) zu nutzen. Statt der Konzentration auf die Essenz des Dins richtet sie sich auf Dinge wie Spendensammeln oder Ähnliches. Das soll nicht heißen, dass solche Dinge an sich schlecht seien oder unpassend in einer Khutba. Die entscheidende Frage ist eine von Prioritäten und des Dienstes an der Gemeinschaft.

Wenn die Führung sich auf die Leute und ihre Bedürfnisse konzentriert, spiegelt sich das in ihrer Botschaft wider. Fokussiert sie sich auf ihre eigenen Projekte und Anliegen, dann ist das ebenfalls am vermittelten Inhalt zu erkennen. Es wird häufig als Gegenargument irgendeine Art von Notwendigkeit eingeworfen: das wäre die einzige Chance, soundsoviele Leute zu erreichen, damit man Spenden einsammeln oder die Leute zu einem bestimmten Thema aufklären könne.

Als regelmäßiger Khatib (jemand, der die Khutba hält) erhalte ich häufig Anfragen über Dinge wie den Verkauf von Alkohol, Jugendliche und Drogen, persönliche Hygiene oder Spendenaufrufe zu sprechen. Die Liste ließe sich fortsetzen – jede Menge soziale Anliegen und politische Fragen. Ein Teil der Prediger ist nicht qualifiziert, über jene Themen zu sprechen, denn sie sind keine Imame oder Gelehrte. Häufig handelt es sich dabei um Berufstätige, die der Gemeinschaft dienen wollen, indem sie über spirituelle Fragen reden, so weit es ihnen möglich ist. Will jemand wie ich am Freitag aufstehen und über Dinge wie seelische Gesundheit sprechen, würde das nicht zu mehr Aufklärung darüber beitragen. Es wäre ein Bärendienst für die Gemeinschaft, denn ich würde das Publikum vom Minbar zu etwas führen wollen, wovon ich keine Kenntnis haben.

Eine Khutba ist nicht das einzige Mittel an die Gemeinde zu appellieren. Man kann ­Programme am Freitag oder am Samstag organisieren, Email-Verteiler einrichten, Videos aufnehmen oder auf jede andere Option zu­rückgreifen, die uns die heutige Technologie bietet. Eine Isolierung der Freitagsansprache als einzigem Mittel, sendet die Botschaft, die Leute würden einem nicht zuhören, solange man sie nicht dazu zwingt. Das deutet an ein Kommunikationsproblem und einen Mangel an Geduld an. Unglücklicherweise geht das auf Kosten der allgemeinen Spiritualität unter den Anwesenden.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Es kommt oft auf den richtigen Weg und die Vermeidung der falschen Art an, etwas anzusprechen. Ich habe bereits erwähnt, dass jemand wie ich, der eine Khutba über psychische Gesundheit halten würde, kontraproduktiv sein könnte. Nichtsdestotrotz ist sie eine enorme Gelegenheit. Eine Chance, den Leuten bei der Annäherung an Allah und der Rechtleitung durch den Propheten zu helfen, möge Allah ihn ­segnen und ihm Frieden geben. Jeder Freitag birgt in sich die Chance, einen kleinen Samen der Inspiration und auferweckte Seelen auszusäen.

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