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Über die leidigen Bauprobleme hinaus: Was ein muslimisches Gebetshaus ist und was nicht. Von Wolf D. Ahmed Aries

Der Lärm um die Moschee

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(iz). Wer immer in diesem Lande über Religion diskutiert, der muss die historisch gewachsenen Begriffe der christlichen Theologie benutzen. Dabei ist es gleichgültig, ob sie für die Gläubigkeit des Sprechers passen oder nicht. So wird der Begriff der „Kirche“ mit der „Moschee“ gleichgesetzt, obwohl das einzig Gemeinsame zwischen beiden ist, dass es sich um ein Gebäude handelt, deren Zweck die Versammlung der zu einer Glaubensgemeinschaft sich zugehörig fühlenden Menschen ist. Zu einer christlichen Kirche gehören jedoch etliche andere Bestandteile wie ein priesterlicher Seelsorger, ein Territorium (Sprengel) und darauf lebende Gläubige, eine Hierarchie, die je nach Kirche beim Papst, Patriarchen oder einer Synode endet; und die Amtsträger verfügen häufig über eine durch Weihen legitimierte Amtsautorität. Alles dies gehört nicht zu welcher Moschee auch immer.

Um christlich-theologisch erzogenen Mitbürgern die Funktion einer Moschee zu erläutern, sollte der muslimische Gesprächspartner mit dem Gebet beginnen, denn es ist die zweite Säule muslimischer Gläubigkeit, von ihm her gewinnt die Architektur ihre Maße. Bei den verschiedenen christlichen Kirchen ist es ein Altar, eine Kanzel oder eine Art Bühne, vor der sich die Gläubigen versammeln. Muslime stehen hingegen Schulter an Schulter gen Mekka zum Hause Ibrahims gewandt. Diese Anordnung der Menschen ergibt zwangsläufig ein Rechteck. Die Richtung wird durch den Qur’an vorgegeben und kann heute im Internet etwa unter der Adresse Qiblalocator.com jederzeit abgerufen werden.

Die Mehrheit der deutschen Mitbürger hat gemäß der gewohnten arabisch-zentrierten Blickweise Mitteleuropas die osmanische Kuppelarchitektur vor Augen und deren kunstvoll ausgestattete Innenräume. Sie ist für die südöstlichen Nachbarn repräsentativ, doch wer sich in der weltweiten muslimischen Gemeinschaft umschaut, der entdeckt eine große bauliche Vielfalt. Sie reicht von geradezu prunkvollen Gebäuden bis hin zu sehr schlichten. Es gibt muslimische Gemeinschaften, die der Auffassung sind, dass ein Gebetsraum aus nicht mehr als weiß gekalkten Wänden und einem mit höchstens Bastmatten belegten Innenraum bestehen darf. Hier ist der Gläubige auf den Grundgestus eines jeden Gebetes verwiesen: Er oder sie steht, beugt sich und fällt vor Ihm in Seine Barmherzigkeit.

Nur, all diese Körperhaltungen fügen sich nur zu einem Gebet zusammen, wenn der Einzelne vor dem Gebet die notwendige Absicht, beten zu wollen (arab. Nijja), bekannt hat. Niemand hört dieses Bekenntnis, und niemand hat das Recht es einzufordern, denn es ist allein an Ihn, den Erhabenen, gerichtet. Diesem äußerlichen Schweigen entspricht das schweigende Bekenntnis, christlich gesprochen, das Credo. Der Muslim spricht es vor Gott, schweigt aber äußerlich. Hingegen sprechen die meisten Christen ihr Bekenntnis laut unter der Leitung des Priesters oder Pfarrers.

An die Moschee haben sich im Laufe der Jahrhunderte eine ganze Reihe von sozial wichtigen Funktionsräumen angegliedert. Sie reichen von den Räumen für die Reinigung, einer Armenküche, einer Bibliothek, einem Krankenhaus beziehungsweise Zawijja (türk. Tekke). In Europa sind es Teeküchen und Unterrichtsräume, die Wohnung für den Imam sowie Geschäftsräume, über deren Mieteinnahmen die Kosten für den Unterhalt des Gebäudes mitgetragen werden. Die gleiche Funktion hat das Vorderhaus, wenn die Moschee selber im Hof des Gartenhauses liegt. Praktischerweise verfügen die großen Freitagsmoscheen über mindesten ein Minarett, sodass der Gebetsruf von allen Seiten vernommen werden kann. Die vielen kleine Moscheen in den Stadtteilen oder auf den Dörfern kommen ohne einen solchen Turm aus.

Im Gegensatz zur Finanzierung der hiesigen Kirchenbauten müssen vor allem die kleinen, de facto privaten Moscheen von den örtlichen Gläubigen selbst getragen werden. In Deutschland sind kaum Gelder von Außen in den Bau eines Moscheegebäudes geflossen. Es mag eine säkulare Gesellschaft befremden, dass Mitbürger bereit sind, für einen religiösen Bau über eine längere Zeit tief in die eigene Tasche zu greifen. Dies ist kein Ausdruck einer Machtdemonstration oder der Ausdruck kultureller Dominanz, sondern Folge gelebter Gläubigkeit. Alles dies wird in den öffentlichen Debatten um die Moschee nicht thematisiert.

Die Probleme beginnen in einem ganz anderen Zusammenhang, nämlich dann, wenn der Vorstand eines Vereines eine Bauvoranfrage bei der örtlichen Kommune einreicht, die beim Blick in die Bauleitplanung feststellt, dass die Planung kein „kirchliches“ Gebäude vorsieht. Also bedarf es eines Verfahrens, das über einen Beschluss der Stadtrates läuft, um die Bauleitplanung zu ändern. Und spätestens von diesem Augenblick an ist die Öffentlichkeit präsent. Jetzt treten alle „Pro“-Gruppen auf den Plan, die in den kommenden Podiumsdiskussionen auftreten werden.

Wenn man einmal von den populistischen Behauptungen absieht, dann hört man quer durch alle Debatten hindurch die gleichen Argumente: Der Bau beziehungsweise Umbau führe zu Verkehrs- und Parkplatzproblemen, zu akustischen Belästigungen und Zerstörung des Stadtbildes, die Größe des Baukörpers stehe im Gegensatz zur Umgebung, der Bauträger sei verfassungsrechtlich dubios, die künftigen Besucher wohnen gar nicht im Stadtviertel und der künftige Imam werde ein Unruheherd, denn die Imame seien doch alle fundamentalistisch. Und sollte jemand die verfassungsrechtliche Garantie der Religionsfreiheit erwähnen, so heißt es gleich, dass die islamischen Staaten sie erst einmal umsetzen sollten, als wären die Menschenrechte verhandelbar. Im Grunde steht hinter den Argumenten vieler örtlicher Gegner eines Moscheebaus die Befürchtung, dass der Wert der eigenen Immobilie sinkt und das eigene Stadtviertel sozial absteigen könnte. Merkwürdigerweise wird dies bei einem muslimischen Arzt, welcher Fachrichtung auch immer, nicht befürchtet.

Angesichts solchen Lärms fragen sich die Verantwortlichen, wie sie den zu erwartenden Lärm vermeiden oder doch wenigsten reduzieren können. Schon die von Professor Leggewie für die Herbert-Quandt-Stiftung erarbeitete Broschüre empfiehlt frühzeitig Aufklärung. Doch diese reicht offensichtlich nicht aus, sodass man den Betreffenden nur empfehlen kann, schon mit dem Beginn der Diskussion in den eigenen Reihen die Politiker und die Stadtverwaltung einzubinden; und mit dem Erwerb des Baugrundstückes die künftigen Nachbarn zum Tee einzuladen. Hinzu kommt eine gehörige Portion Geduld.

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